Bis heute unbesiegt Aids: Als die letzte Pandemie über München kam

1987: Plakat auf der Aids-Demonstration gegen die Diskriminierung Homosexueller auf dem Marienplatz in Mün-chen, bei der 5000 Münchner mitmarschiert sind. Foto: imago

Es war die letzte Pandemie in München. Wie Corona kam sie von weither. Auch sie brachte zahlreichen Menschen den Tod, auch sie ist nur teilweise erforscht – und bis heute unbesiegt.

 

München - Im Jahr 1959 – in München lief der erfolglose Film "Die Erde bebt" – wurde im Kongo einem Mann eine Blutprobe entnommen, in der Jahrzehnte später erstmals Antikörper festgestellt wurden, die auf eine neuartige, hoch gefährliche Viruserkrankung hindeuteten.

Am 5. Juni 1981 berichtete der Wissenschaftler Michael Gottlieb aus Los Angeles über ungewöhnliche Pilzinfektionen, Lungenentzündungen und hautkrebsartige Geschwüre bei fünf homosexuellen Männern, deren Immunsystem offenbar zusammengebrochen war. Sehr schnell und hemmungslos verbreiteten sich ähnliche, rätselhafte Fälle in der Gay Community der nordamerikanischen Megastädte.

Die Wissenschaftler erfanden für den bislang unbekannten Erreger eine etwas unsichere Bezeichnung: Human Immunodeficiency Virus. Die durch diesen HIV verursachte Seuche benannten sie: Acquired Immune Deficiency Syndrome (erworbenes Immundefektsyndrom). Kurz: Aids.

Das neuartige tödliche Virus verbreitete sich rasend schnell

Zu Beginn der 1980er Jahre, als in den USA bereits erste Hilfsorganisationen am Werk waren, tauchte das tödliche Virus auch in deutschen Großstädten auf, nicht zuletzt in der Schwulenszene von München. Es waren meist junge Homosexuelle, die mit krebsartigen Geschwüren in Arztpraxen kamen.

Die Gemeinde der Schwulen und Lesben war zwar bereits selbstbewusst geworden und hatte das im Juni 1980 mit einem ersten Christopher Street Day demonstriert, doch sie war auch verunsichert, weil – lange vor den Morden an Walter Sedlmayr (1990) und Rudolph Moshammer (2005) – sechs Morde an Homosexuellen gemeldet wurden. Da hinein platzte die rätselhafte, unheilbare Krankheit.

Deren typische Anzeichen waren – und sind es immer noch: Fieber, Durchfall, grippeartige Beschwerden, Kopf- und Gliederschmerzen. Schlimmer noch das Vollbild: bösartige Tumore der Haut, innerer Organe, des Hirns und infolgedessen Krämpfe, Lähmungen, Erblindung. In diesem Stadium wartet nur noch der Tod. Am Klinikum der Münchner Universität stellte Professor Frank-Detlef Goebel 1983 erstmals HIV-Symptome bei einem der Patienten fest. Die Infektionen griffen um sich, lösten Ängste aus und alarmierten Teile der Bevölkerung. Das böse Wort "Schwulenkrebs" machte die Runde.

1983 wird die erste Aids-Hilfe in München gegründet

Schon im September 1983 gründeten Betroffene in München die erste Aids-Hilfe in Westdeutschland. 1986 errichtete die Uni eine klinische Ambulanz für Ratsuchende. Die Verunsicherung war groß. Bedrohte das Virus wirklich nur Homosexuelle? Und nur Männer? Auf welchem Weg vollzog sich die Ansteckung? Wie konnte man vorbeugen? Wie die Qualen lindern?

Heilen war sowieso nicht möglich. In dieser verzweifelten Situation glaubte der forsche Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, Peter Gauweiler (CSU), der zuvor als Münchner Kreisverwaltungsreferent dem "Dirnenunwesen" zu Leib gerückt war, eine einfache, schnelle Lösung gefunden zu haben: Im Februar 1987 verlangte der "schwarze Saubermann" ein eigenes Aids-Gesetz, obwohl die Bonner Koalition bereits ein zentrales Aids-Register vereinbart hatte.

Demnach sollten künftig alle Immunschwäche- und alle Todesfälle amtlich gemeldet und zentral gespeichert werden, wenn auch anonymisiert. Erinnerungen an Nazi-Methoden gegen "Andersartige" wurden wach. Hatte Polizeipräsident Gustav Häring doch schon am 19. November 1986 zugegeben: "Natürlich werden die ,rosa Listen’ in Zeiten von Aids weiter verwendet."

Jetzt sollten Infekt-Verdächtige zu einem Aids-Test "vorgeladen" oder bei Nichterscheinen durch die Polizei vorgeführt werden. Bis zu fünf Millionen Mark wollte die CSU-Regierung für ihre Zwangsmaßnahmen bereitstellen. Außerdem drängte sie im Bundesrat darauf, dass Personen, denen eine fahrlässige oder absichtliche Weiterverbreitung der Seuche zuzutrauen war, in einer Kartei namentlich zu erfassen seien. Sogar Berufsverbote standen an.

