AZ-Interview Hamann: "Der Champions-League-Titel führt nur über den FC Bayern"

Sky-Experte Dietmar Hamann Foto: imago images / Team 2

Sky-Experte Didi Hamann glaubt an das Triple des FC Bayern – und an einen Finalgegner in der Champions League, den bislang kaum jemand auf der Rechnung hat. Außerdem: Warum Jürgen Klopp und FC Liverpool bei Thiago doch schwach werden könnten

 

AZ-Interview mit Dietmar Hamann
Der ehemalige Bayern-Profi und Liverpool-Legionär gewann 2005 mit den Reds die Champions League. Heute arbeitet der 46-Jährige als Fußball-Experte beim Pay-TV-Sender Sky.

AZ: Herr Hamann, die Profis des FC Bayern machen momentan Urlaub, bereiten sich ab kommenden Montag auf die Endphase der Champions League im August vor. Kann es zum Nachteil werden, dass sie sich mental und körperlich wieder hochfahren müssen, während Gegner FC Chelsea sowie die Klubs aus Spanien und Italien bis Ende des Monats in ihren Ligen gefordert sind?
DIDI HAMANN: Natürlich ist Chelsea aktuell voll im Saft, auch wenn sie zuletzt bei Sheffield United 0:3 verloren haben. Dieses Achtelfinal-Rückspiel ist für Bayern nicht ganz ungefährlich, Chelsea hat hervorragende Einzelspieler.

FC Bayern gegen FC Barcelona? Hamann zweifelt

Das 3:0 aus dem Hinspiel vom Februar in London müsste doch locker reichen.
Wenn die Bayern ein frühes Gegentor kassieren sollten, kommen auch sie ins Nachdenken. Aber wenn sie konzentriert und ohne Überheblichkeit an die Aufgabe herangehen, können sie das Rückspiel nutzen, um Matchpraxis zu sammeln. Und Hansi Flick hat ja bewiesen, dass er bei seiner Mannschaft keinerlei Lässigkeit zulässt. Spielt Bayern mit der richtigen Einstellung, wird's ein lockerer Aufgalopp.

Und im Viertelfinale wartet dann der FC Barcelona mit Lionel Messi...
… da bin ich mir nicht so sicher. Neapel kann für Barça richtig gefährlich werden. Durch das 1:1 im Hinspiel ist dieses Duell für mich noch nicht gegessen. Die Spanier haben auch ihre Probleme, sind momentan nicht stabil.

Die Bayern-Fans träumen bereits von einem möglichen Halbfinale gegen Manchester City mit Ex-Trainer Pep Guardiola.
Generell müssen die Bayern in der Tableau-Hälfte, in die sie gelost wurden, alle Schwergewichte des europäischen Fußballs aus dem Weg räumen – ein steiniger Weg. Die Leipziger dagegen haben eine sehr, sehr gute Auslosung erwischt.

Hamann: RB Leipzig könnte Finalgegener des FC Bayern werden 

Mit Atlético Madrid, das 2014 und 2016 im Endspiel stand?
Ja, denn Atlético liegt in der spanischen Meisterschaft 17 Punkte hinter Tabellenführer Real Madrid und weiß bis heute nicht genau, wie und warum sie im Achtelfinale Titelverteidiger Liverpool ausschalten konnten. Und obwohl fünf, sechs der Teilnehmer dieser Finalrunde qualitativ besser besetzt sind als Leipzig, haben sie in nur einem Spiel größere Chancen sich durchzusetzen als wenn es Hin- und Rückspiel gäbe. Außerdem hat RB zuletzt in der Bundesliga so schlecht gespielt, dass es nur besser werden kann – ja, muss. Natürlich ist der Abgang von Timo Werner ein großer Verlust, aber wer weiß: Vielleicht sehen wir Leipzig im Finale. Der Vorteil der Leipziger ist für Bayern ein Nachteil.

Wie meinen Sie das?
Zeitpunkt und Modus des Turniers spricht eher gegen Bayern. In nur einer Partie ist es für die Konkurrenten leichter, die Münchner zu besiegen. Dennoch glaube ich: Wenn die Bayern so auftreten wie in den letzten zwei Monaten, dann sind sie die Mannschaft, die es in Lissabon zu schlagen gilt, dann führt der Titel nur über die Bayern.

Auf der Kippe steht nach wie vor, ob Spielmacher Thiago den FC Bayern verlässt. Angeblich, so hört man aus England, hat der FC Liverpool gar kein so konkretes Interesse.
Mit 29 Jahren passt er nicht recht ins Profil der Einkaufspolitik der Reds. Dennoch würde in meinen Augen ein Transfer Sinn machen, weil Jürgen Klopp in seinem Mittelfeld mit Jordan Henderson, Fabinho und Naby Keita eher Arbeitspferde hat und solch einen filigranen Techniker wie Thiago gut gebrauchen könnte. Andererseits: Ihm lag ein unterschriftsreifer Vertrag der Bayern vor. Es würde mich wundern, wenn er kein großes Angebot in der Hinterhand hätte. Sonst lehnst du das nicht ab

Hamann: FC Bayern sollte Thiago ziehen lassen

Trainer Flick will Thiago überzeugen, doch noch zu bleiben.
Wenn er aber unbedingt weg will, sollte der Verein keine allzu großen Anstrengungen mehr unternehmen, ihn zu halten. So ein Angebot legen die Bayern-Bosse nicht zweimal vor.

Viele Bayern-Fans sind glühende Verehrer von Thiago und seiner Spielweise. Darf man so einen Mann für 25 bis 35 Millionen Euro Ablöse, die im Gespräch sind, gehen lassen?
Das wäre in Corona-Zeiten ein sehr guter Deal, Liverpool will sicher noch den Preis drücken. Thiago ist 29 und wenn im Bayern-Mittelfeld um Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Thomas Müller alle fit sind, sitzt er auf der Bank. Für mich war er seit seiner Ankunft 2013 bis auf eine bärenstarke Phase in der vergangenen Vorrunde und über den Winter nie unumstritten. Sicher hat Thiago brillante Momente, ich schaue ihm gerne zu. Aber die harten Fakten sind: Bayern stand mit ihm in keinem Champions-League-Finale. Unterm Strich ist es für mich immer noch die wahrscheinlichste Variante, dass er zu Liverpool geht.

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