Bundestagswahl Der Wähler ist rätselhaft

30 Tage vor der Bundestagswahl zählen die Demoskopen so viele Unentschlossene wie nie. Nach krassen Fehlprognosen gibt’s heuer erstmals Umfragen bis drei Tage vor der Entscheidung

 

MÜNCHEN Ob Bundestag oder Landtage – sie gehörten zuletzt meist zu den Verlierern bei Wahlen: die Demoskopen. Die Umfrageinstitute stehen unter Druck, und ihre Arbeit ist nicht leichter geworden. Bis zu 72 Prozent der Bürger, so die Forschungsgruppe Wahlen, sind 30 Tage vor der Bundestagswahl unentschlossen: Das ist Rekord.

Vor der Bundestagswahl fällt nun erstmals ein Tabu, um vielleicht doch näher an das Endergebnis vom 22. September ranzukommen. Bisher hielten sich die Institute an eine Schamfrist von zehn Tagen vor dem Urnengang. Danach veröffentlichten sie keine Zahlen mehr. Diesmal ist das anders.

„In diesem Jahr werden wir erstmals eine Umfrage drei Tage vor der Bundestagswahl veröffentlichen", bestätigt Andrea Wolf, Vorstandsmitglied von Forschungsgruppe Wahlen (FGW), der AZ. „Am Donnerstag, den 19. September, wird es ein ZDF-Politbarometer geben, das auf Daten der laufenden Woche basiert.“

Das offenkundige Ziel: den Wähler zu befragen, der seinen Wankelmut schon überwunden hat. Aber FGW-Chef Matthias Jung dämpft die Erwartungen: „Selbst zwischen Donnerstag und Sonntag können sich die Wähler noch umorientieren.“

Wohl wahr. In der Vergangenheit gab es die verrücktesten Überraschungen. Ob Forsa, ob Allensbach, ob Dimap oder FGW: Kein Institut hatte die knapp zehn Prozent auf dem Zettel, die die FDP im Januar 2013 bei der Landtagwahl in Niedersachsen einfuhr. Die meisten Demoskopen sahen sie um die fünf Prozent. Auch die kurze und steile Welle, die 2011 und 2012 die Piraten in vier Landtage trug, war offenbar nicht vorhersehbar. Und bei der letzten Landtagswahl in Bayern sahen die Vorab-Zähler die CSU zwischen 47 und 50 Prozent. Geworden sind es dann katastrophale 43,4 Prozent.

„Immer weniger Menschen sehen sich einer Partei fest verbunden“, sagt Ursula Münch von Akademie für politische Bildung Tutzing. Der Stammwähler wird seltener, und die Wähler wählen taktisch: Koalitionsüberlegungen könnten eine Rolle spielen. In Bayern und im Bund könnte das der FDP nützen, die in Umfragen so oft einen Stammplatz im Abgrund hatte.

40 Prozent Unentschlossene sind normal, sagt FGW-Frau Wolf: „2009 waren sich in der Woche vor der Bundestagswahl noch rund 20 Prozent bei ihrer Wahlentscheidung nicht sicher.“ Diesmal sind es offenbar noch mehr: 72 Prozent, so die FGW: „Das sollte eine Warnung sein“, sagt Renate Köcher, Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Aus der „verfestigten Langeweile der Vorwahlzeit“ solle man bloß nicht „schon jetzt auf ein überraschungsarmes Ergebnis schließen“. Das kann für den Bund gelten und für Bayern.

Die FGW wird das letzte ZDF-Politbarometer mit dem Schwerpunkt auf den Freistaat am 6. September veröffentlichen. Dann sind’s noch neun Tage bis zur Wahl. mm.

 

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