Bayerisches Staatsschauspiel Interview mit dem neuen Intendanten Andreas Beck

Andreas Beck. Foto: Lucia Hunziker

Ein Gespräch mit Andreas Beck zu Beginn seiner Intendanz am Bayerischen Staatsschauspiel

 

Ein frischer Wind soll durch das Bayerische Staatsschauspiel wehen, selbstverständlich, denn mit Andreas Beck übernimmt ein neuer Intendant ab dieser Saison das Ruder, der zuletzt das Theater Basel erfolgreich leitete und nun hier seine eigenen Duftmarken setzen möchte. Allein das Intendantenbüro, in dem er jetzt residiert, möchte Beck gerne ein wenig umgestalten. So vergleichen er und sein Team die von Vorgänger Martin Kusej doch etwas nüchtern gehaltenen Räume mit einer „Zahnarztpraxis“.

Was nahe liegt: Weiße Wände und weiße, glatte Flächen überall, dazu eine kleine, WG-artige Küche im Vorraum, die für Ku(s)ej, den passionierten Koch, ein Muss war. Beck hat schon ein paar gerahmte Bilder für die Wände auf dem Boden stehen, gefüllte Bücherregale gehören für ihn zur Heimeligkeit dazu und sein treuer Begleiter, ein Mops namens Oskar, hat auch ein Plätzchen zum Ausruhen.

AZ: Herr Beck, Sie haben einst in München Theaterwissenschaft studiert und waren von 1994 bis 1997 unter Eberhard Witt Dramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel. Haben Sie sich denn schon wieder hier eingelebt?
ANDREAS BECK: Das kann man so noch nicht sagen. Ich habe privat noch eine lange To-Do-Liste vor mir, zum Beispiel muss ich die Heizung in meiner Wohnung entlüften lassen, mein Auto aus der Schweiz muss eingeführt werden... Ach, das wollen Sie alles nicht wissen.

Ich schätze mal, bei der Wohnungssuche hier hat es geholfen, zu sagen, ich bin der designierte Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels.
Es war jedenfalls leichter als zu Studentenzeiten (lacht).

Was hat sich in Ihren Augen in München verändert?
Erstmal sind viel mehr Menschen hier. Die Stadt ist wesentlich diverser geworden, früher war sie deutlich bayerischer. Auch, dass zum Beispiel das Oktoberfest so ein touristisches Trachten-Trallalla geworden ist – das war früher nicht so. Da ist die Stadt zu ihrem eigenen Marketing-Opfer geworden.

Als Johan Simons Intendant an den Kammerspielen war, hat er Elfriede Jelinek beauftragt, ein Stück über die Maximilianstraße zu schreiben. Haben Sie Ähnliches vor?
Ich kenne diesen Stückauftrag natürlich und finde, dass er für die Kammerspiele noch naheliegender war oder ist als fürs Residenztheater, allein dadurch, dass die Maximilianstraße vor der Tür liegt. Ich finde Frau Jelinek super, aber ich würde weniger spezifisch einen Ort zum Anlass nehmen, sondern eher Stücke in Auftrag geben, die das derzeitige Zeitgefühl befragen. Und das haben wir ja auch getan.

Im Spielplan steht ein Stück von Marieluise Fleißer, Ringsgwandl wird Lola Montez adaptieren...
…dazu kommt Wedekinds „Lulu“ und die Inszenierung von Simon Stone, die eigentlich die Spielzeit eröffnen sollte, aber wegen Stones Filmprojekt verschoben werden musste. Im November haben wir die Uraufführung von „Der Riss durch die Welt“ von Roland Schimmelpfennig, auch dieses Stück ist im Hier und Heute verankert. Ich kann Theater nur aus unserer Zeit heraus machen, alles andere hätte etwas merkwürdig Museales. Wobei ich finde, das Bewahrende gehört schon dazu, aber es kann nicht darum gehen, Klassiker auszustellen wie in einer Gemäldegalerie.

Wie kann man das Heute in die Stücke reinbringen? In dem Worte wie „AfD“ auf der Bühne fallen?
Nein, ganz und gar nicht. Kein Stück wird moderner, nur weil jemand ein Handy zückt.

