AZ-Interview zu Sechzig TSV 1860: Kult-Löwe Simon Pearce - "Hasan Ismaik muss ja kein Münchner sein, aber..."

, aktualisiert am 05.04.2019 - 09:51 Uhr
Simon Pearce: Der 37-Jährige kommt aus Puchheim. Er ist Comedian, Schauspieler, Synchronsprecher – und leidenschaftlicher Fan des TSV 1860. Foto: Patrizia Anderl

Comedian und Löwen-Fan Simon Pearce macht mit der AZ einen Rundgang ums Grünwalder Stadion – und spricht über die Faszination bei Heimspielen des TSV 1860, den Glanz von Giesing und die Zukunft des Vereins. Über Hasan Ismaik sagt er: "Manchmal ist das zu größenwahnsinnig."

 

München - Comedian, Schauspieler und Synchronsprecher Simon Pearce ist leidenschaftlicher Fan des TSV 1860 und ein Liebhaber des Grünwalder Stadions. Von der Ostkurve, vorbei an der Stehhalle und entlang der Westkurve haben wir ein Interview mit dem 37-Jährigen geführt - über den Sehnsuchtsort vieler Löwen, das Lebensgefühl "Giasing" und Charakterkopf Sascha Mölders.

AZ: Herr Pearce, wir stehen hier in der Grünwalder Straße, unterhalb der VIP-Loung Giesing, wo sie aus einem Dachfenster gegenüber der Ostkurve Löwen-Spiele im Stadion verfolgen. Gibt es bei Ihnen auch feine Häppchen und Schampus?
SIMON PEARCE: Selbstverständlich! (lacht) Unser Champagner heißt Helles. Unsere Häppchen sind Leberkassemmeln oder Fleischpflanzerl, manchmal gibt es Weißwürste.

Und manchmal geht gegenüberliegend über der Westkurve die Sonne unter.
Mega! Das ist wirklich der beste Ausblick, übers Stadion hinweg. Wenn die Sonne so rot ist… (Pearce hält inne, fährt sich mit der flachen Hand über den Bart) …wenn die Sonne natürlich blau ist (lacht). Einfach geil! Das einzige Problem ist das Tor direkt hinter der Ostkurve. Weil ich so klein bin, seh‘ ich nur einen Teil der Latte. Wenn eine Flanke kommt, muss ich hören, ob ein Tor gefallen ist.

*** Wir gehen weiter zum alten Kassenhäuschen mit der Aufschrift "Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße". ***

Sind Sie hier auch als kleiner Bub mit Ihrem Vater gestanden?
Ja, natürlich! Auch mit meinem Bruder, wir sind ja alle Löwen. Ich weiß noch, das erste Spiel nach dem Abstieg in die Regionalliga – ich musste fast heulen. Ich habe früher noch am Rosenheimer Platz gewohnt. Wir sind dann immer mit der Trambahn hergefahren, dann sind wir im Löwen-Pulk die Grünwalder entlang. Romantisch verklärt, aber schön.

Simon Pearce: "Vielleicht war der Abstieg nicht schlecht"

An dieser Kreuzung stieg die große Aufstiegsfeier…
…als ich leider nicht da war.

Warum?
Ich war in Siegen, weil zwei Tage nach dem Aufstieg mein Sohn auf die Welt gekommen ist. Meine Freundin ist von dort. Der ursprüngliche Termin war eigentlich der Tag des Aufstiegsspiels. Ich habe mir nur gedacht: Wie geil wäre das jetzt, wenn er ausgerechnet zum Aufstieg auf die Welt käme. Ist er nicht.

Nicht nur bei der Aufstiegsfeier strömten die Löwen aus allen Ecken des Viertels hierher. Heute stehen moderne Arenen draußen an der Autobahn.
Waren Sie mal in der Allianz Arena?

Das ist Teil meines Jobs, ja.
Da läufst du gefühlte acht Kilometer erstmal an der U-Bahn entlang und es kommt keine Stimmung auf. Hier bist du davor und danach im Fieber, gehst nach dem Spiel noch auf ne Halbe. Vielleicht war der Abstieg gar nicht schlecht, weil wir wieder das echte Erlebnis spüren. In London stehen die Stadien auch mitten in der Stadt. Oder in Barcelona, oder in Madrid. Dort funktioniert es auch. Und es verbindet.

"In die Allianz Arena gehst du anonym hin und zurück"

Inwiefern?
In die Allianz Arena gehst du mehr oder weniger anonym hin und zurück. Und hier in Giesing trifft man sich davor, holt sich am Kiosk ne Halbe, ratscht mit nem zahnlosen oder nem zahnreichen Fan, mit dem man sonst nicht reden würde. Wir sind aber beide Löwen, sitzen beide bei nem Bier.

*** Wir sind mittlerweile an der Stehhalle angekommen.***

Manche Gäste wundern sich, warum die Tribüne Stehhalle heißt, obwohl hier Sitzschalen sind.
Klar muss man hier stehen. Man muss eigentlich im ganzen Stadion stehen. Ich war auch schon auf der Haupttribüne. Dort sitzt man vielleicht 20 Prozent vom Spiel, aber den Rest wird gefälligst gestanden (hebt den Zeigefinger).

