AZ-Interview mit Grünen-Urgestein Schreyer: "Die Grünen brauchen auch erfahrene Leute"

Ex-Stadtrat und Sozialexperte Bernd Schreyer (67) mit Weißbier und dem grünen Jubiläumsheft "Greta". Wobei: Nachblättern muss er nicht, wenn es umJahreszahlen und Namen bei den Münchner Grünen geht. Er hat alle im Kopf. Foto: iko

Das grüne Urgestein Bernd Schreyer (67) will nach 30 Jahren zurück in den Stadtrat. Wie er als Senior die Jugend in seiner Partei und die Münchner Wähler überzeugen will.

 

München - Die Rathaus-Grünen haben aktuell 13 Stadträte (von 80). Mit bis zu 24 rechnen sie für die Zeit nach der Kommunalwahl im nächsten März, das wären einer mehr als die SPD derzeit hat. Beste Chancen für die Grüne Jugend, mit einem Schwung frischer Leute ins Münchner Rathaus einzuziehen.

Nun macht ein überraschendes Gerücht die Runde: Bernd Schreyer (67), grünes Urgestein der ersten Stunde, will nach fast 30 Jahren Pause wieder an den Start. Er war Gründungsmitglied der Münchner Grünen. 1984 zog die allererste grüne Fraktion mit sechs wuschelhaarigen Stadträten ins Rathaus ein, zwei Jahre später rückte Schreyer nach und durfte wegen der damaligen Rotationspflicht nur eine Amtsperiode bleiben, bis 1990.

Bernd Schreyer - Stadtrats-Comeback nach 30 Jahren?

Danach wechselte er ins Büro von Sabine Csampai: "Der Stadtrat ist ein Karrierekiller" wurde. Und später ins Wohnungsamt, wo er vor zwei Jahren in Rente ging. Nebenbei ist Bernd Schreyer Vorstand des "Sozialpolitischen Forums", das monatlich Talks zu sozialen Themen organisiert. Und er streitet mit dem Bündnis ProSEM für die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen.

Reicht das noch nicht? Die AZ hat nachgefragt.

AZ: Herr Schreyer, Sie wollen zurück in den Stadtrat, stimmt das?
BERND SCHREYER: Ja, stimmt. Spricht sich das schon herum?

Ein bisschen. Sie sind seit fast 30 Jahren raus. Und seit zwei Jahren in Rente nach einem wenig entspannten Job im Amt für Wohnen und Migration. Ist Ihnen langweilig?
Langweilig? Mir ist nie langweilig! Ich bin alleinerziehender Teilzeit-Papa, meine jüngste Tochter ist neun und die halbe Woche bei mir, da wird es einem sowieso nicht fad. Ich fände das einfach toll, wenn ich in meiner Heimatstadt noch mal auf der Ebene politisch mitgestalten könnte, wo ich 1990 aufhören musste. Ich bin ja nicht gerne aus dem Rathaus raus, ich musste ja, schweren Herzens, obwohl ich stadtpolitisch tief eingearbeitet war.

Schreyer: "Ich bin ja nicht gerne aus dem Rathaus raus"

Wie lief das denn damals?
Wir sind sechs Stadträte gewesen und die Grünen hatten Angst, dass Mandatsträger, wenn sie zu lange im Amt sind, korrumpierbar und abgehoben werden. Deswegen wurde rotiert, also zwangsdurchgewechselt. In einer Nacht- und Nebelaktion hat die Stadtversammlung dann aber am ersten Tag der Aufstellungsversammlung beschlossen, dass die Stadträte weitermachen können, die eine Zweidrittelmehrheit der Mitglieder bekommen.

Da waren Sie nicht dabei?
Nein. Das haben von den sechs Leuten nur Sabine Csampai und Joachim Lorenz geschafft ...

... die eine wurde dann Bürgermeisterin, der andere als Umweltreferent der erste grüne Stadtminister.
Gut gelaufen, ja. Inzwischen wird auch nicht mehr rotiert.

