Bayerischer Liedermacher Christoph Weiherer über seine neue CD "Im Prinzip aus Protest"

Der bayerischer Liedermacher Christoph Weiherer. Foto: Christian Kaufmann

Christoph Weiherer über seine neue CD "Im Prinzip aus Protest", über Freiheit, Heimat und Schubladen-Denken.

 

Er beschreibt sich selbst nicht als Künstler, sondern als Handwerker. „Ich versuche, ein Teil vom Publikum zu sein“, sagt Christoph Weiherer, „im Idealfall sind meine Konzerte ein Stammtisch“. Es könne reingerufen oder Musikwünsche geäußert werden – am besten, die Leuten reden mit. „Ich versuche, kein Tamtam draus zu machen, ich mag keine Bühnenshow, keine Lichteffekte. Am liebsten setze ich mich ins Publikum.“ Ihm sei es auch egal, was die Presse über ihn schreibt. „Je falscher, desto besser.“ Zum Interview erscheint er – wie auf der Bühne – im Kapuzenpulli, mit offenen Haaren, „die an Helene Fischer erinnern“, und bayerischem Sprüche-Shirt. Genauso singt er in seiner neuen CD „Im Prinzip aus Protest“ eben darüber, was er denkt: authentisch, frech, bayerisch.

AZ: Herr Weiherer, Sie sind eigentlich gelernter Chemielaborant. Wie kam es zum Richtungswechsel?
CHRISTOPH WEIHERER: Chemielaborant war eher eine Notlösung. Ich wusste nach der Schule nicht, was ich machen soll. Das System war für mi foisch, glaube ich. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, an der Grenze von Niederbayern und Oberbayern. Im Dorf, wo ich groß geworden bin, war die Chemiefabrik, in der halt alle gearbeitet haben, mein Opa schon. Aber das hat mir keinen Spaß gemacht. Und in der Schule habe ich gaudihalber mit einem Freund zusammen Musik gemacht. Unsere Wege haben sich dann getrennt, wie es manchmal so ist. Dann hab ich meine ersten eigenen Lieder gemacht und Zeit und Geld in mein Hobby gesteckt.

Und jetzt sind Sie Sänger und Kabarettist.
Ja, wenn man das so nennen möchte.

Ihre neue CD heißt „Im Prinzip aus Protest“. Wogegen protestieren Sie denn und wieso nur im Prinzip?
Aus Prinzip wäre ja der überzeugte Protest, egal was andere sagen. Im Prinzip ist die abgeschwächte Form. Protestieren tue ich gegen sehr vieles. Es wäre schwer, das in einem Satz zusammenzufassen. Los geht’s bei der Politik. Auf meiner letzten CD habe ich mich ja sehr auf Alexander Dobrindt eingeschossen, der wiederum nur ein Symbol ist für die Politik. Dann protestiere ich gerne gegen gesellschaftliche Zwänge. Dagegen, sich von Massenmedien vereinnahmen zu lassen. Ich habe aber nicht nur Protestlieder.

Zum Beispiel das Lied „Wenn d’Liab amoi bleibt“. Das ist ein Liebeslied, oder?
Wenn man es so nennen will, ja. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken, das dürfen andere entscheiden. Neben den Protestliedern gibt es auch persönliche, lustige Geschichten, Alltagsbeobachtungen. Ich bin keine Ein-Personen-Demo, sondern auch Unterhaltungskünstler. Jetzt geht man wieder demonstrieren, zum Beispiel für den Klimaschutz, das finde ich sehr gut. Aber ich mache mir Gedanken darüber, ob das zum Teil nur eine Modeerscheinung ist. Die Umsetzung – das wäre ja der wahre Protest – fällt dem Einzelnen dann doch schwer. Deshalb nur im Prinzip aus Protest. Aber ich gebe auch nur Anstöße, ich habe ja auch keine Patentlösung.

Am Anfang Ihrer CD erklären Sie, dass Sie nicht gerne in Schubladen gesteckt werden und lieber Ihre eigene Weiherer-Schublade hätten. Wie schaut die denn aus?
Das ist ja auch eine Form von Protest, gegen das Schubladen-Denken. Insofern, einfach als Weiherer. Das wäre mein Wunsch. Damit ist alles gesagt. Ich mach’ mir keine Gedanken, was ich genau mach’. Ob ich Musiker bin oder Kabarettist oder Protestsänger oder Unterhaltungskünstler. Das ist eine Mischung aus allem, die auch von der Tagesform und vom Publikum abhängt. Mit einem Wort kann ich die Schublade nicht beschreiben, das würde mich zu sehr einengen.

Aber vielleicht könnten Sie sie mit Eigenschaften versehen.
Spontan, unkonventionell, was aber auch nicht pauschal für jede Lebenssituation gültig ist. Humorvoll, weil ich trotz allem Protest, den Humor nicht verlieren will. Alltagsprobleme versuche ich, mit Humor zu nehmen. In München leben wir ja eher mit Luxusproblemen.

