AZ-Interview mit BA-Chef Au-Haidhausen Jörg Spengler: "Eine Sanierung des Orleansplatzes ist überfällig!"

Der Orleansplatz ist "insgesamt nicht sehr freundlich", findet der neue BA-Chef Jörg Spengler von den Grünen. Foto: Daniel von Loeper

Der Bezirksausschuss Haidhausen hat einen neuen Chef. Der Grüne Jörg Spengler im Interview mit der AZ über Revolte, Radl und die Auswirkungen von Corona in seinem Viertel.

 

München - AZ-Interview mit Jörg Spengler: Der Lehrer unterrichtet an einer Realschule Englisch und Geschichte. Seit 1998 ist er bei den Grünen. In seiner Freizeit radelt er durch seinen Bezirk – und gerne auch ins Umland.

Die Grünen sind seit der Kommunalwahl mit 47,7 Prozent der Wählerstimmen die stärkste Kraft im Bezirksausschuss Au-Haidhausen (BA 5). Nach 20 Jahren mit SPD-Spitze hat nun ein Grüner den Vorsitz in dem Stadtteilgremium. Realschullehrer Jörg Spengler ist 45 Jahre alt, hat zwei Töchter. Ein Gespräch über seinen Start – und die Zukunft des Bezirks.

AZ: Herr Spengler, seit der konstituierenden Sitzung Anfang Mai sind Sie Chef des BAs Au-Haidhausen. Sie sind kein Unbekannter. Wie lange sind Sie bereits im Viertel aktiv?
JÖRG SPENGLER: Ich wohne mittlerweile seit 13 Jahren in Haidhausen. Politisch engagiere ich mich seit langer Zeit, seit fünf Jahren bin ich Vorsitzender des Ortsverbands der Grünen in Au-Haidhausen.

"Unsere Fraktion ist nicht gespalten"

Die Grünen sind mit 13 Sitzen im Stadtteilgremium vertreten und besetzen damit fast die Hälfte der Posten. Die Wahl zum Vorsitzenden lief allerdings nicht ganz reibungslos ab. Wie haben Sie die Abstimmung erlebt?
Wir haben eine Wahl in der Fraktion gemacht, wen wir als Vorsitzenden eine Kandidatur abgeben lassen wollen. Diese Wahl ist für mich ausgegangen. Einen Tag vor der konstituierenden Sitzung hat sich dann meine Parteikollegin Ulrike Goldstein entschieden, doch ins Rennen gehen zu wollen. Daraufhin sind wir beide angetreten. Schlussendlich ging es 20 zu vier Stimmen für mich aus.

Im Anschluss daran hieß es, die Grünen-Fraktion sei so oder so gespalten. Empfinden Sie das auch so?
Nach der ganzen Aufregung hat sich alles inzwischen wieder beruhigt. Unsere Fraktion ist nicht gespalten und arbeitet sehr gut zusammen.

"Mietpreise? Wir sind in der Au ein bisschen am Limit"

Ihre Vorgängerin Adelheid Dietz-Will (SPD) hatte zwei Jahrzehnte lang den Vorsitz im BA Haidhausen. Wie kommen Sie mit der Rolle des "Neuen" zurecht?
Es läuft überraschend gut. Bisher gab es zwei Vollversammlungen, vor allem in die Vorläufe ist man als Vorsitzender stark involviert. Ich bin sehr gut angekommen und auf viel helfende Unterstützung gestoßen – bei den Parteikollegen, aber auch den langgedienten Kolleginnen und Kollegen von SPD und CSU. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle haben es mir sehr leicht gemacht.

Früher war Au-Haidhausen ein Scherbenviertel. Die Politik getrieben von den Aufwertungsbemühungen. Inzwischen ist der Bezirk Sehnsuchtsort für Besserverdienende. Welche Sorgen treiben die Menschen im Viertel um und wie begegnen Sie ihnen?
Die Sorge der letzten fünf bis sechs Jahre ist die gleiche geblieben. Sie lautet: Wie lange kann ich noch in meiner Wohnung bleiben? Das ist nicht nur in Haidhausen so, das gilt besonders für die Au. Durch das große Bauprojekt auf dem Paulanergelände erleben wir eine Veränderung der Zusammensetzung in der Bevölkerung, vor allem durch die dort entstehenden hochpreisigen Wohnungen. Wir wollen, dass Mieten bezahlbar bleiben und, dass unser Viertel lebenswert bleibt. Wir sind alle ein bisschen am Limit.

