AZ-Interview nach SPD-Ausstieg Alexander Reissl: "Einen CSU-Beitritt schließe ich nicht aus"

Alexander Reissl darf auf den bombensicheren Platz zwölf auf der CSU-Stadtratsliste hoffen. Foto: Daniel von Loeper

Nach dem spektakulären Ausstieg aus der SPD darf Alexander Reissl in der CSU vorn mitmischen: In der AZ greift er die Ex-Kollegen scharf an, wagt eine Prognose für die OB- Wahl und erklärt seine Ambitionen.

 

München - Alexander Reissl (61) war ehemaliger SPD-Fraktions-Chef im Rathaus. Nach seinem spektakulären Ausstieg bei den Sozialdemokraten hat er die Seiten gewechselt und gehört nun als Parteiloser zur CSU-Fraktion.

AZ: Herr Reissl, Sie sind seit zwölf Tagen kein Sozialdemokrat mehr. Wie fühlt sich das inzwischen an?
ALEXANDER REISSL: Oh mei, ich kann das noch nicht richtig sagen. Ich gewöhne mich ja gerade daran, bei den Kollegen von der CSU zu sitzen. Es war schon ein gewaltiger Schritt.

Herzschmerz?
Nein. Kein Herzschmerz. Die Entscheidung ist nicht von heute auf morgen entstanden, sie war ja gut überlegt.

Als SPD-Fraktionschef saßen Sie in drei Ausschüssen des Stadtrats. Jetzt dürfen Sie nur noch im Bauausschuss sitzen. Reicht Ihnen das?
Ich würde schon gern wieder auch in den Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft gehen, weil ich mich ja intensiv mit Themen wie den SWM-Beteiligungsgesellschaften, der Innenstadtentwicklung und Hotellerie beschäftigt habe. Aber da verhandeln wir noch.

Reissl: "Meine Entscheidung war gut überlegt"

Dafür müsste aber einer der sechs CSU-Kollegen, die jetzt dort sitzen, seinen Platz für Sie räumen. Gibt’s schon einen Freiwilligen?
Das ist mir nicht bekannt.

In Ihrem ersten Antrag mit der CSU geht es um Minijob-Bademeister für die Münchner Schwimmbäder. Nicht gerade ein Furore-Thema.
Da habe ich mich nur wegen einer Formulierung eingebracht.

Währenddessen hat die SPD-Fraktion mit Christian Müller und Verena Dietl blitzschnell Ihre Nachfolger als Fraktionschefs festgelegt. Eine gute Wahl?
Das geht mich nichts mehr an, dazu möchte ich wirklich nichts sagen.

Reissl: "Ich erwarte nicht, dass mich jemand anruft"

Reden die ehemaligen Parteifreunde noch mit Ihnen?
So viele Gelegenheiten gab es noch nicht seither. Nur eine Vollversammlung und eine Ausschusssitzung. Da gab es einen persönlichen Handschlag aber sonst keine Gespräche.

Ruft Sie keiner an?
Nein. Aber das erwarte ich auch nicht. Es war auch früher nicht so, dass man sich außerhalb der Sitzungen angerufen hat, um einander zu fragen, wie es einem so geht.

Und die Reaktionen von außen – gab es Wutmails von enttäuschten Wählern?
Mich haben an die hundert Freunde, Bekannte und Parteifreunde über Briefe, Mails, SMS, Whatsapp oder die sozialen Netzwerke angeschrieben. Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Nur eine Frau hat mich beschimpft, aus Hamburg. Die kenne ich überhaupt nicht.

Der OB hat Sie nach Ihrem überraschenden Abgang nicht öffentlich angegriffen. Wie geht er privat mit Ihnen um?
Den habe ich – außer in der Vollversammlung – auch nicht gesehen.

Reissl: "In der CSU-Fraktion sind alle nett zu mir"

Jetzt sitzen Sie im Stadtrat zwischen den CSU-Urgesteinen Walter Zöller, Richard Quaas und Hans Podiuk. Haben Sie schon ein Bier mit ihnen getrunken?
Ich war am Montag beim Fraktionsstammtisch im Franziskaner. Da waren wir zu zehnt und Walter Zöller saß neben mir.

Und? Wird das eine Männerfreundschaft?
Die sind alle nett zu mir.

