AZ stellt Toni Hofreiter zur Rede Wann haben Sie zuletzt eine Plastiktüte mitgenommen?

Anton "Toni" Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen, hat im AZ-Interview Fragen beantwortet, die er nicht jeden Tag gestellt bekommt. Foto: dpa

Er ist leidenschaftlicher Biologe, der oberste Grüne im Bundestag und eine der auffälligsten Figuren des Berliner Politikbetriebs: Der AZ hat Toni Hofreiter Fragen beantwortet, die ihm so nicht jeden Tag gestellt werden.

 

AZ: Fühlen Sie sich im Anzug wohl?

Toni Hofreiter: Ich trage ja meistens Jeans und Sakko. Da fühle ich mich sehr wohl drin. Ich trage auch privat sehr gerne Sakkos. Aber allgemein trage ich natürlich lieber Jeans als Anzughose, das kommt mir ein bisschen robuster vor. Wo ich mich allerdings tatsächlich verkleidet fühlen würde, wäre, wenn ich eine Krawatte anhätte. Aber auch in Sakko und Jeans kann man sich im Bundestag ganz locker ans Rednerpult wagen, das ist überhaupt kein Problem.

Wo trifft man Sie in Berlin eher: im dortigen Hofbräuhaus oder im hippen Veggie-Lokal Chipps?

Weder noch. Eher trifft man mich bei einem netten Italiener bei mir ums Eck. Da gibt es Südtiroler und norditalienische Küche. Und das Essen ist einfach saugut. Klar ist es schön, auch in Berlin eine gute bayerische Wirtschaft zu haben. Zu so einer kosmopolitischen Stadt gehören schließlich alle dazu: Italiener, Asiaten und natürlich auch wir Bayern. Für mich gehört ein echtes Hofbräuhaus aber nur nach München.

Haben Sie ein Elektroauto?

Nein, ich habe gar kein Auto. Ein Auto würde ich so selten benutzen, dass es sich überhaupt nicht rentiert. In Berlin fahre ich mit dem Radl oder nutze, wenn ich mal im Anzug wohin muss, den Fahrdienst des Deutschen Bundestags. Und in München macht’s auch keinen Sinn, der öffentliche Nahverkehr ist ja gut ausgebaut. Wenn ich hier eines brauche, leihe ich mir privat eines aus.

Nachdem Ursula von der Leyen jetzt Kurzhaarfrisur trägt: Haben Sie jetzt die schönsten Haare im Bundestag?

Finden Sie? Es gibt ja auch noch andere Leute im Bundestag. Ich hatte schon immer lange Haare, und es kommt immer mal wieder vor, dass vor allem Ältere zu mir sagen: Mei, Sie gefallen uns ganz gut, aber das mit diesen Haaren.

Und es gibt auch lustige Begegnungen: Letztens zum Beispiel kam eine Dame um die 80 auf mich zu und hat gesagt: „Mei wissenS’, meine Enkel ham aa lange Haar. I hab allawei dacht, des derf so ned sei. Aba jetzad hab i Sie a paar Mal im Fernsehen gsehn und fand ganz vernünftig, was Sie gsagt ham. Jetzt bin i zu meine Enkel hin und hab dene gsagt: I schimpf eich nimmer. Schaut’s eich den Hofreiter an. Man kann aa mit lange Haar wos wern.“ Und eine Dame um die 80 muss es ja wissen!

Sie sehen also: Die Haare sind immer wieder Gesprächsstoff.

Wie lange können Sie einer Rede von Claudia Roth zuhören, ohne nervös zu werden?

Ich mag Claudias Reden sehr! Und ja, es stimmt: Wenn sie eine fünfminütige Rede halten soll, dann rechnet man lieber mal mit mindestens 15. Ich glaub, die meisten Politiker tun sich schwer mit dem Spruch: In der Kürze liegt die Würze. Aber: Wenn der Inhalt passt, darf‘s auch ruhig mal länger sein. Bei einer Fraktionsklausur hatten wir mal den bekannten Klimawissenschaftler Hans Joachim Schellnhuber zu Gast, der hat eine Dreiviertelstunde geredet. Und das war ein super Vortrag. Jeder hat ihm bis zum Schluss aufmerksam zugehört.

Wann haben Sie beim Einkaufen das letzte Mal eine Plastiktüte mitgenommen?

Auf dem Sauerlacher Markt habe ich vor einiger Zeit eine Tüte mitbekommen, weil ich keine Einkaufstasche dabei hatte. Die Tüte konnte ich gut weiter gebrauchen. Ich hab meine schmutzigen Bergschuhe reingesteckt, damit sie nicht den Kofferraum vollsauen. Sonst versuche ich, Plastiktüten zu vermeiden, wo es geht. Es schmerzt mich schon, wenn ich sehe, welche gigantischen Mengen an Plastikmüll die Leute einfach achtlos in die Landschaft schmeißen.