Horrende Zahlen machen die Runde - und skurrile Forderungen

Vor einem "gigantischen staatlichen Überwachungsgesetz" warnte daraufhin der Verband der niedergelassenen Ärzte. Ein breites Bündnis organisierte noch 1987 eine Protest-Demo, bei der mehr als 5.000 Münchner durch die Straßen zogen und von Fernsehteams in mehrere Länder verbreitet wurden. So wuchs das öffentliche Interesse an den Tabuisierten und dem Leiden. Bis dahin waren in München etwa 50 Menschen (eine genauere Statistik gab es noch nicht) an Folgen der "erworbenen" Immunschwäche gestorben.

Künftig müsse man mit je einem weiteren Aids-Toten pro Woche rechnen, warnte Prof. Wolfgang Spann, Gerichtsmediziner und Dekan der Medizinischen Fakultät der LMU. Spann wollte deshalb "eine Meldepflicht für die Zukunft offen halten". Der unsichtbare Feind aus der Fremde bedrohte auch die Blutkonserven, die zum großen Teil beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) lagerten. Dort wurden sie schon seit Mai 1985 auf HIV getestet, innerhalb von zwei Jahren in einer Million Fällen.

Einen Monat nach Gauweilers Gesetz- und Pflichttest-Verheißung gab BRK-Präsident Bruno Merk die Einführung eines neuartigen, schnelleren Verfahrens aus Amerika bekannt. Mit dem sollten 160.000 Blutkonserven auf Antigene getestet werden, womit "die diagnostische Lücke weitgehend geschlossen" werden könnte. Bislang vergingen von der Ansteckung bis zum Nachweis von Erregern mindestens sechs Wochen, und zuverlässig war der alte Antigen-Test auch nicht immer.

In Forschung, Diagnose, Aufklärung und Therapie der globalen Krankheit Aids wurden in München wahre Pionierdienste geleistet. Ein Arzt machte sich besonders verdient. Dieser Dr. Hans Jäger, aus New York heimgekommen, gründete 1986 die Immunambulanz im Schwabinger Krankenhaus und 1989 das Kuratorium für Immunschwäche, das vielen half, etwa auch HlV-infizierten Frauen bei gefährdeter Schwangerschaft.

Ein Münchner Arzt behandelte die ersten HIV-Patienten

Er behandelte die ersten HIV-Patienten, engagierte sich in der Forschung und richtete ab 1989 alle zwei Jahre die "Münchener Aidstage" aus, einen der wichtigsten medizinischen Kongresse im deutschsprachigen Raum. Im Dezember 2003 bekam der bescheidene Arzt die Bayerische Staatsmedaille "für Verdienste um die Gesundheit". "Die Betroffenen brauchen auch intime, anonyme Beratung und Behandlung," sagte der Dermatologe und Aids-Experte Prof. Otto Braun-Falco, als CSU-Arbeits- und Sozialminister Karl Hillermeier († 2011) im September 1987 die erste klinische Abteilung für sexuell übertragbare Krankheiten vorstellte.

Ein Team von Medizinern, Psychologen und Sozialarbeitern betreute die obendrein oft depressiven Patienten. Diese neue Aufgabenstellung war auch dringend nötig: Von den ersten 65 Aids-Kranken, die das Haus am Biederstein bisher versorgt hatte, waren damals schon 45 Prozent verstorben. Inzwischen gibt es Tabletten zur Prophylaxe von HIV-Infektionen sowie Kombinationstherapien und Stammzellenspenden, die aber nicht heilen, sondern das Leben nur verlängern können und starke Nebenwirkungen haben. Es gibt auch noch keine Impfung, die vollkommen schützt.

Weil Vorbeugung umso wichtiger ist, wird weltweit der Schwerpunkt auf Beratung und rechtzeitige Untersuchung gelegt. So veranstalten die Gesundheitsämter alljährlich in Verbindung mit dem Weltaidstag am 1. Dezember überall HIV-Testwochen. Dabei haben 290 Männer und Frauen in Bayern allein im Jahr 2018 erfahren, dass sie HIV-positiv sind.

Heute ist Aids gut behandelbar

Allmählich gehen zwar die Zahlen von Neuinfektionen zurück. "Wer heute infiziert ist, braucht nur noch eine Tablette am Tag", sagt Dietmar Holzapfel, der Wirt des Szene-Hotels (und der Szene-Sauna) Deutsche Eiche im Gärtnerplatzviertel.

Das heißt: Wer sein Medikament regelmäßig einnimmt, kann die Virenlast so weit herunterdrücken, dass er nicht mehr ansteckend ist. Zur Therapie gibt es inzwischen verschiedene Kombinationen und Stammzellenspenden, alles allerdings mit schweren Nebenwirkungen verbunden, und zur Prophylaxe verschiedene Medikamente sowieso, sogar eine 24 Stunden wirkende "Pille danach".

Die Hoffnung auf die Medizin bleibt also. Seit Beginn der Epidemie in den 80er Jahren sind ungefähr 3.900 Menschen in Bayern gestorben. Weltweit hat die Seuche bislang schätzungsweise 35 Millionen Menschen in den Tod gerissen.

 

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