AZ-Interview Josef Schmid: "Man darf nie an seinem Sessel kleben"

Sein Büro im Rathaus hat Ex-Bürgermeister Josef Schmid (CSU) verlassen. Das ist sein neuer Kanzlei-Schreibtisch im Lehel – hier arbeitet er meistens vormittags. Foto: Bernd Wackerbauer

Vor zwei Monaten hat Josef Schmid sein Bürgermeisterbüro im Rathaus geräumt, um als CSU-Abgeordneter in den Landtag zu gehen und wieder Anwalt zu werden. Ein AZ-Besuch.

München - Drei Moriskentänzer stehen auf dem Regal hinterm neuen Schreibtisch. Dazu diverse Münchner-Kindl-Figuren, eine Ehrenmünze der Wiesn-Schausteller und noch mehr Geschenke, die Josef Schmids CSU-Bürgermeisterbüro im Rathaus am Marienplatz geziert haben.

Gut zwei Monate sind es jetzt, dass Schmid, der auch noch mächtiger Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef war, das alles eingepackt und mitgenommen hat – in sein neues Anwaltsbüro, nur zwölf Gehminuten entfernt im Lehel. Es liegt ziemlich genau auf halbem Weg Richtung Landtag, im dritten Stock der angesehenen Wirtschaftskanzlei GSK Stockmann. Dort ist der Ex-Bürgermeister, Neu-Landtagsabgeordnete und Jurist im letzten Herbst als Partner eingestiegen. An der Tür steht "Josef Schmid, Rechtsanwalt, R3.3". Die AZ hat ihn besucht.

Schmid (49) war viereinhalb Jahre Münchens Zweiter Bürgermeister, Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef. Seit 5. November 2018 sitzt er für die CSU im Landtag und arbeitet wieder als Anwalt. (Lesen Sie hier: MVV-Chef Bernd Rosenbusch - das sind seine Pläne)

AZ: Herr Schmid, Sie schauen so erholt aus. Und schlanker auch, oder?
SEPPI SCHMID: Stimmt. Sechs Kilo sind weg, das geht schon, wenn man das Abendessen weglässt.

Aber Spezi, Ihr Lieblingsgetränk als Bürgermeister, trinken Sie schon noch – oder warum stünde sonst der Spezi-Kasten hier?
Selbstverständlich. Das war ein Abschiedsgeschenk von meinen Mitarbeitern im Wirtschaftsreferat. Schauen Sie mal, dekoriert mit den Münchner und den bayerischen Farben. Ich habe den Kasten zum Einzug am 6. November mit hierhergebracht. Jetzt ist nur noch eine volle Flasche da.

Klingt schon ein bisschen nach Wehmut. Vermissen Sie das Rathaus?
Ich bin ja noch im Rathaus. Bis meine restlichen Aufsichtsratsposten im Frühling neu besetzt werden, bleibe ich Stadtrat und gehe selbstverständlich zu den Vollversammlungen. Ich habe das Bürgermeisteramt schon sehr gemocht, aber politische Ämter sind Gott sei Dank immer auf Zeit. Man darf nie an seinem Sessel kleben und muss auch wieder aufhören können. Ich wollte ja in den Landtag, und freue mich auch, nach fünf Jahren Pause wieder als Anwalt zu arbeiten.

Schmid: "Jetzt bin ich bei einer 60-Stunden-Woche"

Das hier ist eine Wirtschaftskanzlei: vier Stockwerke, 200 Anwälte deutschlandweit. Was machen Sie hier?
Ich berate Mandanten im öffentlichen Wirtschaftsrecht und im Bauplanungsrecht.

In München?
Ja, auch.

Was sind das für Mandanten?
Vornehmlich Unternehmen, die zum Beispiel aus brachliegenden Flächen Areale für neues Gewerbe, Büros oder Wohnungen machen. Viele kennen ja das örtliche Baurecht nicht oder die Besonderheiten mit der Stadtverwaltung, dem Stadtrat, den Bezirksausschüssen, den Anwohnern. Das sind komplizierte Rechtsmaterien und anspruchsvolle Prozesse.

Dann haben Sie jetzt also die Seiten gewechselt? Als Wirtschaftsbürgermeister war es ja Ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Stadt bei solchen Verhandlungen am meisten für sich herausholt.
Die Stadt und Wirtschaftsunternehmen haben oft die gleichen Interessen. Sie möchten beispielsweise beim Wohnungsbau möglichst schnell vorankommen. Das geht am besten im Einklang mit der Stadt. Da brauchen Unternehmen konstruktive Beratung, die auch sagt, was die Stadt braucht und was sie will. Und beide brauchen Gewerbeflächen. Es gibt übrigens nicht wenige Unternehmen, die städtebaulich und architektonisch etwas hinstellen wollen, von dem die Bürger am Ende sagen: Super! Das sind beileibe keine Heuschrecken.

