AZ-Interview Ex-Skispringer Martin Schmitt: "Streich prägt in Freiburg eine Ära"

Martin Schmitt (r.) ist im Schnitt fünf- bis sechsmal pro Saison im Stadion. Foto: Soeren Stache/dpa, imago/Sven Simon, AZ-Montage

Überflieger und SC-Fan: Im AZ-Interview spricht der ehemalige DSV-Adler Martin Schmitt über seinen Lieblingsverein, Bayerns Trainer-Frage – und er erklärt, warum Freiburgs Chefcoach so beliebt ist.

 

München/Freiburg - Martin Schmitt im AZ-Interview: Der heute 41-Jährige war über Jahre das Gesicht des Skispringens in Deutschland. Heute arbeitet der Badener als TV-Experte und DSV-Scout.

AZ: Herr Schmitt, muss man als echter SC-Fan das "Badner-Lied", das vor jedem Spiel im Stadion gespielt wird, eigentlich auswendig können?
MARTIN SCHMITT: (lacht) Ohje, bevor ich jetzt auf die Probe gestellt werde, sage ich lieber: Nein, muss man nicht!

Aber Sie singen schon immer kräftig mit, oder?
Naja, eher so im Stillen.

Wie oft sind Sie im Stadion?
Diese Saison war ich bislang erst einmal da, beim ersten Heimspiel gegen Mainz (3:0, Anm. d. Red.) Aber im Schnitt gehe ich so fünf- bis sechsmal pro Saison ins Stadion.

Fanblock oder Sitzplatz?
Ich gebe zu: Ich bin ein Sitzplatz-Fan. Meistens findet man mich auf der Haupttribüne.

Der SC gilt als die "schwäbische Hausfrau" unter den Bundesligavereinen, man gibt dort nie mehr aus, als eingenommen wird.
Das mit der "schwäbischen Hausfrau" ist eine gewagte Aussage über einen badischen Verein. (lacht) Wenn man die Entwicklung des Vereins sieht, wie solide er da steht, wie er sich mittlerweile im Spitzenfußball etabliert hat – das ist beeindruckend und zeigt, dass dieser Weg der richtige ist.

"Man muss jeden Euro zweimal umdrehen"

Welchen Weg meinen Sie genau?
Man hat hier nicht die finanziellen Mittel wie anderswo. Man muss jeden Euro zweimal umdrehen und sich überlegen, wofür man sein Geld ausgibt. Deshalb wurde in Freiburg auch früh in den Nachwuchs, in die Fußballschule investiert – das hat sich ausgezahlt. Außerdem haben die Verantwortlichen Vertrauen in die sportliche Führung. Man lässt sie in Ruhe arbeiten – auch das zahlt sich aus, wie man jetzt sieht.

Der Sportclub baut gerade eine moderne Arena, die bereits zur nächsten Saison fertig sein soll. Haben Sie die Sorge, dass mit dem Auszug aus dem Schmuckkästchen Dreisam-Stadion etwas vom Freiburger Spirit verloren geht?
Ach nein, da habe ich keine Sorge. Für mich persönlich ist es höchstens ärgerlich, weil ich dann länger zum Stadion brauche. Natürlich hat das Dreisam-Stadion einen besonderen Charme. Aber bei aller Bescheidenheit sind in Freiburg auch keine Fußball-Romantiker am Werk. Man hat erkannt, dass es gewisse Voraussetzungen braucht, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Unsere sportlichen Ziele lassen sich auf Dauer eben nur mit einem neuen Stadion umsetzen.

Trotzdem gab es in Freiburg großen Widerstand gegen den Stadionneubau.
Es gab tatsächlich einen Bürgerentscheid, aber der ist ja relativ eindeutig pro Stadion-Neubau ausgefallen. Es ist normal, dass bei solchen Großprojekten alle in der Stadt mitreden – und das ist auch gut so.

Schmitt: "Streich lebt Fußball mit Leib und Seele"

Mit Christian Streich hat der beschauliche Sportclub einen richtigen Medien-Star.
Auf seine Art ist er das schon irgendwie. Aber er macht das ja nicht, um Aufmerksamkeit zu generieren. Er ist einfach so, er verstellt sich nicht. So war er auch schon als Trainer der Amateure. Er lebt Fußball mit Leib und Seele.

