Bayerische Akademie der Schönen Künste Im Nebenjob bei der AfD

Das Leipziger Streichquartett um den Cellisten Matthias Moosdorf (vordere Reihe, links). Foto: Leipziger Streichquartett

Am Donnerstag gastiert das Leipziger Streichquartett in der Akademie der Schönen Künste. Der Cellist arbeitet für einen Abgeordneten der AfD

Ob das Leipziger Streichquartett wirklich das „beste deutsche Quartett“ ist, wie einst die britische Zeitschrift „Gramophone“ verkündete hat, mag dahingestellt sein. Aber dieses Kammermusikensemble genießt einen hervorragenden Ruf für die Interpretation moderner Klassiker und zeitgenössische Musik.

In dieser Eigenschaft gastiert das Quartett am Donnerstag in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Königsbau der Residenz. Um 19 Uhr spielt das Ensemble Werke der Akademiemitglieder Sofia Gubaidulina und Christóbal Halffter – bei freiem Eintritt übrigens. Der Komponist Peter Michael Hamel moderiert den vom Instituto Cervantes mitveranstalteten Abend, der vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet wird.

Die Sache hat einen winzigen Schönheitsfehler: Matthias Moosdorf, der Cellist des Ensembles, ist seit 2016 Mitglied der AfD und arbeitet als „wissenschaftlicher Mitarbeiter“ des Bundestagsabgeordneten Martin Hebner der gleichen Partei. Im November erklärte Moosdorf der „Märkischen Allgemeinen“, er habe die Kampagne der Partei gegen den UN-Migrationspakt koordiniert und hoffe auf ein beschleunigtes Ende der Ära Merkel. „Das ist der letzte Nagel, der noch fehlt“, zitiert ihn das Blatt.

Leichte bis mittelschwere Bauchschmerzen

Nun ist es nicht verboten, für eine im Bundestag vertretene Partei zu arbeiten und mit demokratischen Mitteln am Stuhl der Kanzlerin zu sägen. Auch Moosdorfs grobianische Postings zu Flüchtlingen in sozialen Medien fallen unter die Meinungsfreiheit. Sie können geteilt werden – wie von einem weiteren Mitglied des Quartetts –, man kann ihnen auch widersprechen und ein ungutes Gefühl dabei haben, dass Moosdorf nicht bei einer Ernst-Jünger-Feier, sondern bei einem Abend auftritt, der laut Pressemitteilung den „kosmopolitischen Werten der Offenheit, des Austauschs und eines transnationalen Wertebewusstseins“ gewidmet ist.

Einige jüngere Akademiemitglieder, darunter der Komponist Moritz Eggert, haben leichte bis mittelschwere Bauchschmerzen. Der vielgelesene, von Eggert mitbetriebene „Bad Blog of Musick“ hat sich im Internet bereits mehrfach mit Moosdorfs Ansichten kritisch beschäftigt. Aus der Akademie ist zu hören, das Leipziger Streichquartett sei auf Wunsch Halffters für den Abend gewonnen worden – und zwar lange vor Moosdorfs wissenschaftlicher Mitarbeit bei der AfD. Moosdorf werde nur Cello spielen und keine Ansprachen halten. Und es kann einem passieren, dass eine Person am Telefon mit zitternder Stimme beteuert, dass es sich um einen völlig unpolitischen Abend handle, der allein der Musik geweiht sei.

Eine Absage bringt nichts

Peter Michael Hamel, der Direktor der Akademie-Abteilung Musik und Moderator des Abends, ist rechter Sympathien völlig unverdächtig. Auch ihm ist die Sache sichtlich peinlich, aber er möchte nicht wörtlich zitiert werden und den Auftritt auch nicht verteidigen. Am Donnerstag, so Hamel, werde es eher Appelle an Kunstfreiheit und Menschenwürde geben – im Hinblick auf die Biografien Gubaidulinas und Halffters in der UdSSR und in Franco-Spanien.

Niemand wird einer Gesinnungsprüfung für Musiker das Wort reden wollen. Bekanntlich gibt es auch linke Klassik-Künstler, die sich unter viel öffentlichem Beifall zu Wort melden. Eine Ausladung des Leipziger Streichquartetts würde Moosdorf nur zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen und außerdem Vorurteile seiner Gesinnungsfreunde über den in ihren Ansichten linksversifften Kulturbetrieb bestätigen.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Auch Eggert ist gegen eine Ausladung Moosdorfs oder gar eine Absage des Konzerts. Aber er findet, dass der Auftritt nicht unkritisch und unwidersprochen hingenommen werden sollte. Da ist er eigentlich nahe bei der Ur-Idee einer Akademie, ehe derlei Vereinigungen zu Honoratiorenclubs verkamen.

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste ist unter den Akademien ohnehin ein selten schweigsamer Verein. Wenn sie sich mal zu Wort meldet, etwa durch vorlaute Solidaritätserklärungen in der ominösen Causa Siegfried Mauser, bekleckert sie sich in der Regel nicht mit Ruhm. Jetzt besteht die Gefahr, dass die hübsche Broschüre, in der die NS-Verstrickung ihrer Mitglieder in der Nachkriegszeit durchaus schonungslos dargestellt wird, wie ein reines Lippenbekenntnis wirkt. Das Ganze ist vor allem eine Frage der Glaubwürdigkeit.

„Wie klingt Europa im 21. Jahrhundert. Zeitgenössische Kammermusik im Dialog“, Donnerstag, 19 Uhr, Max-Joseph-Platz 3, Eintritt frei

 

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