Champions League FC Bayern gegen Donezk - Trip mit „komischem Gefühl“

Panzer statt Fans vor der Donbass Arena, der eigentlichen Heimstätte von Schachtjor Donezk. Foto: dpa

Bayern trifft auf Donezk – doch die Partie findet wegen des Krieges 1000 Kilometer entfernt in Lwiw statt. „Es ist schwer zu begreifen und ein eigenartiges Empfinden“, sagt Thomas Müller.

 

Lwiw  - Den Zeichen des Krieges entkommt der FC Bayern bei seinem Champions-League-Spiel in der Ukraine auch am Ersatzort Lwiw nicht. Banner mit Durchhalteparolen an die ukrainische Armee werden an diesem Dienstag (20.45, live bei Sky) in der Achtelfinalpartie gegen Schachtjor Donezk durch die Lwiw-Arena wehen. Die wohl europäischste Stadt der Ex-Sowjetrepublik ist fest in der Hand der Regierungskräfte. Blaugelbe Staatsflaggen flattern in diesen kalten Tagen im historischen Zentrum der 800 000-Einwohner-Stadt.

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Die Partie beim ukrainischen Tabellenzweiten ist gewissermaßen für beide Mannschaften ein Auswärtsspiel. In normalen Zeiten bestreitet Schachtjor seine Heimpartien mehr als 1000 Kilometer östlich. Doch der seit zehn Monaten andauernde Krieg zwischen den Regierungseinheiten und prorussischen Aufständischen macht einen regulären Spielbetrieb in der Ostukraine unmöglich. Der Flughafen von Donezk, einst für die Fußball-EM 2012 modernisiert, liegt in Schutt und Asche. Die moderne Donbass-Arena, früher der Stolz von Schachtjor, ist beschädigt.

Dem Verein aus dem Kohlerevier blieb kaum eine andere Möglichkeit, als in den Westen des Landes umzuziehen. Dabei könnte einigen Bayern-Fans die neue Heimstatt bekannt vorkommen. Bei der EM 2012 trat die deutsche Elf zweimal in dem damaligen Neubau an – und deutsche Fans sangen enthusiastisch „We love Lwiw“.

Nun kommt der FC Bayern, und binnen Minuten war das Spiel ausverkauft. Mehr als 34 000 Fans wollen sich die Gelegenheit auf Spitzenfußball nicht entgehen lassen – und wohl auch den blutigen Alltag im Donbass für 90 Minuten vergessen. Für Schachtjor ist das Match die erste ernsthafte Begegnung im neuen Jahr. Die Saison wird erst nächste Woche fortgesetzt. Trainer Mircea Lucescu kann dabei seine Bestbesetzung aufs Feld schicken. Der erfahrene Rumäne räumt aber ein, dass das Winterlager in Südamerika und Spanien extrem strapaziös war für die mit Brasilianern gespickte Mannschaft.

Gegen deutsche Vereine hat der in schwarz-orange spielende Verein in der Champions League eine lange Pechsträhne: sechs Spiele, vier Niederlagen, zwei Unentschieden. „Unser Hauptziel ist der Sieg“, verkündet Stürmer Luiz Adriano aber trotzig. „Wir haben Respekt vor den Bayern“, meint sein brasilianischer Landsmann Taison. Doch er versichert: „Ich habe keine Angst.“

„Es ist schwer zu begreifen und ein eigenartiges Empfinden, gegen eine Mannschaft zu spielen, die in einem Kriegsgebiet beheimatet ist“, meinte Thomas Müller und sprach von einem „komischen Gefühl“, das ihn begleite. Deshalb, so Bayerns Parade-Offensivmann Arjen Robben, könne man in so einer Ausnahmesituation „da nicht hinfahren und blendet das alles aus.

Rummenigge: "Watzke interessiert mich nicht"

Dass in der vergangenen Woche eine Waffenruhe vereinbart wurde, die seit Samstagnacht gilt, mache „die ganze Sache für uns natürlich ein Stück weit entspannter“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Es sei natürlich „keine normale Champions-League-Reise. Aber wir werden das ausblenden müssen und tun jetzt gut daran, die Politik eben Politik sein zu lassen.“

Trotzdem: Die Bayern, die vor Ort humanitäre Hilfe leisten und per Spende die Kosten für ein Krankenhaus und Medikamente, um 30 Kindern Operationen zu ermöglichen, übernehmen, halten sich in Lwiw nicht länger als unbedingt nötig auf. Direkt nach dem Spiel geht es nach München zurück, die Ankunft ist für 2.30 Uhr geplant. Sogar auf das übliche Mitternachtsbankett verzichtet man. Rund 35 Stunden dauert der Trip.

Für die Stadt Lwiw ist der unfreiwillige Umzug der Donezker ein Glücksfall. Der millionenteure Stadionneubau zur Europameisterschaft 2012 war bis zum Eintreffen von Schachtjor höchst defizitär. Der Heimatverein Karpaty Lwiw zog aus Kostengründen sogar ins alte Stadion Ukraina zurück. Kaufen will Schachtjors reicher Besitzer Rinat Achmetow die Lwiw-Arena jedoch nicht. Der in Donezk geborene Milliardär gibt den Traum nicht auf, irgendwann einmal wieder in der Donbass-Arena zu spielen. Aber nicht nur Schachtjor ist vertrieben worden: Vier weiteren Erstligisten geht es ebenso.

Doch ob Schachtjor nun in Lwiw oder Donezk spielt: Langfristig gilt die Zukunft der Mannschaft als offen. Fast alle Spieler – vor allem die Südamerikaner – werden mit Vereinen außerhalb der Ukraine in Verbindung gebracht. Das K.o.-Spiel gegen den FC Bayern ist für den Traditionsklub daher richtungsweisend. Der Unterstützung der Fans im Kriegsgebiet kann sich die Mannschaft um den kroatischen Kapitän Dario Srna sicher sein. Dank der Waffenruhe haben die Anhänger in den Bombenkellern und Schützengräben zumindest eine kleine Chance, mitzufiebern.

 

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