Vielleicht ist Streich auch deshalb so beliebt, weil er sich nicht scheut, zu gesellschaftlichen Themen Stellung zu beziehen.
Er hat eben seine Meinung. Und wenn er das Gefühl hat, er müsse etwas zu gesellschaftlich relevanten Themen sagen, dann macht er das auch. Ich finde, das steht ihm auch zu in seiner Position.

Kann Christian Streich eine ähnliche Ära prägen wie Volker Finke?
Ich glaube, er macht's gerade schon.

Hätten Sie während ihrer aktiven Zeit als Skispringer auch gerne mal so einen emotionalen Typen als Trainer gehabt?
Ich hatte natürlich auch schon Trainer, die mit genauso viel Engagement für den Sport brennen, die einen auch um zehn Uhr abends noch anrufen, wenn es etwas zu besprechen gibt. Aber natürlich ist beim Fußball der Kampf ein ganz zentrales Element und im Skispringen ist es eben schwer, über den Kampf zu kommen. Deshalb ist die Trainer-Ansprache bei uns auch leiser als im Fußball. Im Skispringen braucht man etwas mehr Feingefühl. Aber ich bin mir sicher: Wenn Christian Streich im Skispringen arbeiten würde, dann würde er mit seiner Qualität genau das erkennen und sich darauf einstellen.

Streich, der Alleskönner. Er wird ja immer mal wieder als Bayern-Trainer gehandelt ...
Natürlich wird Christian Streich auch außerhalb von Freiburg geschätzt. Ich glaube aber nicht, dass er demnächst Hansi Flick ablöst. Das fände ich übrigens auch sehr schade für Bayern. Von außen betrachtet finde ich nämlich, dass Hansi Flick dort einen sehr guten Job macht. Ich fände es auch charmant, wenn die Bayern diesen Weg, Hansi Flick zum Cheftrainer zu machen, gehen würden – und ich glaube, dass es auch erfolgreich wäre. Wenn es trotzdem bei Bayern einen Trainer-Wechsel geben sollte, dann hoffentlich nicht einen, der Freiburg tangiert.

"Der SC funktioniert vor allem als Kollektiv"

Wissen Sie noch, welcher Name auf ihrem ersten SC-Trikot stand?
Ja klar: Ich hatte ein Trikot von Axel Sundermann. Das habe ich mit Stolz getragen.

Und heute? Nils Petersen?
Ich habe gar kein aktuelles Trikot. Aber was der Nils hier in den letzten Jahren geleistet hat, ist schon herausragend. Es war schon toll, dass wir überhaupt so einen Spieler bekommen haben. Und er ist mit der Zeit auch ein richtiger Freiburger geworden.

Freiburg ist eine der positiven Überraschungen der Saison. Was macht der Sportclub besser als deutlich finanzkräftigere Vereine der Liga?
Man geht mit dem Geld sehr vernünftig um, man hat bei den Transfers eine hohe Trefferquote und die Profis entwickeln sich gut. Die Spieler brauchen Zeit und Vertrauen – und beides haben sie in Freiburg. Auch in schweren Situationen.

Ist Freiburg das beste Beispiel, dass nicht zwangsläufig das Geld die Tore schießt?
Wenn Messi umsonst spielen würde, würden wir ihn hier auch nehmen. Aber Scherz beiseite: Natürlich schlägt sich die Qualität eines Spielers im Preis nieder. Also schießt Geld über kurz oder lang doch Tore. Aber Freiburg zeigt eben, dass auch Spieler, die nicht in der A-Jugend schon die Überflieger sind, noch tolle Profis werden können.

Aktuell steht der SC mit einem Fuß im internationalen Geschäft, haben Sie die Termine für die nächste Europa-Tournee des SC schon geblockt?
Ja klar, vor allem die Champions League-Termine! (lacht) Wenn wir im April immer noch da oben stehen, dann kann man sich langsam Gedanken machen. Dann wollen wir diesen Platz natürlich auch verteidigen. Aber wir sind hier in Freiburg sehr entspannt. Unser Ziel ist es, nächste Saison im neuen Stadion wieder Bundesliga zu spielen.

Welcher SC-Spieler könnte den Jungs von Hansi Flick denn aktuell weiterhelfen?
Das ist die falsche Frage, weil die Mannschaft des SC vor allem als Kollektiv funktioniert. Ein einzelner Freiburger könnte in München nur wenig ausrichten. Außerdem hat Bayern ja bereits eine Wahnsinnsmannschaft, die brauchen keinen Spieler von uns. Ich bin mir sicher, dass sie schon bald wieder komplett die Kurve bekommen werden. Aber bitte nicht am Mittwoch.

 

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