Genau das passiert aber.
Ja, aber das ist ja wirklich das Blödeste. Da wird ein heutiges Zeichen oder Symbol gewählt, aber das besagt nicht zwangsläufig etwas.

Es gab hier in München eine große Diskussion um die Kammerspiele, gerade was die Konzentration des Hauses unter Matthias Lilienthal auf aktuelle Themen und die Ausrichtung auf performatives Spiel angeht. Die Befragung von Klassikern nach heutigen Aspekten stand da nicht im Vordergrund.
Also, es ist nicht meine Art, einem Kollegen, den ich schätze, ungebeten Ratschläge zu erteilen. Ich kann für mich nur sagen, dass mir die Literatur, die Dramatik wichtig ist. Mich berauscht Kleist. Wenn ich allein die Sprache höre, wenn sie von einem Spieler so gesprochen wird, dass sie zündet, dann macht mich das auch glücklich. Und es gibt, denke ich, nach wie vor große Teile im Publikum, die das auch mögen. Mir widerstrebt allerdings, wenn manche so tun, als ginge es um eine Evolution, um eine Fortentwicklung, nach dem Motto: Man muss die Schlacke, das Fett, das wir angesammelt haben, los werden und jetzt mal zacki-zacki alles zum Beispiel rein performativ lösen. Daran glaube ich nicht. Ich glaube, dass es viele Sprachen im Theater gibt, nicht DEN Königsweg, um bei Frau Jelinek zu bleiben.

Das klingt aber schon ein wenig nach Kritik an den Kammerspielen.
Nein, das würde ich mir niemals anmaßen. Die Kammerspiele sind auch Theater des Jahres 2019 geworden, weil sie verschiedene Stilmittel bereitgehalten haben. Wenn jemand so deutlich gewählt wird, hat er vieles richtig gemacht. Ich darf das für das Theater Basel als Theater des Vorjahres sagen…

Ihr Vorgänger Martin Kusej sprach von Dilettantismus an den Kammerspielen.
Ich neige auch nicht dazu, Vorgängerschelte zu betreiben, und es hat sich ja gerächt, weil der Kollege das „Theater des Jahres“ als dilettantischen Haufen bezeichnet hat. Insgesamt muss man feststellen: Es gab bei Intendantenwechseln immer auch Gezeter. Wechsel sind nun mal Veränderung, und Neues braucht seine Zeit. Insofern finde ich auch, im dritten Jahr einer experimentellen Intendanz zu sagen, das war’s… da hätte man doch deutlich zueinander stehen müssen.

Sind Sie angesichts dieses Beispiels jetzt zu Ihrem Beginn ein wenig vorsichtiger?
Was man sich am Anfang nicht traut, traut man sich auch später nicht mehr. Man muss immer authentisch und ehrlich bleiben, vor allem mit sich selbst. Wir wurden ja nach München gerufen, weil wir in Basel erfolgreich Theater gemacht haben. Wir setzen jetzt keinesfalls nahtlos das fort, was wir in Basel versucht haben, aber natürlich bringen wir etwas mit. Deswegen ist diese Formulierung, es gibt jetzt Basel in München zu sehen auch kein Malus, sondern ein Fakt. Wir haben uns bei der Zusammenstellung dieses ersten Spielplans immer überlegt: Wer sind wir, was haben wir bisher getan, wofür wurden wir ausgezeichnet und warum hat man uns München angetragen. Dann haben wir weiter überlegt, wie wir uns sukzessive an die Stadt annähern können.

Wie ist dabei das Spielzeitmotto „Was ist der Mensch?“ entstanden?
Wir hatten bereits in Basel ein Stück von Thiemo Strutzenberger in Planung gehabt, das „Der Preis des Menschen“ heißt. Die Uraufführung ist jetzt hier im April 2020. Dieser Titel wurde dann für uns zu einer Art Arbeitstitel für diese ganze erste Spielzeit. Dazu kam, dass ich, als 2015 hier die Flüchtlingswelle auf deutschen Boden traf, ganz beeindruckt von München war. Da wurde eine menschliche Seite gezeigt, eine Empathie, die mich richtiggehend beeindruckte. Diesen Vorgang hatte ich im Kopf, und zusammen mit diesem neuen Stück dachte ich, ja, genau darüber müssen wir diskutieren: Was ist uns der Nächste wert. Wie müssen wir miteinander umgehen, um miteinander leben zu können? Geben wir ihm mitunter sogar einen Preis?

