AZ-Interview Union-Fan Gregor Gysi: "Hoeneß und ich haben Vorurteile abgebaut"

Der Bayern-Präsident Uli Hoeneß und der damalige Fraktionsvorsitzende der "Linken", Gregor Gysi, beim DFB-Pokalfinale 2013 in Berlin. Foto: imago/Camera 4

Gregor Gysi, einer der unterhaltsamsten Politiker der Republik und eingefleischter Union-Berlin-Fan, spricht im AZ-Interview über Bayerns Präsidenten und München: "Ich mag die Lebensart dort"

 

München - Gregor Gysi (71) war Fraktionsvorsitzender der Linken. Er ist großer Union-Fan und drückt seinem Team am Samstag gegen den FC Bayern die Daumen.

AZ: Herr Gysi, blicken wir in die Vergangenheit: Ost-Berlin 1989. Wie sehr haben Sie vor 30 Jahren kurz vor dem Ende der DDR mit dem Schicksal gehadert – als Union Berlin in die Zweite Liga abstieg?
GREGOR GYSI: Das hat mich in der Tat getroffen. Union war der Klub, der mich seit meiner Kindheit begleitete. Ich bin ganz in der Nähe der Alten Försterei im Ortsteil Johannisthal aufgewachsen, später lag meine Kanzlei in unmittelbarer Nachbarschaft des Stadions, in dem ich auch mein erstes Spiel live sehen durfte. Union lag mir schon immer sehr am Herzen. Besonders brisant waren natürlich immer die Spiele gegen den BFC Dynamo.

Dynamo war der linientreue Stasi-Klub, während Union für Systemkritik stand. In der Stasi gab es zur Beobachtung der Union-Fans die Abteilung "Rowdyhafter Fußballanhang". Union und Hertha verband dagegen eine Fan-Freundschaft über die Mauer.
Union hatte schon damals ein sehr witziges und kreatives Publikum. Tatsächlich hatte ich nach fast jedem Heimspiel zwei bis drei Union-Fans als neue Mandanten in der Untersuchungshaft im Gefängnis Rummelsburg. In den 20 Jahren meiner Anwaltstätigkeit in der DDR hatte ich nur einmal einen Fan von BFC Dynamo. Mit anderen Worten: Vom BFC konnte ich nicht leben, von Union schon.

Wie haben Sie den Fußball im Westen verfolgt?
Es gab eine Tageszeitung, die "Junge Welt", da standen montags die Ergebnisse der Bundesliga drin, die habe ich studiert. Höhepunkte waren die internationalen Spiele der DDR-Klubs: der Europapokalsieg von Magdeburg 1974, aber auch die deutsch-deutschen Duelle. Ich erinnere mich noch gut an 1986, als Dynamo Dresden nach einem 2:0 daheim im Rückspiel in Uerdingen zur Halbzeit schon 3:1 führte – und am Ende gewann Uerdingen 7:3. Merkwürdig, oder?

Das Wunder von der Grotenburg. Nicht zu vergessen die WM 1974: BRD gegen DDR.
Ich kann mir gut vorstellen, wie beim Tor durch Sparwasser im Politbüro die Sektkorken knallten. Was war das für eine Sensation! Gegen die große westdeutsche Mannschaft mit sechs Spielern vom FC Bayern. Die Bayern haben mich schon immer fasziniert. Eine große Geste, als sie 1997 zum Benefizspiel gegen Union in die Alte Försterei kamen und keinen Pfennig Geld wollten.

Gysi: "Die Bayern haben sich alles selbst aufgebaut"

Sie sind bekennender Sozialist, ist der FC Bayern für Sie wie für viele Fans auch Inbegriff des Kapitalismus? Oder schätzen Sie den Klub für sein vernünftig agierendes Wirtschaften und seine soziale Ader?
Letzteres. Die Bayern haben keinen Scheich aus Oman, Abu Dhabi oder sonst woher, der dauernd Geld reinpumpt. Die haben sich alles selbst aufgebaut, leisten solide Arbeit. Ich bin am Samstag in München in der Arena, das habe ich mir organisiert. Ich sitze irgendwo in der Nähe von Uli Hoeneß, den ich inzwischen ganz gut kenne. Ich fürchte, dass mehrmals alle um mich herum aufspringen werden und ihre Bayern-Schals schwenken und ich mit verdrießlichem Gesicht sitzen bleibe. Dennoch, ich freue mich sehr darauf.

