Alexander Liebreich und das Richard-Strauss-Festival Garmisch Die Gründe für das Scheitern

Alexander Liebreich, der Künstlerische Leiter des Festivals, mit Seeadler Fletcher. Foto: Dario Suppan

Warum der Dirigent Alexander Liebreich und die Garmischer Lokalpolitik beim Strauss-Festival nie wirklich zusammenkamen.

 

Wer dabei war, wird es wohl sein Leben lang nicht vergessen. Voriges Jahr flog beim Garmischer Richard-Strauss-Festival ein Adler über die Aussichtsterrasse am Zugspitz-Gipfel, dann spielte der Pianist Piotr Anderzewski im Restaurant Fugen von Bach und Beethovens vorletzter Sonate, während auf den Gipfeln Johannisfeuer aufleuchteten.

Dass sich ein solches Konzert vor 300 Zuhörern auch bei Kartenpreisen von 189 bis 249 Euro (inklusive Menü) nicht rechnet, dürfte jedem klar sein, der einmal die Preistafel der Zugspitz-Seilbahn studiert hat, die 48 Euro pro Person für die Berg- und Talfahrt verlangt. Am Donnerstag wollte der Garmischer Gemeinderat über das überraschend hohe Defizit des Festivals beraten. Zuvor erreichte die Mitglieder des Gemeinderats ein Brief des künstlerischen Festival-Leiters Alexander Liebreich, der für eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr zur Verfügung steht.

Das Festival als Nebenjob

Wer den Theater- und Festivalbetrieb ein wenig kennt, wundert sich schon, wie der Eigenanteil der Gemeinde von genehmigten 330.000 Euro unkontrolliert auf 504.000 Euro steigen konnte. Auch für 2018 wird noch einmal eine Nachzahlung fällig.

Wenn man Liebreichs Brief liest und mit dem Dirigenten spricht, wird klar, dass es vor allem an unzureichenden Strukturen liegt. Das Festival hatte bisher weder einen Geschäftsführer, noch ein künstlerisches Betriebsbüro und auch keine professionelle Marketing-Stelle. Alles wurde mehr oder weniger nebenher vom Leiter des Garmischer Richard-Strauss-Instituts (einem Musikwissenschaftler), Angestellten der Gemeinde und freien Mitarbeitern erledigt.

Liebreich spricht in seinem Brief von einem Teufelskreis "der politischen Entscheidungsschleifen", die etwa den rechtzeitigen Kartenverkauf blockierten. Bis zuletzt scheint der Gemeinderat nicht verstanden zu haben, dass ein Festival einen Planungsvorlauf braucht. Zwischendrin führte ein Wechsel in der Leitung des Strauss-Instituts zum "vollkommenen Zusammenbruch der am Markt bzw. am Institut angebundenen Personalstruktur der Festivalzuständigen", wie es Liebreich formuliert.

Wie der "Münchner Merkur" in seiner Garmischer Lokalausgabe berichtet, wurde hinter verschlossenen Türen im Finanzausschuss nicht nur der 4.000 Euro teure Adlerflug kritisiert, sondern auch eine Veranstaltung auf der Wiesn, bei der Champagner geflossen sein soll, ohne dass ein Sponsor gewonnen wurde. Der Künstlerische Leiter spricht von einer Mittagswiesn mit Kaffee und primär alkoholfreiem Bier.

Liebreich beklagt, er habe seit seiner Berufung wiederholt eine Professionalisierung des Festivals angemahnt. Natürlich weiß er selbst, dass ein Konzert auf der Zugspitze niemals kostendeckend sein kann. Aber er verweist auf den Aufmerksamkeitswert und die starke Medienresonanz gerade dieses Konzerts und der dabei entstandenen Bilder.

Schwierige Atmosphäre

Das Garmischer Festival schien zuletzt auf einem guten Weg zu sein. Das Motto "Top Music on Top Locations" versuchte die Natur und das gesamte Werdenfelser Land einzubinden. Und Liebreichs Ansatz, die Musik von Strauss mit ihrem geistigen und historischem Umfeld zu spiegeln, wirkte überzeugend, etwa auch in der Einbeziehung von Sergej Prokofjew, der ab 1922 eineinhalb Jahre in Ettal lebte.

Auf diese Weise bestand die Chance, das ewige Problem des Strauss-Festivals in den Griff zu bekommen, dass sich am Wohn- und Sterbeort des Garmischer Meisters allenfalls Liederabende angemessen veranstalten lassen. Liebreich mied die atmosphärisch wie akustisch desolate Eissporthalle und den in die Jahre gekommenen Festsaal Werdenfels. Er versuchte stattdessen Open-Air-Konzerte im Innenhof von Kloster Ettal zu etablieren und mit diesen Großveranstaltungen das ambitionierte Programm querzufinanzieren.

Liebreich braucht als international tätiger Dirigent die Garmischer nicht. Aber sie hätten ihn gebraucht, weil die nicht ganz unproblematische Figur Richard Strauss nicht mit Lokalpatriotismus allein in den Griff zu bekommen ist.

Sehnsucht nach dem Wintersport

Das Scheitern von "Top Music on Top Locations" hat auch eine Menge mit der örtlichen Atmosphäre zu tun. Während man in Murnau und Kochel das Beste aus dem "Blauen Reiter" gemacht hat, hängt man in Garmisch-Partenkirchen naiv dem nie wieder zurückkehrenden Wintersport alten Stils und den Olympischen Spielen von 1936 nach. Ohne Schnee ist der Ort aber tief in den 1970er Jahren steckengeblieben.

Wenn man Äußerungen einzelner Gemeinderatsmitglieder liest, legt man es nun darauf an, künstlerisch möglichst unwichtig zu werden und auf diese Weise auch noch den staatlichen Zuschuss zu verlieren. Denn ein paar Liederabende sind zwar ganz nett. Aber sie brauchen – im Unterschied zu einem breiter ausstrahlenden Festival – eigentlich kein Geld vom Freistaat.
 


 
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