Nach einer Nebenbeschäftigung klingt das nicht, wie organisieren Sie das neben Ihrem Landtagsmandat?
Ich hatte bis zum Herbst eine 85-Stunden-Woche. Die Tage begannen um 7.30 Uhr und endeten um 22.30 Uhr. Da hatte ich nur einen freien Abend in der Woche und einen Tag am Wochenende. Jetzt bin ich bei einer 60-Stunden-Woche, das ist schon viel einfacher.

Schmid: "Musste in meinem Leben immer hart arbeiten"

Nämlich wie?
Vereinfacht gesagt bin ich vormittags in der Kanzlei oder bei Mandantengesprächen. Und gehe drei Mal die Woche, am Mittag und am Nachmittag, zu den Sitzungen im Landtag.

Dort haben Sie jetzt keine Führungsposition mehr, sondern sind einfacher Abgeordneter, sogar ohne Sprecher-Position. Wie vertragen Sie das – als Alpha-Politiker?
Sehr gut, weil ich das schon kenne. Ich musste in meinem Leben immer hart arbeiten. Für den Wahlerfolg, der zum Bürgermeisteramt geführt hat, habe ich auch acht Jahre hart gearbeitet als OB-Kandidat der CSU. Ich kann auch ohne Exekutivamt wichtige Beiträge leisten.

Wie denn zuletzt?
Letzte Woche habe ich im CSU-Arbeitskreis für den Ausschuss Wohnen, Bau und Verkehr über die Probleme beim Münchner Nahverkehr referiert. Ich bin da ja der einzige Münchner. Ich habe die Kollegen aus Schwaben, Franken und anderswo überzeugen müssen, dass das Bauprogramm mit vier U-Bahnen und zwei Trams notwendig ist. Dass der Freistaat, vor allem der Bund, helfen muss, dass die Finanzierung zustande kommt. Eine Kollegin sagte, ihr habe zum ersten Mal jemand verständlich erklärt, warum Milliarden Euro nach München fließen müssen.

Schmid: "Die Wochen jetzt erfüllen mich mit großer Freude"

Wie schaut denn Ihr Abgeordnetenbüro im Landtag aus, ist das vorzeigbar?
Das weiß ich nicht, es ist noch nicht fertig. Wir neuen Abgeordneten sind aus Platzmangel ausgelagert worden. Wir bekommen Büros unten an der Maximilianstraße. Das sollen hohe, schöne Altbauräume sein. Aber mein Bürgerbüro in Obermenzing, das gibt es schon.

Welches Ziel peilen Sie im Landtag an?
Weiter die Interessen der Münchner Bürger zu vertreten.

Schon klar. Aber im Ernst: Was wollen Sie denn noch werden?
Man darf Politik nie machen, weil man persönlich etwas werden will. Dann soll man besser in die Wirtschaft gehen. Ämter dienen dazu, um etwas für die Menschen zu verbessern. Wegen mir persönlich muss ich nichts anderes werden.

Nein?
Nein. Die Wochen jetzt erfüllen mich mit großer Freude. Es macht mir auch Spaß, wieder selber Auto zu fahren.

Ihren alten grauen Alfa?
Baujahr 2002, ja, den habe ich noch. Es macht mir nichts aus, dass ich keinen Dienstwagen mehr habe. Den 7er BMW Hybrid hatte ich ja nicht, damit ich feudal durch die Gegend gefahren werde. Den hatte ich, weil ich unterwegs noch Reden für die nächsten Termine lesen und Akten abarbeiten musste.

Schmid: "Der permanente Erwartungs- und Termindruck ist weg"

Was ist mit U-Bahn-Fahren?
Ich fahre alles. Im Sommer bin ich drei Monate lang meistens mit dem Fahrrad gefahren. Und zwischen Landtag, Kanzlei und Rathaus gehe ich zu Fuß oder fahre Tram.

Was macht Ihnen jetzt am meisten Spaß?
Die Freiheit des Abgeordneten.

Wie meinen Sie das?
Der permanente Termin- und Erwartungsdruck ist weg, und ich muss auch nicht mehr täglich mediale Aufmerksamkeit produzieren. Durchatmen, kreativ nachdenken – das hat was.

Und ein bisschen Wiesn bleibt Ihnen ja auch noch.
Stimmt. Im Herbst zapfe ich ja selber in der Fischer Vroni an.

Ziel: Zwei Schläge?
Ich habe es auch schon mit einem geschafft.

 

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