AZ-Interview Bruno Jonas: Die Anleitung zum Wiesn-Tauchgang

Der Kabarettist Bruno Jonas ist ein begeisterter Wiesn-Gänger. Foto: Ralf Wilschewski

Der Kabarettist Bruno Jonas liebt das Oktoberfest – hier erklärt er den AZ-Lesern im Interview, warum das denn so ist.

 

Gerade hat Bruno Jonas seinen ersten Kurzgeschichtenband „Bis zum Hals“ (Karl Schöffling Verlag) vorgelegt. Nebenbei macht der Kabarettist jedoch eines besonders gerne: aufs Oktoberfest gehen. Und darüber philosophieren. Hier seine Gedanken zum Abschluss des größten Volksfests der Welt.

AZ: Herr Jonas, Sie haben 2009 eine „Gebrauchsanweisung fürs Oktoberfest" veröffentlicht. Ist die Wiesn überhaupt satirefähig?

BRUNO JONAS: Ich gehe da nicht hin, um irgendwelchen Stoff für Satire zu finden. Ich finde das einfach herrlich, in diese Stimmung einzutauchen. Ich glaube, ich habe das in dem Buch auch geschrieben: Es gibt nur zwei Möglichkeiten, um aufs Oktoberfest zu kommen. Entweder man taucht auf, oder man taucht ein. Wenn Sie durch die U-Bahn heraufkommen, Theresienwiese, dann haben Sie's Gefühl, ich tauche irgendwo auf. Und wenn Sie über den Bavariahügel kommen von hinten und so als erstes die Aufsicht haben, dann muss man eintauchen. Das Oktoberfest ist für mich immer ein Weg von der Weite in die Enge und von der Enge in die Weite.

Und mittendrin?

Ich war in der Fischer Vroni und hatte das Glück, hinter der Schank, hinter den Holzfässern zu sitzen und auf das Geschehen wie durch einen Kanal zu schauen. Das war wie ein Film. Die Leute haben getanzt und gesungen, die Band war super. Das war wie in so einer Schneekugel zu sitzen. Wenn man raus geht und in der Weite sich von diesem Geschehen entfernt, es dann langsam leiser wird, dann kriegt man das Gefühl, man war in einer ganz anderen Welt.

Es gibt auch kritische Stimmen, was die Wiesn angeht, was die Sexualisierung angeht, die Trachten.

Mein Gott, man kann es auch negativ deuten. Aber wenn man beispielsweise über das Multikulturelle beim Oktoberfest nachdenkt: Es kommen Menschen aus Australien, Neuseeland, Japan, aus allen Ecken der Welt, um auf dieses Oktoberfest zu gehen. Und sie sind bereit, sich einem bayerischen Lebensgefühl hinzugeben.

Was ist denn das bayerische Lebensgefühl?

Was das genau ist, weiß ich auch nicht. Aber wenn es Menschen gibt, die sich freiwillig in diesen bayerischen Lebensraum begeben, um dort für eine gewisse Zeit zum Vollbayern zu mutieren, die vielleicht auch nur spielerisch so tun, als könnten Sie sich als Australier, als Neuseeländer, Brasilianer, Afrikaner für diese Zeit zum Bayern entwickeln, dann finde ich das anthropologisch sehr interessant. Die Frage ist: Kann man eine Kultur total in sich aufnehmen, um tatsächlich zum Bayern zu werden? Dieses Mia-san-mia ist ja das Identitätsmantra in Bayern geworden, weil es alle möglichen Ethnien unter einem Dach versammeln kann. Als großes, identitätsstiftendes, gemeinsames Volksfest hat sich nur das Oktoberfest durchgesetzt.

Das hängt wohl auch am Ausmaß, an der Größe.

Zu der Größe habe ich auch eine Theorie. Die Bayern haben ja immer das Gefühl gehabt, dass sie unterdrückt werden, über Jahrhunderte kann man diesen Gedanken nachverfolgen. Die wollten ja immer unabhängig werden, die Bayern, schon unter Karl dem Großen. Die wollten immer weg, die wollten Eigenständigkeit. Das ist aber nie gelungen. Und dann kommt auch noch dieser Ludwig II und verkauft die Kaiserwürde! Der hat sich ja kaufen lassen vom Bismarck, trägt den Hohenzollern die Kaiserkrone an.

Die sie auch angenommen haben.

Ja, und damit war Bayern wieder unten. Bayern ist ja auch geographisch unten. Die da droben in Berlin! Und dieses Gefühl, dass man nicht so kann, wie man gerne möchte, das ist über Jahrhunderte gewachsen. Die Größe des Fests ist eine Kompensation. Deswegen müssen ganze Ochsen gebraten werden. Da zeigen wir allen mal, dass wir die Großen san!

Interview: Michael Stadler

 

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