Jusos, Junge Union, Grüne Jugend – alle wollen jetzt in den politischen Ämtern verjüngen. Warum glauben Sie, dass es einen Senior wie Sie noch braucht in der Fraktion?
Den Grünen ist, glaube ich, klar, dass sie bei aller wichtigen Verjüngung auch erfahrene Leute brauchen. Gülseren Demirel ist jetzt im Landtag. Jutta Koller und Herbert Danner, die alten Hasen in der Sozial- und Verkehrspolitik, hören ja auch auf, da geht der Fraktion eine Menge Erfahrung verloren.

Schreyer: "Die Grünen brauchen auch erfahrene Leute"

Wie schaut Ihre Erfahrung denn aus?
Ich kenne gerade beim sozialen und preisgedämpften Wohnungsbau aus meiner jahrelangen Arbeit im Amt die Verwaltungsstrukturen und die Bedarfe sehr genau. Ich habe auch das Kommunale Wohnungsbauprogramm für Benachteiligte am Wohnungsmarkt und die Idee eines preisgedämpften Wohnungsbaus für Genossenschaften wesentlich mitentwickelt. Auch die ökologische und soziale Anforderung an Stadtentwicklung in der wachsenden Stadt war und ist mein Thema.

Als Kämpfer für die umstrittene SEM, also die großen Neubausiedlungen, die die Stadt bei Feldmoching und Daglfing plant, sind Sie ja im Moment medial schon recht präsent. Glauben Sie, dass Sie damit Wählerstimmen holen werden?
Das denke ich schon. Wir kommen ja um Wohnungsbau nicht herum bei den steigenden Einwohnerzahlen. Und wir brauchen vor allem bezahlbaren Wohnraum. Ich werde mit meinen Stadtratskollegen dafür sorgen, dass in München statt 2000 bezahlbare Wohnungen im Jahr 4.000 gebaut werden, geförderte und preisgedämpfte Wohnungen.

Sie bleiben auch bei der Zielzahl von Neubau für 30.000 Menschen um Daglfing? Obwohl viele Münchner das nicht wollen?
Ja, wir müssen das machen. Indem wir auf nur 100 von 600 Hektar sechs bis acht Stockwerke in die Höhe bauen – und dafür möglichst viel Natur- und Landwirtschaftsflächen erhalten. Und wir müssen es im Dialog mit den Menschen machen.

Was sagen Sie den Münchnern, die überhaupt kein Wachstum mehr in München wollen?
Ich frage sie: Wann seid ihr denn zugezogen? Und was ist denn die Alternative? Dass wir die Wälder und Felder in der Fläche um München herum zubauen? Zersiedlung, nein danke! Lieber kompakt, urban und grün in der Stadt. Der Flächenfraß in das Land hinaus muss doch endlich eingegrenzt werden.

Schreyer: "Lieber kompakt, urban und grün in der Stadt"

Wohnungsbau ist im Moment jedermanns Thema. Womit wollen Sie noch punkten?
Ich bin ein Senior – und gerade die Senioren in München brauchen auch grüne Ansprechpartner. Die Älteren sind ja, neben Kindern und Jugendlichen, eine wachsende Gruppe in unserer Stadt. Altersarmut ist und wird noch ein Riesenthema werden, jedes Jahr kommen etwa 1000 Menschen dazu, die auf Grundsicherung angewiesen sind.

Die Aufstellungsversammlung für den Stadtrat wird Mitte September sein. Welchen Listenplatz wollen Sie haben?
Mit Platz 10 würde ich mich geehrt fühlen.

Das ist bei erhofften 20 bis 24 Stadtratssitzen ziemlich weit vorn. Haben Sie genug Fans dafür in den eigenen Reihen?
Das kann man nicht sagen. Da wird vorher nichts ausgemauschelt, da wird eine souveräne Stadtversammlung darüber abstimmen. Und da sind erfreulicherweise viele neue, viele junge, viele kompetente Mitglieder dabei, die berücksichtigt werden wollen. Wenn ich überzeuge, werde ich gewählt.

Lesen Sie hier: Anton Hofreiter - "Wir bekommen Morddrohungen im Internet"

 

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