Am Mittwoch wird’s ernst, da stimmt die Münchner CSU über ihre 80-köpfige Stadtratsliste für die Kommunalwahl 2020 ab. Wie man aus der Partei hört, hat man Ihnen Platz zwölf angeboten. Zufrieden?
Lassen wir uns überraschen. Ich werde die Willensbildung der Partei respektieren.

Damit wären Sie jedenfalls sicher eine weitere Amtsperiode im Stadtrat. Ihre Prognose: Wie schneidet die CSU ab?
Ich gehe davon aus, dass die CSU nach der Wahl stärkste Fraktion im Rathaus wird.

Mit wie viel Prozent?
Nicht viel weniger als die 32,6 Prozent von 2014. Und damit möglicherweise 25 Sitzen.

Reissl: "CSU wird stärkste Fraktion im Rathaus"

Da sind Sie siegessicherer als viele in der CSU. Warum?
Die CSU hat in München ein viel stabileres bürgerliches Wählerpotenzial als die SPD. Sie macht keine einseitige Verkehrspolitik für Radler, vertritt keine Positionen, die Autofahrer ärgern. Mich verstört auch der Populismus der SPD, wenn es jetzt um die Mieten geht. Wenn die SPD einen Mietendeckel für die Mieter bei der GWG und Gewofag fordert und beide städtische Wohnungsbaugesellschaften dann in ein paar Jahren keinen Gewinn mehr machen, werden das die Leute mit ihrem Steuergeld bezahlen, die nicht bei Gewofag und GWG wohnen, also die nicht profitieren. Die CSU ist da realistischer und gerechter.

Dass der Erfolg der Grünen die CSU Stimmen kostet, macht Ihnen keine Sorge?
Der grüne Erfolg wird sehr viel deutlicher auf die SPD durchschlagen als auf die CSU.

Reissl: "Habenschaden und Frank können OB Reiter überrunden"

Wie ist Ihre Prognose für die Oberbürgermeister-Wahl?
Ich halte für denkbar, dass sowohl die Grüne Katrin Habenschaden als auch die CSU-Kandidatin Kristina Frank den amtierenden SPD-OB Dieter Reiter überrunden. Kristina Frank ist eine erfolgreiche junge Frau mit Beruf und Familie, ich glaube, dass das in der Stadtgesellschaft auf Resonanz stoßen wird.

Glauben Sie auch, dass Frau Frank den Job besser machen kann als der amtierende OB?
Sie kann es bestimmt genauso gut.

Noch mal zu Ihren persönlichen Chancen: Die CSU-Stadträtin Ulrike Grimm hat als Chefin der Frauenunion einen so großen Wähler-Fanclub, dass sie vom miserablen Listenplatz 40, den die CSU ihr bei der letzten Wahl gegeben hat, auf Platz 26 vorgehäufelt wurde. Wie groß ist Ihr Fanclub?
Ich denke schon, dass ich etliche Häufelstimmen bekommen werde, auch wenn ich diesmal auf der Liste einer anderen Partei zu finden bin. Man kennt mich ja in München und weiß, wofür ich stehe. Ein, zwei Plätze nach vorn gehäufelt zu werden – ich denke schon, dass das zu schaffen ist.

Reissl: "Einen CSU-Beitritt schließe ich nicht aus"

Welche Themen wollen Sie also bis zur Kommunalwahl setzen bei der CSU?
Eine maßvolle Verkehrspolitik, ohne Autofahrer zu drangsalieren, mit mehr ÖPNV. Und weiterhin Wohnungsbau. Ich gehe davon aus, dass die wachstumskritische Stimmung sich schnell dreht, wenn es wirtschaftlich – wie alle erwarten – schwieriger wird und gar zu einer Rezession kommt.

Wann treten Sie der CSU bei? Noch sind Sie ja parteilos.
Das weiß ich noch nicht. Das hängt davon ab, wie ich emotional und mental mit dem Thema umgehe. Ich bin dankbar, dass die CSU das nicht zur Voraussetzung gemacht hat.

Sie schließen es aber nicht aus?
Nein. Ich schließe es nicht aus. Es wird aber nicht in den nächsten zwei oder drei Tagen passieren.

Aber vor der Wahl?
Vielleicht vor der Wahl.

Lesen Sie hier: Kommunalwahl 2020 - So wird die Stadtrats-Liste der Münchner CSU

 

8 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading