AZ-Serie "Der große Treck" Bayern 1989: Warten auf die DDR-Flüchtlinge

Immer wieder treffen Züge mit DDR-Flüchtlingen in Hof ein – wie hier ein Waggon voll mit Menschen aus der Prager Botschaft. Foto: Wolfgang Eilmes/dpa

Teil 1 der AZ-Serie zur Wendezeit – wie sich Zehntausende von Ungarn aus auf die Reise machen und wie der Freistaat sich wappnet.

 

München - Bayern macht sich bereit. Seit 18. August 1989 sind einige hundert Flüchtlinge aus der unruhig gewordenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mit Duldung der ideologisch bereits schwankenden Budapester Regierung nach einem von Paneuropa arrangierten "Picknick" durch den nahen, örtlich aufgeschnittenen Grenzzaun Ungarns oder durch den Wald "ausgewandert", zunächst nach Österreich.

Anfang September verdichten sich die Gerüchte, Ungarn wolle weitere DDR-Bürger, die inzwischen ganz legal ins "Bruderland" gelangt waren, auf einen Schlag in die Bundesrepublik ausreisen lassen. Die Kopfzahl wird auf 15.000 geschätzt.

Von Österreich her kann nur Bayern das erste Aufnahmeland sein

Ein Exodus ist zu bewältigen, der mit der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus vergleichbar ist – und der die große politische Wende in Europas Mitte einleiten soll.

Niemand weiß noch, auf welchem Wege, mit welchen Verkehrsmitteln, vor allem aber wann genau die Menschenmassen aus Ostdeutschland nach Westdeutschland geschleust würden. Wohin, das ist eher abzusehen: Von Österreich her kann nur Bayern das erste Aufnahmeland sein.

Der "größte Rotkreuz-Einsatz seit Kriegsende"

Alarm also an allen zivilen Fronten. Während der frühere, olympisch geübte Innenminister Bruno Merk (CSU) im Blitzverfahren den "größten Rotkreuz-Einsatz seit Kriegsende" organisiert, wird eine Sondereinheit vom Bundesgrenzschutz in Schnellkursen mental und praktisch auf den Massenansturm vorbereitet.

Auch wir Journalisten stehen bereit. Ebenso eilig werden zwischen Donau und Salzach, jeweils in Grenznähe, fünf Auffanglager aus dem Boden gestampft. Sie sollen eigentlich nur für eine gewisse "Wartezeit" dienen. Doch man rechnet damit, dass es Winter werden könnte bis zur Arbeitsvermittlung oder Weiterleitung so vieler Neubürger. Deshalb werden auch Heizstrahler installiert.

Erste DDR-Flüchtlinge in Bayern: Arbeitsamt ist auch vertreten

Jeder Ankommende soll ein "Überbrückungsgeld" von 200 Mark bekommen. Viele Einheimische bieten ihre Wohnungen oder ganze Häuser für die Flüchtlinge an. Andererseits verlagern die "Republikaner", ein Vorgänger der AfD, ihre Türken-Hetze auf die zu erwartenden Landsleute: "Das Boot ist voll."

Das größte dieser Lager befindet sich in der Nähe des Klosters Niederalteich, dessen Benediktiner einst den Donauraum bis nach Ungarn hinein christianisiert haben. Aus Hengersbach werden 94 Zelte – eines war noch von einem Volksfest stehengeblieben – für je zehn Personen herangeschafft sowie Großzelte für die Versorgung. Das Arbeitsamt ist auch vertreten.

Nibelungenhalle in Passau ist vorbereitet

Jedes Lager wird von 160 Hilfskräften betreut. Knapp 40 Kilometer östlich, in Passau, steht die vom "Politischen Aschermittwoch" her bekannte Nibelungenhalle bereit. Binnen drei Stunden könnten 384 Feldbetten in dem – längst abgerissenen – Nazibau aufgestellt werden. Parkplätze sind reserviert.

Am Gleis sechs des Passauer Bahnhofs "dampfen die Teekessel", titele ich meine erste Reportage. Recht viel mehr können wir Reporter, die von einem möglichen Zielpunkt zum anderen eilen, vorerst nicht berichten. Die Zeit vor der – erst nur erahnten – Wende ist eine Zeit des Wartens.

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