Die Haupttribünen-Fans werden oft als Champagner-Publikum bezeichnet, viel Schicki-Micki. Sehr münchnerisch eben. Schreckt Sie das ab?
Bei Union haben sie auch Logen, ich war da mal drin. Nein, das ist so gar nicht meine Welt. Andererseits: Dadurch, dass Hoeneß von all den Reichen viel Geld nimmt für die Business-Klasse, ermöglicht er den Fans in der Kurve, dass die Preise dort im Rahmen bleiben. Und nichts gegen das Münchnerische bitte! Ich mag die Lebensart dort, war vergangenes Jahr bei der Eröffnung des Oktoberfests, und auch wenn für mich als Berliner das Oktoberfest mental nicht leicht zu ertragen ist, schätze ich diese Form des Miteinanders und der bayerischen Toleranz.

Leben und leben lassen: Liberalitas Bavariae.
Richtig. Bayern und der Freiheitswunsch, eine lange Tradition. Man denke nur an die Revolution 1918 unter Kurt Eisner und den Sturz der bayerischen Monarchie. Eine beachtliche Leistung.

Gysi: "Hoeneß kann auch sehr witzig sein"

Uli Hoeneß hat sich 2007 bei seinem unvergessenen Wutanfall dafür gefeiert, dass er den Leuten in den Logen das Geld aus der Tasche zieht. Als modernen Robin Hood würden Sie ihn aber nicht sehen, oder?
Nein, so weit gehe ich nicht. Allerdings wird ihm auch viel Unrecht getan. Er kann sicher sehr aufbrausend sein, aber auch sehr witzig. Ich hatte ihn eine Woche nach seiner berühmten Pressekonferenz vor einem Jahr als Gesprächsgast im Deutschen Theater Berlin. Da fragte ich ihn, ob ihn die Medien nach seiner Beschimpfung jetzt netter behandeln würden. Darauf meinte er, dass er es nicht wisse, er sei den Medien seitdem nicht mehr begegnet.

Sie nehmen ihm nicht übel, dass er Sie 2013 wegen eines Auftritts in einer Talkshow als "Zirkusclown" verspottet hat?
Das war mir doch egal, er kannte mich damals gar nicht. Hoeneß und Beckenbauer lehnten mich eher ab, das haben sie mich auch spüren lassen, wenn ich ihnen mal zufällig über den Weg lief. Das hat sich geändert, als Hoeneß dann seine Probleme im Strafverfahren hatte. Es gab nicht mehr so viele, die mit ihm sprachen. Ich schon, bei einer Begegnung im Berliner Olympiastadion. Ich glaube, dass er mich seitdem anders einschätzt, Beckenbauer auch.

Gysi: "Hoeneß und Beckenbauer lehnten mich eher ab"

Weil Sie ihn wegen seines Vergehens nicht verurteilt haben?
Ich bin Verteidiger, von Beruf aus. Ich weiß, wie schwer es Menschen in solch einer Situation haben. Natürlich hat die eigene Schuld einen Anteil an dieser Lage. Dennoch brauchen sie gerade dann Unterstützung. Wir haben gegenseitig Vorurteile abgebaut.

Hätten Sie den Mandanten Ulrich H. gerne als Anwalt vertreten?
Gerne weiß ich nicht, aber es wäre sicher sehr aufregend gewesen.

Gysi: "Inakzeptabel, wenn sich Rechtsextremismus auf den Rängen breitmacht"

Sie haben Hoeneß bei Ihrem Bühnenauftritt in Berlin als "Bereicherung für die Gesellschaft" bezeichnet. Auch weil er sich – wie vor vielen Jahren schon – gegen Fremdenfeindlichkeit und Nazi-Parolen auf den Tribünen positioniert?
Ja, und das ist ganz wichtig. Rassismus ist ein großes Problem in den Stadien, auch wenn wir differenzieren müssen. Wenn ich einen Kommentar zu Özil und Erdogan schreibe, dann ist das Kritik, aber kein Rassismus. Ich kann auch stundenlang Kritik an Netanyahu wegen seiner Politik üben, das hat aber mit Antisemitismus nichts zu tun. Absolut inakzeptabel aber ist es, wenn sich Rechtsextremismus und Intoleranz auf den Rängen breitmachen. Hier müssen sich alle Verantwortlichen im deutschen Fußball Gedanken machen, wie sie das in den Griff bekommen.

Wir kommen am Ende um die anstehende Wahl am Sonntag in Thüringen nicht herum. Was ist wahrscheinlicher: Dass Ihr Parteifreund Bodo Ramelow Ministerpräsident bleibt – oder Union am Saisonende in der Bundesliga?
Es ist beides wahrscheinlich, aber bitte stellen Sie mir jetzt nicht die Frage, was mir lieber wäre, was ich entscheiden würde, wenn ich zwischen beidem zu entscheiden hätte. Und? Was würden Sie entscheiden, wenn Sie zwischen beidem entscheiden müssten? Das könnte ich nicht entscheiden.

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