AZ-Interview Helmut Schleich über die Europawahl

Der Kabarettist Helmut Schleich. Foto: Katharina Ziedek

Kabarettist Helmut Schleich im AZ-Interview über die Europawahl, den Höhenflug der Grünen und Satiriker in der Politik.

 

Kommenden Donnerstag, in der nächsten Ausgabe von "SchleichFernsehen", betreibt der Münchner Kabarettist seine Wahlnachlese, die zum politischen Paukenschlag in der SPD führte. Die AZ hatte ihn im Interview.

AZ: Herr Schleich, Sie haben den Europawahlkampf mit Bauchschmerzen verfolgt, warum eigentlich?
HELMUT SCHLEICH: Ich war vor der Wahl zunehmend irritiert, in welchem Maße dieses Europa als pseudo-religiöses Thema verhandelt wurde. Wo du hingeschaut hast, selbst Lufthansa-Jets waren angeblich beklebt mit dem Slogan "Say Yes to Europe!". Jeder hat sich berufen gefühlt, ein Bekenntnis zu Europa zu geben. Da denke ich mir: Leute, was ist denn los? Wir leben doch in Europa, und das ist doch zuerst einmal eine Bezeichnung für einen Erdteil. Aber für eine politische Organisation, die weiß Gott nicht immer glücklich agiert hat und durchaus kritikwürdig ist, ein derart undifferenziertes Glaubensbekenntnis abzugeben, fand ich gruselig. Wenn man etwas Kritisches zur EU sagt, dann wird man schon schief angeschaut, als sei man Rechtsaußen. So einen Wahlkampf habe ich noch nie erlebt und das hat mich abgestoßen. Es geht ja um nichts anderes als um politische Fragen und die darf man nicht auf so einer emotional religiösen Ebene verhandeln.

Ältere Menschen können sich noch daran erinnern, dass man schon vor der EU durch Westeuropa reisen konnte.
Die EU gibt es in dieser Form seit 1993, die Vorläuferformen haben sich mehr um einen gemeinsamen Wirtschaftsraum gekümmert. Das ist so die Billigpropaganda der EU: Uns habt ihr es zu verdanken, dass ihr an der Grenze kein Geld mehr tauschen müsst. Aber man muss nicht so tun, als habe vorher eine Art Berliner Mauer Bayern von Österreich getrennt, da kam man auch früher schneidig hin und her.

Und die gemeinsame Währung?
Die bezahlen wir momentan sehr teuer durch Mario Draghis Negativ- Zinsen und in der Folge mit der Preisexplosion im Immobilienbereich.

Die Macht geht von nationalen Hauptstädten nach Brüssel

Sie sind also ein skeptischer Freund Europas?
Das ist die Grundaufgabe des Kabarettisten: Wo Macht ist, muss der Kabarettist kritisch sein und quer denken. Und Macht wird zunehmend von den nationalen Hauptstädten nach Brüssel verlagert. Das sieht man auch jetzt wieder bei dem Geschiebe um den neuen Kommissionspräsidenten. Dabei ist in Brüssel einigermaßen nebulös, wie die Macht demokratisch legitimiert ausgeübt wird.

Eigentlich denken wir, wir hätten ein Parlament gewählt, das nun die Regierung bestimmt.
Aber so ist es nicht. Im Grunde kann man sagen: Europa als politische Einheit gibt es nicht. Man sieht es ja auch am Ausgang der Wahlen: In 28 verschiedenen Ländern haben sich die Stimmabgaben im wesentlichen an nationalen Themen, Streitereien und Strukturen orientiert. Über 300 Parteien standen zur Wahl.

Vielleicht kann ja die Politik insgesamt durch Satiriker verbessert werden. Selenskyj hat die Präsidentschaftswahl in der Ukraine gewonnen, Nico Semsrott sitzt nun neben Martin Sonneborn im EU-Parlament. Was wollen Sie werden? Genügt Ihnen Bayerischer Ministerpräsident?
Das ist eine sehr charmante Frage. Aber ich möchte nicht in die Falle tappen, mich in die Politik zu begeben. Ich fühle mich sehr wohl, als Kabarettist den Finger in die Wunde zu legen. Aber die Antworten müssen dann tatsächlich andere finden. Ich glaube auch nicht, dass wir besonders gute Politiker wären. Wenn wir das Beispiel der Satirepartei "Die Partei" nehmen, dann geht es Herrn Sonneborn ja darum, Politik ad absurdum zu führen. Unter dem Slogan "Für Europa reicht‘s" in den Wahlkampf zu ziehen, bringt die Sache pointiert auf den Punkt.