Sie sind ein Geschichtenerzähler, singen Sie. Welche Themen liegen Ihnen denn gerade besonders am Herzen?
Momentan ist es schwierig, politisch Lieder zu machen, weil sich alles vermischt und man kein klares Feindbild mehr hat. Auch die Rechts-Wähler kommen aus sämtlichen Schichten, leider, da kann man nicht mehr auf einen drauf hauen. Ich versuche aktuell, diese Stimmungen, die angebliche Angst vor allem, die meiner Meinung nach durch Medien und soziale Netzwerke gefördert werden, einzufangen.

Was heißt das genau für die Lieder?
Also ich mach jetzt kein Lied über Fridays for Future, ein konkretes Thema langweilt mich immer. Ich versuche eher, ein Stimmungsbild anzutippen und zu verbasteln. Es sind ja immer Zusammenhänge, die die Leute beschäftigen. Jeder sagt, den müssen wir aufhalten, die Umwelt schützen, aber dann fliegt man doch gerne in den Urlaub.

Wen möchten Sie denn erreichen?
Alle. Es gibt keine speziellen Schichten. Ich kann ja nicht aussortieren. Die Leute, die ich eigentlich erreichen müsste, die anders denken, die gehen ja von Haus aus nicht auf meine Konzerte. Mir reicht es, wenn ich einen erreiche. Ich glaube nicht, dass ich mit dem, was ich tue, die Welt verändere. Das haben schon ganz andere versucht.

Eines ihrer neuen Lieder heißt „Heimatlied“. Was bedeutet Heimat für Sie?
Das ist ein sehr überstrapazierter Begriff. Für mich persönlich auch ein schwieriger. Meine Heimat ist das Dorf in Niederbayern, wo meine Eltern noch wohnen, wo ich gute Freunde habe. Ich habe mich dort aber auch sehr unwohl gefühlt.

Wieso haben Sie sich unwohl gefühlt?
Weil ich anders denke, über den Tellerrand schauen möchte. Deshalb bin ich auch gegangen. Ich fühle mich in dem Dorf schon dahoam, weil dort meine Familie ist. Aber auch nicht, weil ich mich dort nicht verstanden fühle. Vor allem, weil dort so viele Rechts-Wähler sind. Für mich hat Heimat nicht immer nur eine positive Bedeutung. Ich hab mit dieser kitschig-romantischen Vorstellung ein Problem. Natürlich sind die Berge schön, aber wenn wir dort jedes Wochenende zu Tausenden rumtrampeln und unseren Müll hinterlassen, dann ist das eben nicht mehr schee.

Sie singen: „Je mehr wir von Freiheit reden, desto weniger wird es sie geben.“ Wie kann Freiheit Ihrer Meinung nach erreicht werden?
Für mich ist Freiheit ein ganz wichtiges Gefühl, das Höchste, das man erreichen kann. In allen Bereichen. Wir sind in unserem Land ja relativ frei. Wir haben zwar Grenzen, aber wir können uns leicht frei bewegen. Es geht aber auch um die Freiheit der Gedanken, die nicht ganz so leicht zu erreichen ist. Man lässt sich ja doch leicht von Meinungen leiten. Man müsste viel mehr hinterfragen. Ich versuche immer, frei von Zwängen, Normen und Idealbildern im Rahmen des Erlaubten zu leben.

Welche zum Beispiel?
Jeder hat die Möglichkeit frei zu leben, sich frei zu entfalten. Aber, und jetzt bin ich wieder beim Dorf, gründet jeder ab einem gewissen Alter eine Familie, baut ein Haus. Wenn man das nicht tut, wird über einen geredet, oder man wird schräg angeschaut. Auch da sollte man frei sein, frei von Vorurteilen – jeder muss für sich entscheiden, was er erreichen will. Jeder glaubt, das World Wide Web ist Freiheit. Aber jeder hängt dann an seinem Smartphone und ist letztlich dran gebunden. Ich möchte das Bewusstsein dafür schärfen.

Welche gesellschaftlichen Normen nerven Sie gerade besonders?
Die Wiesn ist so ein Beispiel. Da hat jeder das Gefühl, er muss hingehen. So lange das keine Pflichtveranstaltung wird, geh’ ich da auch nicht hin. Auch die Kleidung – das ist ja gerade mehr Fasching mit den Billig-Kleidern und Billig-Lederhosn, die irgendwo in Asien von Billig-Arbeitern gefertigt werden. Es gibt Sachen, die ich aus Prinzip nicht mitmache, mit denen ich mich nicht wohlfühle. Wenn andere das anders machen, ist mir das auch wurscht.

Christoph Weiherer tritt am 30. Oktober im Rathaus in Krailling auf, am 10. 11. auf der Iberl Bühne in München

 

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