Aktenberge, 3D-Modell - und V-Männer? Wiesn-Attentat: Der Stand nach einem Jahr Ermittlungen

26.09.1980: Leichentücher verdecken die Todesopfer des Oktoberfest-Attentats. Foto: dpa

Berge von Akten, Dutzende Zeugen, Hunderte Fotos. Seit einem Jahr wird neu zum Oktoberfestattentat von 1980 ermittelt. Gab es Mittäter, waren gar V-Männer involviert?

 

München – Die neuen Ermittlungen zum Oktoberfestattentat von 1980 sind auch ein Bekenntnis: Dass vor mehr als drei Jahrzehnten nicht alles gut gelaufen ist. Im Dezember 2014 verkündete der Generalbundesanwalt (GBA) die Entscheidung zur Wiederaufnahme des Verfahrens und sprach vom "schwersten rechtsextremistischen Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland".

Am Abend des 26. September 1980 rissen 1,39 Kilogramm TNT zwölf Volksfestgäste in den Tod und verletzten 211. Schrauben und Nägel erhöhten die Zerstörungskraft. Auch der rechtsradikale Attentäter Gundolf Köhler starb. Die Akten wurden rasch geschlossen, das Verfahren mangels hinreichender Hinweise für weitere Beteiligte eingestellt. 35 Jahre später geht es darum, doch Helfer oder gar Drahtzieher zu finden und rechtsextreme Hintergründe aufzuklären.

Noch unbekannte Aktenberge, hunderte Zeugen

Die Bilanz nach einem Jahr Ermittlungen ist einerseits ernüchternd. Es gibt keine Hinweise auf konkrete Mittäter. Andererseits: Rund 400 Beweisgegenstände wurden neu erfasst. Die "Soko 26. September" kämpft sich durch gut 26 000 Dokumente mit über 157 000 Seiten aus Archiven von Polizei- und Regierungsbehörden, Stasi, Verfassungsschutz, BND und MAD. Weitere Akten sind angefordert, der Auswahlkatalog umfasst laut GBA mehr als 200 Personen, 20 Organisationen und diverse Begriffe. Etwa 100 Zeugen wurden schon befragt.

Opfervertreter sprechen von vielversprechenden Ansätzen. Anwalt Werner Dietrich, dessen Antrag zusammen mit Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy die neuen Ermittlungen in Gang gebracht hatte, sieht immer deutlichere Hinweise, dass Köhler Mittäter hatte und das Motiv für den Anschlag nicht allein persönlicher Frust war.

"Allein die Tatsache, dass Zehntausende Blatt Akten bisher unbekannt bei den verschiedenen Behörden und Diensten schlummerten und erst jetzt erstmals herausgegeben und mit Blick auf das Attentat bearbeitet werden, ist ja schon ein Hinweis darauf. Wäre Köhler ein Einzeltäter gewesen, der nur private Motive hatte, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass sich Dienste so intensiv dafür interessieren", sagt Dietrich. Auch die Stasi habe den Fall sehr aufmerksam verfolgt.

Das Rätsel um die verschwundene Hand

Die Bundesanwaltschaft zieht zurückhaltend Bilanz. Angaben der Zeugin, die zur Wiederaufnahme führten, hätten sich "im Kern nicht bestätigt". Die Frau will am Tag nach der Tat im Spind eines Bewohners eines Aussiedlerheims Flugblätter gesehen haben, die Köhler als Helden huldigten, obwohl seine Täterschaft noch nicht öffentlich war. "Im Zuge der Ermittlungen ließ sich jedoch weder die Beobachtung der Zeugin verifizieren noch der sich von ihr geschilderte zeitliche Zusammenhang zum Oktoberfestattentat herstellen", teilte der GBA mit.

Auch Angaben einer Krankenschwester aus Hannover führten laut Karlsruhe nicht weiter. Sie hatte berichtet, nach dem Attentat einen Patienten ohne Unterarm versorgt zu haben. Opfervertreter vermuten, dass eine abgerissene Hand, die damals bei den Ermittlungsbehörden verschwand, nicht Köhler, sondern einem unbekannten Mittäter gehörte. Chaussy meint sogar, es könnten zwei Handfragmente gewesen sein: Eins mit vier Fingern und eins mit einem. "Sie haben nur eine Gemeinsamkeit: Beide sind verschwunden."

Lesen Sie hier: Die verschwundene Hand und der Mittäter

Rund um die Hand wie um das Attentat insgesamt ranken sich mysteriöse Geschichten, vielleicht nur seltsame Zufälle: Ein rechtsradikaler Waffensammler, der vielleicht Sprengstoff geliefert haben könnte und einen Tag vor seiner Vernehmung erhängt in seiner Zelle gefunden wird. Ein Handfragment, dessen Verbleib ungeklärt ist. Amtlicherseits vernichtete Beweismittel wie Zigarettenstummel aus Köhlers Auto.

Gab es V-Männer?

Offen ist auch die Frage nach V-Männern. Die Bundesregierung hatte unter Verweis auf die Geheimhaltung die Antwort verweigert, ob der erhängte Waffensammler V-Mann war. Grüne und Linke im Bundestag wollen eine Auskunft nun beim Bundesverfassungsgericht erstreiten.

Nun rekonstruieren die Ermittler aus Laser-Vermessungen und gut 1700 Fotos die Tatort-Situation in 3D; Splitter werden spurentechnisch untersucht. Neben Tätern und Motiv wollen die teils verstümmelten und bis heute an im Körper wandernden Splittern leidenden Opfer Klarheit über Behördenfehler. Wurden wie beim NSU rechtsextreme Hintergründe nicht genug geprüft? Die Frage geht über strafrechtliche Ermittlungen hinaus. Chaussy sagt: "Es wäre notwendig, dass eine unabhängige Untersuchung stattfindet. Es sind so kuriose Dinge gelaufen."

Dietrich setzt erst einmal auf neue Akten - und neue Zeugen. "Ich würde es für sinnvoll halten, wenn der Fall in "Aktenzeichen XY ungelöst" präsentiert würde. Das gäbe eine größtmögliche Öffentlichkeit, die Sendung hat ein Millionenpublikum."

 

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