Das ist ein Riesenproblem. Mittlerweile sind in unseren Flüssen teilweise mehr Plastikfuzeln drin als Fischlarven. Unsere Flüsse transportieren riesige Mengen Plastik Richtung Ozean, so dass damit zu rechnen ist, dass bald mehr Plastik als Fisch in den Weltmeeren schwimmt. Jetzt muss man sich mal vorstellen, wie groß die Ozeane sind. Und trotzdem ist es uns gelungen, sie als Gesamtheit zu vermüllen. Das ist ein beängstigendes Ausmaß an Umweltverschmutzung.

Beim Nockherberg waren Sie bislang Erzengel, grüner Alien, empörter Fahnenschwenker: Was darf’s denn das nächste Mal sein?

Man weiß vorher ja nie, worum es in der Geschichte gehen wird. Deshalb lasse ich mich überraschen und bin schon gespannt, ob ich auch 2017 wieder vorkomme. Ob dann mit großer oder kleiner Rolle, ist mir wurscht. Wowo Habdank, der Schauspieler, der mich bislang gespielt hat, hat das bis jetzt jedenfalls immer ganz großartig gemacht. Ich habe einen Besuch auf dem Nockherberg jedenfalls auch für nächstes Jahr wieder fest eingeplant.

Was machen Sie, wenn Markus Söder Ministerpräsident wird?

Will er das denn? Ich dachte, er will König werden. Im Aachener Karneval ist er ja als Ludwig II. aufgetreten. Aber im Ernst: So wie die CSU im Moment agiert, beschädigt sie das Ansehen des Freistaats schon jetzt erheblich. Und Söders Kaltherzigkeit kommt noch dazu. Man muss sich für so manche populistischen Aussagen immer wieder fremdschämen.

Derzeit ist die CSU jedenfalls wieder hart auf Strauß-Kurs. Der hat ja immer gesagt: Rechts von mir ist die Wand. Aber so wie sich diese Partei manchmal benimmt, glaube ich, dass sie den rechten Rand nicht bekämpft, sondern eher stärkt. Am Ende wählen die Leute das Original.

Wann stirbt der Peitschenschwanzrochen aus?

Das kann ich nicht genau sagen, aber die großen Knorpelfische sind sowohl durch Überfischung als auch durch Zerstörung der Lebensräume massiv bedroht. Die Gefahr kommt dabei aus unterschiedlichster Richtung: Klimakrise und die Erderwärmung, die setzen den Korallenriffen zu – und die sind ja die Kinderstube für alle Meereslebewesen. Der Plastikmüll, der wird von den Tieren mit Nahrung verwechselt. Und die direkte Vergiftung des Wassers, da ist insbesondere die Rohölförderung problematisch. Es besteht die Gefahr, dass manche Weltregionen in 20, 30 Jahren de facto fischfrei sind.

Verhaltensbiologisch betrachtet: Welche Rolle spielt Angela Merkel gerade?

Die Kanzlerin hat lauter Leute um sich herum, die zwar teilweise schon ein recht hohes biologisches Alter aufweisen, trotzdem aber ein spätpubertäres Verhalten an den Tag legen. Ich denke da vor allem an Horst Seehofer, aber auch an Thomas de Maizière. Denen versucht sie als geschwächte Chefin gerade klarzumachen, dass man Deutschland besser mit Vernunft regiert. Bei de Maizière kann man noch die Hoffnung haben, dass das klappt. Beim Seehofer sehe ich da eher schwarz.

Merkt man in München, dass die Grünen nicht mehr an der Regierung sind?

Also, was ich jetzt schon von mehreren Seiten gehört habe, ist, dass beim Fahrradverkehr viele vernünftige Konzepte nicht mehr weiterverfolgt werden. Solche Aussagen kommen vor allem von Leuten, die hauptberuflich mit dem Thema Fahrrad zu tun haben – und die müssen es ja wissen. Das ist schade, weil es für eine Stadt sehr wichtig ist, dass der Fahrradverkehr gut funktioniert. Das macht das Stadtleben viel lebenswerter.

Aber jetzt stellt sich halt heraus, dass die Münchner SPD da nie so richtig dahintergestanden hat. Fahrradverkehr ist halt doch immer noch einer der Punkte, wo man grüne Handschrift erkennen kann.

Bei der Stammstrecke wird es heuer wohl ernst: Gut?

Da bin ich ehrlich gespannt, wie sie das planen. Die Tunnelprojekte der Bahn sind finanziell bis jetzt noch alle völlig aus dem Ruder gelaufen. Fatal an der Sache ist, dass die Debatte um den zweiten Tunnel alle anderen Maßnahmen blockiert.

Ich fände es viel sinnvoller, ein ganzes Paket zu schnüren – Südring befahren, Ostbahnhof erweitern, Außenäste ausbauen. Denn die Gefahr besteht schon: Da passiert nichts und der Tunnel kommt am Ende auch nicht, weil er zu teuer ist.

Wie viele Pegida-Hassmails haben Sie schon bekommen?

Sehr viele, ich zähle sie nicht mehr. Die werden hauptsächlich von meinen Mitarbeitern bearbeitet. Was die alles lesen müssen: einfach erschütternd! Übelste Beschimpfungen. Man fragt sich, was mit den Leuten los ist, die so etwas in die Tasten hauen. Was strafrechtlich relevant ist, bringen wir zur Anzeige.

 

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