Aber um bei Herrn Semsrott zu bleiben, was denken Sie da als Kollege? Toll, dass der jetzt als Kleinkünstler ein monatliches Einkommen hat? Oder, dass er Politik lächerlich macht?
Was ist denn die Ursache und was die Wirkung? Die Ursache für den Erfolg von "Die Partei" ist doch, dass es ein riesiges Kommunikationsdefizit zwischen Bürgern und EU-Parlament gibt und sich viele fragen: Was soll das überhaupt? Dann wähle ich halt eine Anti-Partei! Offensichtlich fehlen auch den großen Parteien Argumente. Ich kann über vieles, was "Die Partei" macht, lachen. Ich finde es auch schön für den Kollegen Semsrott, dass er jetzt fünf Jahre lang Zeit hat, sich die Taschen voll zu machen. Hoffen wir, dass uns der Kollege Sonneborn auch weiterhin mit interessanten Querinformationen aus Straßburg und Brüssel versorgt. Das ist ja auch eine Aufgabe.

Vielleicht sollten Sie doch den SPD-Vorsitz übernehmen!
Vom Humor her käme ich theoretisch in Frage. Aber wer will den Job machen? Die SPD ist jetzt die Partei des Spagats nach dem Darmriss. Ziemliche Sch… Und von daher eigentlich die Stunde der Kanalarbeiter. Was soll’s? Jopie Heesters ist auch irgendwann von uns gegangen. Konnte man sich auch nie vorstellen.

"Spätestens wenn der Bundeskanzler Habeck heißt, wird der grüne Lack an Glanz verlieren"

Es gibt dafür eine andere Partei, die nun vor Kraft kaum laufen kann, die Grünen. Wie erklären Sie sich den Höhenflug?
Das hat sich in Bayern ja komplett gewandelt. Wenn jemand überheblich daherkommt und du meinst, das ist ein CSUler, dann ist das nun der Grüne. Und der CSUler steht verunsichert in der Ecke und traut sich fast nichts mehr zu sagen, erst recht nicht seine Meinung. Das Land hat sich stark verändert. Gerade im Großraum München gibt es viele Zugezogene, die sich mit Bayern im Speziellen nicht mehr besonders identifizieren. Die sind hier, weil sie hier Geld verdienen und die fühlen sich bei den global und auch mitunter auch populistisch verhandelten Themen der Grünen besser aufgehoben. Das ist ja das Schöne, dass man mit den Grünen gleich auch sein Gewissen per Wahl aufbessern kann. Die Grünen sind im Moment ja auch in der bequemen Lage, ihre Forderungen noch immer mit der moralisierenden Dringlichkeit einer Randgruppe inszenieren zu können, während sie in Wahrheit längst mitten im bürgerlichen Milieu angekommen sind. Spätestens wenn der Bundeskanzler Habeck heißt, wird der grüne Lack an Glanz verlieren.

Da Sie das Thema Identität ansprechen: Wie sehen Sie sich denn, als Bayer, Deutscher, Europäer?
Ich kann mit diesen Begrifflichkeiten nicht viel anfangen. Wenn wir es runterbrechen bis auf Schwabing, dann kann ich sagen, ja, da habe ich meine sozialen Verflechtungen, da bin ich aufgewachsen, da lebe ich. Das kann ich als meine Heimat bezeichnen, auch wenn ich mit der Heimat nicht immer glücklich bin.

Nicht nur Satiriker werden politisch einflussreicher, auch die Blogger. Hat Rezo die Wahl entschieden?
Ich glaube nicht, dass dieses eine Video die Wahlentscheidung von Millionen Menschen beeinflusst hat. Aber die großen Parteien haben ziemlich unterschätzt, wie der Kampf um die Urheberrechtsreform junge Leute politisiert hat. Die waren entsetzt, dass irgendwelche Politiker in Brüssel ihren zentralen Lebensraum Internet regulieren wollen. Ob wir jetzt über die Parteien reden, die Zeitungen oder das Fernsehen: Rezo hat uns doch ziemlich drastisch vor Augen geführt, dass wir langsam alt werden. Bei aller berechtigten Kritik am Youtuber Rezo sollten wir ehrlich zugeben: die zwölf Millionen Clicks von Rezo hätten wir alle gerne.

Die künftigen Wahlen werden wohl noch unberechenbarer?
Das ist ein Trend, den es seit Jahren gibt, der aber durch Social-Media noch einmal an Dynamik zulegt. Die CSU hat das jetzt offenbar verstanden, sie stellt die Printausgabe des "Bayernkurier" ein, setzt voll auf Online-Angebote und angeblich soll sich der Andreas Scheuer schon eine blaue Perücke besorgt haben. Wir werden im Bemühen der größeren Parteien, die Jugend zurückzuholen, noch viele Peinlichkeiten erleben.

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