Anwohner packen aus Wie Münchner aus der Maxvorstadt verdrängt werden

Trotz jahrelanger Proteste wird ein Wohnhaus in der Türkenstraße abgerissen. Es ist nur ein Fall, der zeigt, womit Anwohner in der Maxvorstadt zu kämpfen haben. Foto: Sigi Müller

Maxvorstädter sprechen in der AZ über geldbesessene Investoren, lange Kämpfe und ihre Ängste.

 

Maxvorstadt - In die Innenstadt zu ziehen, ist 2019 nahezu unmöglich – es sei denn, man ist Millionär, hat gute Beziehungen zu Vermietern und Hausbesitzern oder hat eine einzigartige Glückssträhne.

Doch auch wer sein Leben lang in herrlicher Lage wohnt, hat oft kein sorgenfreies Leben. Jahrzehnte- oder gar jahrhundertealte Mehrparteienhäuser, in denen teilweise 50 Familien oder Wohngemeinschaften unterkommen, werden von großen - meist unbekannten - Immobilienfirmen gekauft. Dann herrscht Unklarheit bei den Bewohnern, oft über Monate oder sogar Jahre, wie etwa in der Türkenstraße.

Bei einem wohnungspolitischen Spaziergang durch die geschichtsträchtige Maxvorstadt kommen Münchner zu Wort, die das Viertel seit Jahrzehnten kennen und darin wohnen. Svenja Jarchow vom Bezirksausschuss Maxvorstadt und Bernadette Felsch vom Münchner Forum erklären, wie machtlos die Stadt bei baulichen Vorhaben oft ist.

Antiquariat Kitzinger: Abrissantrag (vorerst) abgelehnt

Die Nachbarn des Antiquariat Kitzinger leben in Angst um ihre Wohnungen.

Was genau der Eigentümer plant, weiß Bernhard Kitzinger nicht. Er weiß nicht einmal genau, wer der Eigentümer des Hauses ist, in dem er wohnt – und, vielmehr noch, arbeitet. Kitzinger ist Besitzer des Antiquariats J. Kitzinger, das es seit 1892 in der Schellingstraße 25 gibt. Wie lange er es noch führen kann, weiß er auch nicht. Zu ungewiss ist die Zukunft unter seinem Dach.

Diese Ungewissheit wurde im Februar 2018 für Kitzinger und die anderen Bewohner des Gebäudekomplexes der Schellingstraße 25, 27 und der Türkenstraße 66 spürbar. An diesem Tag kamen rund 80 Arbeiter, sagt Kitzinger, um "alles, was alt ist, zu entfernen". Sie rissen die alten Metallgeländer und Metallgitter vor den Fenstern – vor allem im Untergeschoss – heraus. "Es hieß, das seien Notstandsmaßnahmen, der Brandschutz habe das gefordert", erzählt Antiquar Kitzinger.

Die Mietergemeinschaft der Hausbewohner hat eine andere Vermutung: Der Hauseigentümer, eine GmbH, wolle verhindern, dass die Häuser unter Denkmalschutz gestellt werden, um sie dann abreißen zu können.

Und tatsächlich: Der Eigentümer habe "einen Abrissantrag gestellt, der jedoch abgelehnt wurde", sagt Svenja Jarchow, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bezirksausschuss Maxvorstadt. Ein Verfahren laufe noch. Der Plan der Eigentümer sei es, so sagt Kitzinger, die drei Häuser komplett abzureißen und zu einer Wohnanlage mit vielen Einzimmerwohnungen umzubauen. Jarchow nennt das Konzept eine "Form der Maximalbebauung", die die Stadt nicht unterstütze.

Es sehe etwa kaum Grünflächen zwischen den Gebäudekomplexen vor – stattdessen: viele kleine Wohnungen, die am gewinnbringendsten an den Mann, oder besser an den hilflosen Wohnungssuchenden, gebracht werden können. Die GmbH, der das Haus gehört, beschreibt sich selbst als eine Firma für Immobilien, die ein großes "Wertsteigerungspotenzial" habe.

Würde der Eigentümer in einem ersten Schritt die Mieten erhöhen, müsste Kitzinger seinen Laden schließen. Schon jetzt kann er das Lager nicht mehr vollständig nutzen: Durch die "Notstandsmaßnahmen", die die Arbeiter errichteten, sei es dort zu feucht geworden.

Einige Wohnungen in den Häusern stehen schon jetzt leer, in anderen sind die Arbeiter eingezogen. Obwohl das Antiquariat weit mehr als 100 Jahre überlebt hat und viele wertvolle Schätze birgt, dem Ladenbesitzer geht es nicht um die Bücher.

"Es geht vor allem um die Leute, die hier wohnen", sagt er, fast flehend, obwohl kein Mitarbeiter der Eigentümer-Firma anwesend ist, der ihn erhören kann. Er gibt nicht auf. Als eine Art Retourkutsche ließ er die Holzfassade im Antiquariat unter Denkmalschutz stellen. Doch die GmbH wird das sicher nicht von ihrem Bauvorhaben abhalten.

