Ein wilder Ritt Die Lehren des Bayern-Spektakels gegen Ajax

Riesiger Jubel und trotzdem Frust: Das 3:3 der Bayern war eine emotionale Achterbahnfahrt. Foto: imago

Das 3:3 des FC Bayern bei Ajax Amsterdam war eine "extrem emotionale Europapokalnacht". Ein Spektakel mit vielen Fehlern. Sportdirektor Hasan Salihamidzic: "Wir können es besser, das wissen wir."

 

München - Es gibt Spiele, die haben keinen Sieger, keine Helden. Öde Partien ohne Schwung, Aufreger und Esprit. Beim 3:3 der Bayern gegen Ajax in Amsterdam war es "korrekt", wie es Karl-Heinz Rummenigge nach Mitternacht während seiner Bankettrede ausdrückte, "dass wir keinen Verlierer gesehen haben".

Mal abgesehen von Rot-Sünder Thomas Müller und seinem wilden Tritt. "Das war sicherlich eine extrem emotionale Europapokalnacht, die wir erlebt haben", befand Bayerns Vorstandschef und erlaubte den Spielern zu feiern, "ein bisschen" zumindest.

Es ist ja noch nicht Weihnachten. Schließlich war der Gruppensieg dieser Champions-League-Vorrunde eines der (Etappen-)Ziele der Hinrunde. Unter Carlo Ancelotti war dies 2016/17 (Zweiter hinter Atlético) sowie unter Jupp Heynckes 2017/18 (Zweiter hinter Paris) nicht gelungen.

FC Bayern erstmals seit zehn Jahren in der Gruppenphase ungeschlagen

"Lieber Niko", wandte sich Rummenigge spätnachts an den erkälteten Trainer Kovac: "Dir und deiner Mannschaft herzlichen Glückwunsch dazu!" Erstmals seit zehn Jahren blieb man in der Gruppenphase ungeschlagen, letztmals gelang dies 2008/09 – unter Trainer Jürgen Klinsmann.

"Es ist nicht so einfach. Jeder denkt, dass die großen Namen alle 18 Punkte einfahren", sagte Kovac über die sechs Spiele der Vorrunde, "wir haben 14 geholt, sind zufrieden." Dennoch: Nach fast 100 Minuten Achterbahn-Fußball wussten die Bayern-Profis wie auch die Verantwortlichen nicht, wie sie dieses Champions-League-Spiel werten sollten.

Die Zuschauer, das war klar, hatten in der Johan-Cruyff-Arena "Voetbal totaal" gesehen, Fußball total. In den 1970er Jahren hatte die holländische Schule diese Philosophie und damit Taktik hervorgebracht. Trainer Rinus Michels und Spieler Cruyff prägten diese Art von Fußball, bei der die gesamte Mannschaft angreifen oder verteidigen sollte.

3:3 in Amsterdam: Für die einen gut, für die anderen nicht

Fast wie beim Mittwochs-Spektakel. Sechs Tore, vier davon in der Schlussviertelstunde, zwei Elfmeter, zwei Rote Karten, zweimal führte Bayern, einmal Ajax – totaler Wahnsinn, dieses 3:3. Ein wilder Ritt.

Der, so Sportdirektor Hasan Salihamidzic, bei ihm "leichte Herzrhythmusstörungen" ausgelöst habe. Ihm entfuhr ein "Puh!", weil er so gelitten habe auf der Bank. Die Bewertungen des 3:3 fielen total unterschiedlich aus. "Wir haben ein sensationell gutes Spiel gesehen, das war Werbung pur für den Fußball", sagte Kovac. Stimmt. Aber die Gegentreffer und das Verspielen der 1:0- sowie 3:2-Führung stellten eklatante Mängel dar, ganz zu schweigen davon, dass Ajax mehr Ballbesitz (55 Prozent) hatte.

"Wir haben kein gutes Spiel gemacht, das einzig Positive ist, dass wir Gruppenerster sind", urteilte Salihamidzic ungewohnt harsch. Das nette Bürschchen Brazzo, plötzlich ein Motzki im Stile von Matthias Sammer, einem seiner Amtsvorgänger: "Wir konnten uns nur ganz selten befreien, hätten in der ersten Halbzeit drei, vier Chancen nutzen müssen, aber dann haben wir das Spiel komplett aus der Hand gegeben – das darf uns natürlich nicht passieren. Wir können es besser, das wissen wir."

3:3 in Amsterdam: FCB-Profis selbstkritisch

Denn durch das Remis nach zuvor drei Siegen am Stück überwog bei den Spielern die Selbstkritik. "Ajax hat ganz klar den besseren Fußball gespielt, da müssen wir nicht drumherumreden", fand Joshua Kimmich, "die besseren Chancen aber hatten wir."

Leon Goretzka meinte: "Wir hätten das Spiel in der ersten Halbzeit schon entscheiden können, standen vier-, fünfmal alleine vor dem Ajax-Tor, weil die so risikoreich nach vorne verteidigt haben. Wenn du da richtig abgezockt bist, gehst du mit einem 4:0 oder 4:1 in die Kabine. Dann ist das Spiel nach der ersten Halbzeit schon gelaufen."

Wie reif die Bayern in ihrem Jahr des Umbruchs wirklich sind, wird die K.o.-Runde zeigen. Derart wilde Ritte werden die Gegner 2019 bestrafen.

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