AZ-Interview Geschäftsführer von Ludwig Beck: "Im Herbst kommt die Pleitewelle"

Paul Nöllke.
Christian Greiner auf dem Dach seines Kaufhauses. Von hier kann er den ganzen Marienplatz überblicken – Galeria Kaufhof sowie das Rathaus. Foto: Daniel von Loeper

Der Geschäftsführer von Ludwig Beck erwartet eine Pleitewelle im Herbst, kritisiert die Untätigkeit der Stadt München – und wünscht sich mehr CSD-Flair.

 

München - An Ostern schickte Christian Greiner seinen Angestellten eine Grußkarte nach Hause. "Wir wollten mit allen, die nicht zur Arbeit kommen durften, in Kontakt bleiben", sagt der Vorstandsvorsitzende von Ludwig Beck. "Und auch ein bisschen Hoffnung machen in dieser schwierigen Zeit." Etwa einen Monat später durfte Greiner sein Kaufhaus wieder öffnen, die Angestellten kehrten zurück zur Arbeit. Doch die Probleme, die die Corona-Pandemie im Einzelhandel hinterlassen hat, blieben.

AZ: Herr Greiner, wie geht es Ludwig Beck? Haben Sie Kunden?
CHRISTIAN GREINER: Es geht langsam wieder los. Wir haben natürlich weniger Kunden, aber die Kunden, die kommen, kaufen auch mehr. Produkte wie Kurzwaren, Freizeitmode, Kosmetik oder Kindermode verkaufen sich zum Beispiel sehr gut. Noch schlecht gehen Business-Kleidung oder auch Trachten. Weil die Wiesn dieses Jahr ausfällt, werden wir die Trachten weniger stark in den Fokus stellen als sonst.

"Unterschriften für Kaufhäuser zu sammeln bringt null"

Galeria Karstadt Kaufhof hat angekündigt, in München mehrere Filialen zu schließen. Droht eine Pleitewelle in der Innenstadt?
Es ist ja nichts Neues, dass viele im stationären Einzelhandel seit Jahren zu kämpfen haben. Der Corona-Lockdown hat das nun beschleunigt. Viele brechen unter der Belastung ein. Im Herbst dürfte das noch mal deutlich heftiger werden. Dann kommt die neue Herbstkollektion, die muss bezahlt werden. Das wird zu einer weiteren Pleitewelle führen.

Tut die Politik genug, um Pleiten zu stoppen? In München will der Oberbürgermeister mit den Vermietern sprechen, um Kaufhäuser zu retten, Landtagsabgeordnete sammeln Unterschriften zum Erhalt des Karstadt am Nordbad.
Unterschriften zu sammeln bringt null. Das ist einfach nur Populismus. Besser wäre, wenn die Unterzeichner mehr Geld in ihrem Kaufhaus ausgeben. Sogar die Kaufhäuser, die "gerettet" werden, werden ja nicht wirklich gerettet. Die Gründe für die Misere bleiben. Das ist eigentlich nur ein Sterben auf Raten. Der Politik war der Einzelhandel lange egal. Wahrscheinlich mussten viele auf dem Navigationssystem erstmal nachschauen, wo der Karstadt am Nordbad überhaupt ist. Der Handel braucht wirkliche Lösungen.

Die da wären?
Es fängt schon damit an, dass wir in München keine verkaufsoffenen Sonntage haben. Das wird vom Stadtrat und den Gewerkschaften immer geblockt, sogar jetzt in der Corona-Krise. Zudem wird es den Leuten immer schwerer gemacht, in die Innenstadt zu kommen. Die öffentlichen Verkehrsmittel werden umgebaut, Parkplätze werden einfach gestrichen – und überall sind Baustellen.

"Positive und schöne Veranstaltungen im Zentrum stärken"

Die ja auch nötig sind, damit die Innenstadt gut erreichbar bleibt.
Grundsätzlich stimmt das, auch die Zweite Stammstrecke ist wichtig. Aber ich würde mir bei der Baustellenflut wünschen, dass sich die Stadt besser koordiniert und ein bisschen mit dem Handel abspricht. Das gilt übrigens auch für Demonstrationen und Veranstaltungen.

Wie meinen Sie das?
Auf dem Marienplatz sind Demonstrationen oft am Samstag, wenn viele Kunden einkaufen wollen. Demonstrationen sind ein Grundrecht und wichtig, aber muss das ausgerechnet immer am Samstag sein, wo der Einzelhandel ohnehin angeschlagen ist? Man könnte auch einmal für einen Tag den öffentlichen Nahverkehr und das Parken kostenlos machen, damit die Leute in die Stadt kommen, aber davon ist nie die Rede. Ich fände es zudem schön, wenn die Stadt positive und schöne Veranstaltungen im Zentrum stärken würde.

Welche zum Beispiel?
Der Christopher Street Day war zum Beispiel so eine schöne Veranstaltung. Ein anderes Beispiel ist der Weihnachtsmarkt. Gerade jetzt, wo die Wiesn ausfällt, könnte die Stadt doch einmal ein innovatives Konzept für Weihnachten erarbeiten – und dazu auch mit uns und anderen Händlern sprechen. Davon könnte München, das manchmal an etwas zu viel Selbstzufriedenheit leidet, so stark profitieren. Ich komme aus Nürnberg, ein schöner Weihnachtsmarkt ist etwas Tolles für eine Stadt, das können Sie mir glauben.

"Die Innenstadt muss wieder attraktiver für Münchner werden"

Warum macht die Stadt das aus Ihrer Sicht dann nicht?
Ich will nicht einfach jemandem die Schuld zuschieben. Aber die Stadt blockiert einerseits so viel, andererseits sagt sie, man wolle den Einzelhandel stärken und Pleiten verhindern. Ich hoffe, dass die Stadtspitze vielleicht doch einmal auf uns zugeht und wir etwas zusammen erarbeiten können.

Bietet die Corona-Krise langfristig vielleicht dann auch eine Chance?
Sicherlich. Jetzt könnte man die Innenstadt auch wieder attraktiver für die Münchnerinnen und Münchner gestalten. Denn die Touristen kamen sowieso, aber die Münchner überlegen sich halt gut, ob sie in die Innenstadt fahren. Jetzt, wo die Touristen wegfallen, merkt man das – und kann handeln.

Lesen Sie hier: Neue Hilfe in Corona-Zeiten - München bündelt Kulturangebote

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