Türkenstraße: Mieter müssen ihre Wohnungen räumen

Das Haus in der Türkenstraße 52 wird abgerissen – trotz jahrelanger Proteste.

Seit 2007 kämpften die Bewohner der Türkenstraße 52 um ihr Haus. Damals erwarb eine Münchner Investorenfirma den Häuserkomplex für 30 Millionen Euro. "Kurze Zeit später ist der Denkmalschutz gefallen", erzählt Norbert Ott, Mitglied der Mietervereinigung Türkenstraße 52/54. Auch Ali Mitgutsch ist ein Mieter, Autor und Illustrator der Wimmelbilderbücher.

Die Mietergemeinschaft um Ott setzte sich zur Wehr gegen die geplante Luxussanierung. Sie sammelte Unterschriften für die Wiedereinführung des Denkmalschutzes, im Landtag fand eine Anhörung statt. Erfolglos. Die Mieter gestalteten im U-Bahnhof Universität die Ausstellung namens "Maxvorstadt – Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum". "Mir drohte die Eigentümerfirma mit Kündigung", sagt Norbert Ott.

Auch der Versuch, die komplette Straße unter Denkmalschutz zu stellen, "wurde vom Denkmalschutzamt brüsk zurückgewiesen", erzählt Katharina Blepp (SPD) vom Bezirksausschuss (BA) Maxvorstadt.

2017 wurde der Gebäudekomplex weiterverkauft: für 80 Millionen Euro an eine international tätige Immobilienfrirma. Anfang des Jahres mussten die Mieter ihre Wohnungen für den Abriss räumen. Geplant sind über 60 Eigentumswohnungen. Die Gebäude der Türkenstraße 54 bleiben erhalten – vorerst.

"Das Argument der Immobilienfirmen ist oft, dass das Haus ja nicht das schönste war", sagt BA-Mitglied Svenja Jarchow (Grüne). Auch die Nachkriegsarchitektur gehöre zum Stadtbild, so Jarchow. Mieter Ott gibt ihr Recht. Im Februar habe er mit einem Bauarbeiter gesprochen. "Er sagte, das Haus hätte noch gute 100 Jahre gestanden."

Ein Verlag vereinnahmt ein Haus - die Stadt ist machtlos

Gewerbe statt Wohnungen: Ein Verlag hat jahrzehntelang fast ein ganzes Haus belegt.

Viele Jahre lang war ein großer deutscher Verlag in der Friedrichstraße 1a an der Grenze Maxvorstadt/Schwabing West zu Hause. Bernadette Felsch vom Münchner Forum erzählt die Geschichte, ohne den Namen zu nennen. Gemeint ist der Deutsche Taschenbuchverlag (dtv).

Vor mehr als 15 Jahren schöpfte die Stadt den Verdacht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Genauer gesagt, hatte die Stadt den Verdacht der Zweckentfremdung – was sich bestätigte: "Der Verlag hatte hier nicht nur wie angegeben drei Wohnungen, sondern fast das komplette Haus vereinnahmt", erzählt Bernadette Felsch vom Münchner Forum.

Eigentlich ein klarer Verstoß gegen das Zweckentfremdungsgesetz, das festlegt, dass eine Zweckentfremdung vorliegt, wenn der Wohnraum "zu mehr als 50 Prozent der Gesamtfläche für gewerbliche oder berufliche Zwecke verwendet oder überlassen wird." Der Haken: Der Verlag nutzte die Räume schon vor 1972. Seit diesem Jahr gilt das Münchner Zweckentfremdungsgesetz.

Stadt und Verlag einigten sich nach langem Streit auf eine Ausgleichszahlung im fünfstelligen Bereich. Inzwischen ist der dtv in der Tumblingerstraße zu Hause.

Auf dem Arri-Gelände entsteht Wohnraum - der ist aber viel zu teuer

Auf der Fläche des alten Arri-Geländes an der Theresienstraße wird Wohnraum geschaffen.

Früher stellte der Kinofilm-Ausrüster Arri auf dem rund 6.500 Quadratmeter großen Werksgelände in der Theresienstraße Filmzubehör her. Heute steht hier zwischen Theresienstraße 71 und 75 "Therese", ein Neubauprojekt der Immobilienfirma Instone Real Estate. Das Beispiel "Therese" zeigt, dass "Wohnraum schaffen" nicht "bezahlbaren Wohnraum schaffen" heißen muss. " Instone Real Estate ließ acht Gebäudeteile mit insgesamt 117 Wohnungen anfertigen, darunter alles von einem Zimmer bis fünf Zimmern inklusive Penthouse. Ihre Gemeinsamkeit: Sie liegen alle im hohen Preissegment ( 7.100 bis circa 16.500 Euro pro Quadratmeter).

Die Stadt greift in diesem Fall nicht ein: Das Areal liegt nicht im Erhaltungssatzungssatzungsgebiet, anders als etwa auf dem Paulaner-Gelände kann sie keine Sozialwohnungen fordern. Die Satzung soll dazu dienen, die alte Mischung in den Vierteln zu erhalten. "Therese" leistet dazu keinen Beitrag.

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