Aktuell wird diskutiert, ob das Grünwalder ausgebaut wird. Eine Machbarkeitsstudie ist in Arbeit. Das Stadion hat Alleinstellungsmerkmale wie die Stehhalle – die erhalten bleiben sollten?
Ich bin kein Architekt, aber das wäre ideal: Wenn du den Kern erhältst, und das Stadion darüber erweiterst. Es bringt uns nichts, wenn wir hier eine Multifunktionsarena hinstellen. Dann ist das Grünwalder auch weg. Das hätte nichts mehr mit dem Stadtbild zu tun.

München ist wohlhabend, Sie sind Kulturschaffender. Ist für Sie das Stadion auch Kulturgut - das ausgebaut gehört?
Es gibt auch andere Projekte, die in München Geld brauchen: Ob es der Bau von Kitas ist, der Rückkauf von Wohnungen, der Ausbau der Stammstrecke. Der Löwen-Fan in mir sagt: Das Grünwalder hat Prio Nummer eins. Aber als Münchner kann ich verstehen, dass es andere, relevantere Themen gibt.

Simon Pearce: TSV 1860 hat kein Problem mit rechten Fans

Dabei gilt Giesing schon als Kultviertel der Zukunft.
Die Prognosen, welche Viertel Kult werden, gibt es schon lange. Der Giesinger sagt: Naaaa, mir g’fällt‘s so! Der will nicht, dass das hier ein neues Glockenbachviertel wird. Die Mieten steigen dann noch mehr und die Boazn würden von italienischen Restaurantketten abgelöst. Da hat der Giesinger keinen Bock drauf.

*** Mittlerweile stehen wir vor der Westkurve, Block G.***

Bock haben viele Löwen-Fans auf die Westkurve.
Hier stand ich auch bei meinem ersten Löwen-Spiel. Das war Ende der Achtziger, ich war vielleicht sieben. Die Löwen haben Bayernliga gespielt, doch das Stadion war trotzdem voll. Das fand ich als kleiner Steppke cool, weil ich gecheckt hatte, dass Sechzig niedrig spielt. Mein Bruder hatte damals, Anfang der Neunziger, seit zwei Wochen seinen Führerschein, als wir gegen Meppen um den Aufstieg gespielt haben. Und dann hat er seinen 2er Golf nach Meppen hochgeprügelt.

Nicht immer geht es in der Kurve friedlich zu. Bei Sechzig-Heimspielen wurden vereinzelt Fans mit Nazi-Symbolen von der Polizei rausgeholt. Sie thematisieren in Ihrer Arbeit auch Rassismus.
In der Arena gab es immer wieder Rechte im Block 133. Ich glaube aber definitiv nicht, dass Sechzig ein Problem mit rechten Fans in der Kurve hat. Einmal gab es einen Vorfall im Grünwalder, als die Amateure gespielt haben. Da habe ich aus der VIP-Lounge zugeschaut. Es waren ein paar Faschos in der Stehhalle. Die wurden aber von anderen Fans rausgesungen.

*** Wir erreichen die Blöcke F1 und F2. Pearce schaut die Betonstufen hoch. ***

Zur Mannschaft: Sie kommt nach Siegen immer an den Zaun. Sie sind Charakterdarsteller – welcher Löwe gefällt Ihnen besonders?
Das habe ich schon beim Abstieg gesagt: Sascha Mölders. Dass er damals geblieben ist. Einfach eine coole Sau. Es heißt ja immer, er spiele dreckig. Aber er hat in jedem Spiel einen Highlight-Move. Ich weiß nicht, ob er an der Playstation übt (lacht laut). Und Aaron Berzel ist einer wie Thomas Miller: Du weißt, er kommt aufs Feld, und irgendeiner wird Schmerzen haben.

"Daniel Bierofka verkörpert, für was Sechzig steht"

Und dann gibt es da noch den Trainer, Daniel Bierofka.
Super Typ! Sechzig tut sich immer schwer, Ehemalige zu integrieren. Das macht wahrscheinlich kein Verein schlechter als die Löwen. Aber Biero verkörpert, für was Sechzig steht: den Kampfgeist, das Bayerische, das Granteln.

Wir sind an der Haupttribüne angelangt, wo die Vereinsoberen sitzen. Momentan tobt wieder ein Machtkampf.
Mich regt auf, dass ein alter Nebenkriegsschauplatz wieder aufgemacht wird.

Es wird immer von zwei Lagern gesprochen. Welchem gehören Sie an?
Ich bin eher der Romantiker. Man muss aber bedenken: Ist das zukunftsträchtig? Ismaik muss ja kein Münchner sein, aber manchmal ist das zu größenwahnsinnig. In der Abstiegssaison hat man gesehen: Kauf alles, was du meinst, hol‘ nen kompetenten Mann aus Liverpool (Ian Ayre, d. Red.), doch vor Abpfiff der Relegation war der schon wieder weg. Und der Ribamar galt als Jahrhunderttalent. Hat der gespielt wie ein Jahrhunderttalent? Aber: Aus dem Politischen halte mich lieber raus, es sagen schon zu viele ihre Meinung dazu.

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