"Das halte ich für zeitgemäß" Münchner Grünen-Abgeordneter Janecek will 30-Stunden-Woche

, aktualisiert am 18.08.2016 - 08:58 Uhr
Viele Deutsche klagen über Stress am Arbeitsplatz. Mit ihrer Arbeitszeit sind die meisten jedoch zufrieden. Dieter Janecek (kleines Bild) plädiert für eine 30-Stunden-Woche. Foto: dpa/AZ

Der Münchner Grünen-Abgeordnete Dieter Janecek macht sich für die 30-Stunden-Woche stark. Doch es gibt schon heftigen Gegenwind.

 

München - Stress am Arbeitsplatz ist für viele Deutsche Alltag. Sie fühlen sich überfordert, klagen über steigenden Druck. Der Münchner Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek will deshalb die Arbeitswelt radikal umkrempeln: Der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen fordert eine 30-Stunden-Woche für Deutschland. "Das halte ich für zeitgemäß", sagt der 40-Jährige der "Huffington Post".

Laut Janeceks Plänen sollen die Deutschen nicht mehr acht, sondern sechs Stunden pro Tag arbeiten müssen. Der Grünen-Politiker begründet seinen Vorstoß mit der gestiegenen Arbeitsbelastung, die zu Burnout und Unzufriedenheit führe. "Laut Studien sind die meisten Menschen nur bis zu fünf Stunden zu konzentrierter Arbeit pro Tag in der Lage und werden bei kürzeren Arbeitszeiten seltener krank. Außerdem gibt es in Schweden viele Beispiele, wo das Modell bereits gut funktioniert: In Unternehmen, Krankenhäusern und der öffentlichen Verwaltung", erklärt er.

Tatsächlich ist laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes die Belastung der Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren gestiegen. So arbeiten die Deutschen heute im Vergleich zum Jahr 2002 im Schnitt rund zwei Stunden länger pro Woche. Bei Vollzeitbeschäftigten sind es rund 42 Wochenstunden.

Janecek will mit seinem Vorschlag vor allem Familien unterstützen. "Vollzeit 30 Stunden bedeutet, dass Partner für ihre Familien endlich die Erziehungs- und Betreuungsarbeit gerecht untereinander aufteilten können", erklärt er. Mütter in Teilzeit müssten sich nicht mehr diskriminiert fühlen.

Ilse Aigner kritisiert: "Der Vorschlag ist blanker Populismus"

Doch was ist mit dem Gehalt? Janecek betont: "Wenn ein Arbeitnehmer nachgewiesen in 30 Stunden genauso produktiv ist wie in 38, gibt es keinen Grund, ihn schlechter zu bezahlen." Zunächst will der Münchner Abgeordnete seinen Vorschlag testen. "Die öffentliche Verwaltung könnte hier als Beispiel vorangehen", sagt er der "Huffington Post". Sollte sich das Konzept bewähren, könne er sich die 30-Stunden-Woche sehr gut als Zukunftsmodell für den deutschen Arbeitsmarkt vorstellen.

Janecek ist bei seinem Vorstoß allerdings heftigem Gegenwind ausgesetzt. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner kritisiert: "Der Vorschlag von Herrn Janecek ist blanker Populismus", sagt die CSU-Politikerin der AZ. Damit könne sich Deutschland vom internationalen Wettbewerb verabschieden.

"Was wir wirklich brauchen, ist ein flexibleres Arbeitszeitgesetz und eine wöchentliche Höchstarbeitszeit. Die aktuellen Vorgaben entsprechen in vielen Fällen nicht mehr der gelebten Realität in den Betrieben. Flexible Arbeitszeiten und Heimarbeit wären auch im Sinne der Arbeitnehmer. Sie erleichtern es, Familie und Beruf zu vereinen", erklärt die Ministerin. Auch Erwin Huber, wirtschaftspolitischer Sprecher der Landtags-CSU, schimpft: "Der Vorschlag einer 30-Stunden-Woche ist absolut weltfremd, unfinanzierbar und zukunftsfeindlich. Alle reden vom Fachkräftemangel und plötzlich soll eine Arbeitszeitverkürzung möglich sein."

Bertram Brossardt fordert sogar längere Arbeitszeiten

Ähnlich wie Aigner sieht es SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher: "Arbeitszeitpolitik alleine auf den Slogan einer 30-Stunden-Woche zu reduzieren, wird der komplexen Arbeitswelt heute nicht mehr gerecht", erklärt er der AZ. Ziel sollte es sein, so der Sozialdemokrat, die Arbeitszeit für Familien besser zu verteilen. "Mütter und Väter sollten ihre Arbeitszeit reduzieren können und zum Beispiel beide 30 Stunden pro Woche arbeiten – und das, ohne große Nachteile in Kauf nehmen zu müssen", fordert Rinderspacher.

Lesen Sie hier den AZ-Kommentar zum Vorschlag von Janecek

Die FDP hält ebenfalls nichts von Janeceks Plänen: "Entweder hat Herr Janecek die Sommerhitze nicht vertragen oder zu tief in der grünen Mottenkiste gegraben. Denn der Vorstoß die Wochenarbeitszeit gesetzlich auf 30-Wochenstunden zu begrenzen ist planwirtschaftlicher Dirigismus", kritisiert der FDP-Europaabgeordnete Michael Theurer. Eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich gefährde zudem die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. "Statt grüner Zwangsregulierung brauchen wir flexible Arbeitszeitmodelle", betont Theurer.

Kritik gibt es freilich auch aus der Wirtschaft. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft sagt der AZ: "Eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Stunden ist absurd. Die Arbeitszeiten in Deutschland sind bereits jetzt extrem niedrig." Er fordert sogar längere Arbeitszeiten: "Aufgrund der demografischen Entwicklung kann Deutschland künftig auf weniger Arbeits- und Fachkräftepotenzial zurückgreifen. Um die Lücke nicht noch größer werden zu lassen, muss die Arbeitszeit verlängert, nicht verkürzt werden."

Und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände setzt ebenfalls auf flexiblere statt kürzere Arbeitszeiten, wie ein Sprecher sagt.

 

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