Im Ensemble sind jetzt Leute aus Basel und von der Intendanz Ihres Vorgängers. Was muss denn eine Schauspielerin oder ein Schauspieler mitbringen, damit sie oder er an Ihrem Theater mitspielt?
Persönlichkeit und Können. Gleichzeitig verführt mich nicht nur das Handwerk. Es ist ja ein großes Rätsel, wie jemand, der eben noch eine Tasse Kaffee in der Kantine getrunken hat, auf die Bühne gehen und etwas machen kann, was einen verzaubert. Natürlich ist das auch immer eine sehr subjektive Auswahl, das darf man nie vergessen. Ich denke, für mich muss eine Spielerin oder ein Spieler auch immer ensembleaffin sein. Es geht hier vor allem um das Zusammenspiel. Oder um einen Vergleich aus dem Fußball zu bemühen: Elf Messis ergeben keine Mannschaft.

Wobei wir Brigitte Hobmeier, die jetzt in Ihrem Ensemble spielt, schon als Star einschätzen würden.
Aber Brigitte Hobmeier hat ja eine Geschichte hier in dieser Stadt. Und sie war und ist ja hier. Jetzt wird man sehen, wie glücklich wir miteinander werden. Ich freue mich, dass sie dabei ist.

Ist es schwieriger geworden, ein Ensemble zusammenzustellen und zusammenzuhalten?
Ja. Gerade in einer Stadt wie München sind die Versuchungen groß, weil die Caster im Publikum sitzen. Das Symbol der Comédie-Française, der ältesten Theaterkompanie der Welt, ist übrigens ein Bienenkorb, und darum geht es, um den Bienenstock. Um jede einzelne Biene, aber auch um den Stock.

Oliver Nägele ist bereits im Spielzeitheft als Mitglied auch in Ihrem Ensemble abgebildet. Jetzt ist er doch in einen anderen Bienenstock geflogen, nämlich ins Burgtheater zu Martin Kusej.
Ja, er kam am vorletzten Tag der Spielzeit zu mir und sagte, er hätte ganz schlechte Nachrichten! Ich dachte schon, er sei krank. Dann erzählte er mir, er habe ein Angebot von Martin Kusej bekommen. Zu Oliver Nägele konnte ich dann auch nur sagen: Wenn Sie das Gefühl haben, Sie müssen reisen, dann reisen Sie. Und ehrlich gesagt finde ich es völlig normal, dass jemand mit seinem Intendanten mitgeht.

Wobei es mit Martin Kusej vielleicht gar nicht so gemütlich ist. Er gilt ja eher als Machtmensch.
Ich habe vor kurzem ein „Zeit“-Interview mit ihm gelesen, da erzählte er davon, dass er einen ganz neuen Führungsstil für sich umsetzen wird. Also.

Ja, mit flacheren Hierarchien.
Genau. Und das Burgtheater ist ja genau der Ort, wo man das ausprobieren sollte.

Sie können ja wirklich wunderbar ironisch sein.
Ach, Wien ist eine herrliche Theater-Stadt. Dort sind die Schauspieler Götter, und als Burgtheater-Direktor ist man schneller, als man denkt, der Zerberus. Ich weiß nicht, ob da der Sitzkreis hilft.

Man kann ja einfach mal von flachen Hierarchien sprechen, bevor es losgeht.
Nein, das sollte man nicht. Es geht im Übrigen nicht um Hierarchien im Theater, sondern um Verantwortung.

Sie sagen offenbar, was Sie auch meinen. Würden Sie sich als harmoniebedürftig bezeichnen?
Ich bin wirklich alles andere als konfliktscheu. Das Theater ist ja per se Konflikt und Drama. Letztlich muss man immer herausfinden: Um was geht es eigentlich? Das Irrsinnige am Theater ist ja: Für einen Außenstehenden geht es scheinbar um Nichts oder eine vermeintliche Lappalie. Für uns aber geht es um alles.

Saisonstart ist am 19. Oktober, 19 Uhr, mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers neuem Stück „Die Verlorenen“ im Residenztheater, Restkarten evtl. an der Abendkasse

 

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