Ein Jahr nach Grusel-Fund Mord oder Totschlag? BGH prüft Urteil zu acht toten Babys

Mit einer Aktenmappe vor dem Gesicht steht die wegen Mordes angeklagte Andrea G. im Juli 2016 vor dem Landgericht Coburg. Foto: dpa

Die Mutter bekommt 13 Kinder. Zum Schluss tötet sie ihre Neugeborenen, wenn diese schreien. Acht Babys sterben. Doch warum verhindert die Frau nicht, überhaupt schwanger zu werden?

 

Wallenfels - Sie hat nicht verhütet, sie hat nicht abgetrieben, sie hat die Säuglinge nicht in eine Babyklappe gelegt. Ihre erste Schwangerschaft, da ist sie 18, bemerkt sie erst an dem Tag, an dem sie das Kind zur Welt bringt. Es folgen zwölf Kinder. Acht davon sind tot.

Vor einem Jahr, am 12. November 2015, waren die Leichen dieser Babys gefunden worden, im Haus der Mutter und des Vaters im oberfränkischen Wallenfels. Die heute 46-Jährige hat zugedrückt, wenn ihre Neugeborenen schrien. Vier dieser Kinder hätten, sagen die Rechtsmediziner, leben können.

Deshalb hat das Landgericht Coburg die Mutter zu 14 Jahren Haft verurteilt, wegen Totschlags. Den Vater (56) sprachen die Richter frei. Die Staatsanwaltschaft hatte gefordert, dass die Frau wegen Mordes eine lebenslange Gefängnisstrafe bekommt und der Mann wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wird. Die Behörde legte deshalb Revision ein. Der Fall geht jetzt an den Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe, der prüft, ob das Urteil rechtmäßig ist.

"Horror-Mutter" aus Wallenfels

Für das Urteil der Öffentlichkeit gibt es keine Instanz, die es überprüfen würde auf Gerechtigkeit. Der Babyleichenfund im Elternhaus war bundesweit und sogar im Ausland eine große Story für die Medien. "Horror-Mutter", stand da zum Beispiel.

Auch bei ihrer eigenen Familie konnte die Frau nicht auf Milde hoffen. Ihre eigene Mutter nannte sie vor Gericht eine "eiskalte Mörderin" - und hatte Jahre zuvor entschieden, dass ihre Tochter sich sterilisieren lassen müsse. Mit deren Mann und Bruder beschloss sie das, über den Kopf der Frau hinweg. "Das", sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung, "kann eine Frau schon als Angriff auf ihre Integrität empfinden - und innerlich rebellieren."

Die beiden Töchter aus ihrer ersten Beziehung lebten nicht mehr bei der Frau in dem Familienhaus in Wallenfels. Mit dem Paar wohnten dort aber die drei kleineren gemeinsamen Kinder. Und die zwei erwachsenen Kinder des Mannes aus erster Ehe - die dort, in Kisten gepackt und Handtücher gewickelt, die acht toten Säuglinge fanden.

Der Vater dieser Babys will - wie seine zwei erwachsenen Kinder und die Schwiegermutter - nicht bemerkt haben, dass seine Frau achtmal schwanger gewesen ist, achtmal entbunden hat. Er sagte vor Gericht, er habe mehrmals pro Woche Sex gehabt mit seiner Frau. Die aber, und das sah am Ende auch das Gericht so, habe ihre Schwangerschaften verborgen, unter weiter Kleidung, im Dunkeln, beim Sex unter der Bettdecke. Nach fünf Minuten sei es immer vorbeigewesen, hatte sie einem psychiatrischen Gutachter gesagt.

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Unbewusste Schwangerschaften

Es kommt vor, dass Frauen nicht bewusst wird, dass sie schwanger sind. So sei es bei ihrem ersten Kind gewesen, ließ die Mutter ihren Anwalt zum Auftakt des Prozesses erklären. Gleich nach dem ersten Sex war sie schwanger, sagte sie dem Gutachter. Die nächsten Schwangerschaften verdrängte sie nicht. "Sie war erfahren", sagte der Richter deshalb. "Sie wusste, wie es läuft."

Aber dann kam das Jahr 2003. Da hatte sie schon fünf Kinder, drei mit ihrem zweiten Mann, und war der Sterilisation ausgewichen. Als sie dann wieder schwanger wurde, habe sie sich gefreut. Und ihrem Mann davon erzählt. Der sei "ausgesprochen wütend" geworden, habe eine Abtreibung verlangt, sagte sie über ihren Anwalt. Sie sei entsetzt gewesen - und habe jeden Gedanken an die Schwangerschaft abgeblockt. Dieses und weitere sieben Male.

Als die Leichen auftauchen, ist die damals 45-Jährige nicht da. Sie ist mit ihrem neuen Freund in einer Pension. Der, sagte sie dem Gutachter, sei einfühlsam gewesen. Mit ihm habe sie sich noch ein Kind gewünscht. Notizblock

 

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