AZ-Interview vor der EM 2016 Marcell Jansen: "Leroy Sané kann etwas bewegen"

"Er hat einen guten Abschluss", sagt Marcell Jansen über Leory Sané. Foto: firo/Ak

In einer Woche beginnt die EM in Frankreich. Die AZ sprach vorab mit Vize-Europameister Marcell Jansen – über die deutschen Titelchancen, Mario Götze, Bastian Schweinsteiger und Joshua Kimmich.

 

München - AZ: Herr Jansen, Sie haben 2008 als Vize-Europameister knapp den Titel verpasst. Ist Deutschland diesmal der Topfavorit?

MARCELL JANSEN: Für mich gibt es eine Gruppe von Favoriten. Man braucht immer ein Quäntchen Glück bei einem Turnier. 2006 haben wir das gesehen, als wir bei der WM gegen Italien ein überragendes Spiel gezeigt haben – und trotzdem ausgeschieden sind. Seitdem waren wir immer im Halbfinale, das sollte auch jetzt das Ziel sein.

Welche Mannschaften stufen Sie noch als gefährlich ein?

Frankreich hat einen großen Schritt gemacht. Sie haben sehr schnelle, sehr dynamische Spieler. Sie sind nicht nur wegen der Euphorie im eigenen Land zu beachten. Spanien gehört natürlich dazu, England ist erstarkt, vielleicht muss man mit ihnen rechnen. Aber Frankreich, Spanien und Deutschland sind die drei Favoriten.

Wie schwer wiegt der Ausfall von Marco Reus?

Es tut mir für ihn leid, ich kann da mit ihm fühlen. Wie er die letzten Jahren in der Liga performt hat – da wäre er ein wichtiger Teil der Mannschaft gewesen mit seiner Qualität.

Andererseits: Auf dieser Position hat Joachim Löw einige Optionen: Draxler, Schürrle, Podolski, Götze...

Ja, wir haben offensiv sehr viel Qualität. Trotzdem glaube ich, dass Reus schon besondere Spiele gezeigt hat und wichtig gewesen wäre.

An Mats Hummels und Bastian Schweinsteiger hat Löw festgehalten, obwohl sie noch nicht fit sind. Welchen Wert hat speziell Schweinsteiger für die Mannschaft?

Schweinsteiger hat die Mannschaft seit Jahren geprägt. Aber letztlich können nur Löw und die Ärzte genau sagen, wie weit er ist. Dass er nominiert wurde, zeigt, dass man ihm zutraut, einen Mehrwert für das Team schaffen zu können. Das Wissen, dass er viel Erfahrung hat und auch neben dem Platz wichtig ist, haben alle.

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Einige junge Spieler sind dabei, auch Joshua Kimmich und Leroy Sané. Welche Perspektiven haben Sie?

Alle jungen Spieler sind eingeladen worden, weil sie großes Potenzial haben. Wie schnell sie sich einfügen können, wie schnell sie ihr Talent bei einem so großen Turnier zeigen können, muss man sehen. Das liegt auch daran, ob eine Mannschaft intakt ist. Dann fällt es den jungen Spielern leichter, ihr Potenzial abzurufen. Von der Qualität und vom Talent her steht es außer Frage, dass die jungen Spieler zu Recht eine Chance bekommen haben. Bei Sané weiß man, dass er große Qualitäten im Eins-gegen-Eins hat, dass er Tempo hat, dass er einen guten Abschluss hat. Er kann etwas bewegen.

Welche Möglichkeiten hat Kimmich? Ist er eine Option als Rechtsverteidiger?

Grundsätzlich hat Kimmich gezeigt, dass er defensiv flexibel einsetzbar ist. Er hat die Rolle als Innenverteidiger sehr gut ausgefüllt, die als Sechser auch. Die Außenverteidigung ist aber wieder ganz anders. Ich weiß nicht, ob er da in der Jugend schon Erfahrungen gesammelt hat. Das muss der Bundestrainer bewerten. Auch Emre Can und Benedikt Höwedes können da spielen.

Auf der linken Abwehrseite, Ihrer alten Stammposition, hat sich Jonas Hector festgespielt. Was zeichnet ihn aus?

Er spielt sehr abgeklärt, ruhig. Man denkt, er wäre schon viel länger dabei. Er hat sich das verdient.

Im Sturm blühen Podolski und Gomez in der Türkei regelrecht auf. Wie wichtig ist das Duo für die Mannschaft?

Poldi hat Galatasaray zum Pokalsieg geschossen, Mario ist Torschützenkönig geworden. Ob die türkische Liga so stark ist wie die deutsche, spanische oder englische, weiß ich nicht. Aber auch da muss man es erstmal schaffen, das eigene Team voranzubringen. Beide kommen mit viel Selbstvertrauen, dass sie ihre Qualitäten haben, wissen wir. Wenn man sich die Statistiken von Gomez anschaut, dann brauchen wir über seine Klasse nicht reden. Die Frage ist: Wie ist seine Form, wie ist sein Selbstvertrauen? Und aktuell muss man klar sagen: Er ist eine ernstzunehmende Option für die Startelf.

Selbstvertrauen hat sich Mario Götze vergangene Saison nicht gerade geholt. Kann er sich nun bei der EM von seiner unklaren Situation bei Bayern freimachen?

Ich finde es top, dass er sich so klar zu den Bayern bekannt hat. Außerdem hat er noch einen Vertrag. Das darf man nicht vergessen: Mario ist irgendwann mal mit einer Intention geholt worden. Aus seiner Sicht kann ich das absolut nachvollziehen.   

 

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