Ein großes Ziel: Tempo 30 im ganzen Viertel

Welche kurz- und langfristigen Themen stehen noch auf Ihrer Agenda?
Eine hohe Priorität hat für mich die Verkehrswende. Wie gehen wir mit dem öffentlichen Raum um? Wir sind das am zweitdichtesten besiedelte Stadtviertel, da müssen wir den Raum, den wir zur Verfügung haben, besser nutzen. Das heißt für mich: Wir müssen an die Parkplätze ran. Es kann nicht sein, dass wir unseren öffentlichen Raum für 30 Euro im Jahr an private Nutzer verschleudern.

Wie könnte das dann konkret aussehen?
Die Fußwege müssten verbreitert werden, Parkbänke könnten aufgestellt oder mehr Spielgeräte verteilt werden. Eines meiner großen Ziele wäre, dass wir das Viertel flächendeckend mit Tempo 30 ausstatten. Da geht es auch um die Schulwegsicherheit. Ich bin ja auch Radverkehrsbeauftragter.

Orleansplatz: "Eine Sanierung ist überfällig"

Was hat es damit auf sich?
Für mich ist das Rad der Schlüssel zur Verkehrswende. Ich wünsche mir mehr Fahrradstraßen. Das haben die Bürgerinnen und Bürger im Begehren zum Radentscheid ja auch gefordert, das wird ein bisschen von der Stadtverwaltung und auch dem Oberbürgermeister ausgebremst. Ich hoffe, dass das neue Mobilitätsreferat, das kommendes Jahr starten soll, die Themen beschleunigen kann.

Mit dem Ausbau der Zweiten Stammstrecke und dem Umbau des Gasteigs stehen mindestens zwei Großprojekte an. Wie viel Gestaltungsspielraum hat der BA dabei überhaupt?
Leider zu wenig (lacht). Bei der Zweiten Stammstrecke sind wir erleichtert, dass der größte Teil der Baustelle auf der anderen Seite der Bahnlinie liegen soll (nämlich im Bezirk Berg am Laim, d. Red.). Nun haben wir mehr Gestaltungsspielraum für den Orleansplatz. Der ist insgesamt nicht sehr freundlich, eine Sanierung ist überfällig – auch um den öffentlichen Nahverkehr aufzuwerten. Bald sollen Gespräche mit der Bahn geführt werden, aber es soll auch einen Bürgerworkshop geben.

Die Renovierung des Gasteig könnte 450 Millionen kosten. Wie geht es mit dem Kulturzentrum weiter?
Dort tut sich etwas. Im September wird es eine Sondersitzung des BA geben. Da werden wir mit den Bürgerinnen und Bürgern über die Pläne diskutieren.

Pandemie: Wirten helfen und Förderprogramm für Kulturschaffende

Seit Corona halten sich immer mehr Menschen im Freien auf. Wie hat die Pandemie Ihr Viertel verändert?
Im BA haben wir einige Beschwerden erhalten, hauptsächlich, was die Lautstärke, das Feiern und den Müll an der Isar anbelangt. Wir haben Kontakt mit der Polizei aufgenommen. Die Beamten kontrollieren nun stärker. Aus meiner Sicht hat sich das ein bisschen beruhigt, doch der Sommer ist ja noch nicht vorbei.

Wie steht es um die Gastronomie im Viertel?
Grundsätzlich habe ich nicht den Eindruck, dass das große Laden- und Kneipensterben begonnen hat. Die Auer und Haidhauser wissen, was sie an ihren inhabergeführten Läden haben und unterstützen diese auch. Gemeinsam mit der Stadt versuchen wir, den Wirten – vor allem durch die Freischankflächen – unter die Arme zu greifen. Andererseits verschönern die sogenannten Schanigärten das Stadtbild. Da viele Kulturschaffende von der Pandemie betroffen sind, haben wir ein Förderprogramm aufgelegt. Mit einem Budget von 25.000 Euro werden wir in unserem Viertel Kulturtage veranstalten, wo Künstler- und Künstlerinnen die Möglichkeit haben, an verschieden Plätzen in unserem Bezirk aufzutreten.

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