100. Todestag München: Schwieriges Gedenken an Kurt Eisner

Gedenkorte gibt es in München nicht viele. Und die liegen versteckt. Klicken Sie sich durch die Fotos, um zu erfahren, wo. Foto: AZ/rbr, dpa/Lino Mirgeler

Heute vor 100 Jahren wurde Kurt Eisner ermordet, der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern. Seine Denkmäler sind eher versteckt.

 

München - Bis zuletzt hatte er an seiner Rücktrittsrede gearbeitet. Am Vormittag des 21. Februar 1919 verließ der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern das Ministerium des Äußeren im Palais Montgelas an der damaligen Promenadegasse, um im Landtagsgebäude an der Pranner–straße seinen Rücktritt zu erklären. Bei den ersten Landtagswahlen des Freistaats hatten Eisners unabhängige Sozialdemokraten nur 2,53 Prozent der Stimmen errungen.

Wenige Monate zuvor, am 8. November 1918, hatte Eisner kurz nach Mitternacht im Mathäserbräu mit den Worten "Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!" die Republik ausgerufen. Obwohl er von Morddrohungen wusste, verzichtete er darauf, die Hintertür des Palais Montgelas zu nehmen. "Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen", sagte er.

Graf von Arco erschoss Kurt Eisner

Auf der Promenadegasse – seit 1952 Kardinal-Faulhaber-Straße – wurde Eisner von Anton Graf von Arco auf Valley aus unmittelbarer Nähe mit zwei Schüssen in Rücken und Kopf erschossen. Eisner war sofort tot. Arco, der aufgrund jüdischer Großeltern aus der völkisch-antisemitischen Thule-Gesellschaft ausgeschlossen worden war, wollte durch den Anschlag seine "nationale Gesinnung" beweisen.

Im Gerichtsverfahren nannte Arco einen "Geheimnisverrat Eisners an die Alliierten" als Motiv für sein Attentat. Der Ministerpräsident hatte nach der Revolution geheime Gesandtschaftsberichte der bayerischen Regierung veröffentlicht, um die Kriegsschuld des Deutschen Reiches zu beweisen und dadurch bessere Friedensbedingungen für Bayern zu erreichen.

Krise in Bayern nach Eisners Tod

Die Ermordung Eisners stürzte Bayern in eine Krise. Im April wurde die Räterepublik ausgerufen. Sie wurde bald von einer Koalition aus Mehrheitsozialdemokraten und Rechten blutig niedergeschlagen. Der Attentäter Arco wurde 1920 erst zum Tod verurteilt, noch am gleichen Tag begnadigt und 1924 entlassen. 1933 wurde er in "Schutzhaft" genommen, weil er unter Bezugnahme auf Hitlers zentralistische Innenpolitik bemerkt hatte, ebenso gut wie Eisner könne er auch einen anderen erschießen. Er starb 1945 bei einem Autounfall.

Eisners Leiche wurde am 26. Februar 1919 in einem großen Trauerzug, an dem rund 100.000 Menschen beteiligt gewesen sein sollen, von der Theresienwiese zum Städtischen Krematorium auf dem Ostfriedhof überführt. Seine Urne wurde dort 1922 in den Sockel eines "Den Toten der Revolution" gewidmeten Denkmals eingemauert. Es steht gut 100 Meter hinter dem großen Kruzifix gegenüber der Aussegnungshalle.

Gedenken in München bleibt schwierig

Ruhe fand Eisners Urne dort nicht. 1933 beschlossen die Nazis im Stadtrat die Zerstörung der Grabdenkmäler linker Revolutionäre. Eisners Urne wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Freimann beigesetzt – im Grab des 1919 in Stadelheim von Freikorps-Soldaten ermordeten Anarchisten Gustav Landauer. Der 1946 dort aufgestellte Stein ist der Rest von Landauers Grab-Obelisken auf dem Waldfriedhof, der 1933 ebenfalls zerstört wurde.

Das Revolutionsdenkmal am Ostfriedhof wurde 1955 wiederhergestellt – ohne die Urne. Sie verblieb im Neuen Israelitischen Friedhof, weil das Judentum Grabstätten für die Ewigkeit vorsieht. Das Gedenken an Eisner blieb schwierig. Noch 1969 maulte die CSU gegen eine Kurt-Eisner-Straße in München-Neuperlach. Über ein Denkmal am Ort der Ermordung entbrannte ein endloser Streit. 1976 wurde auf dem Grünstreifen des Promenadeplatzes eine kleine Gedenktafel eingelassen, nachdem der Eigentümer des Palais Montgelas die Anbringung einer Gedenktafel verweigert hatte. Sie verschwand vor 15 Jahren, als das riesige Monument für den Grafen Montgelas errichtet wurde.

Bodenplatte würdig oder pietätlos?

Eisner bekam 1989 ein unauffälliges Bodendenkmal in der Kardinal-Faulhaber-Straße. Bei der Beratung im städtischen Bauausschuss kam es zu einer Auseinandersetzung über die Worte "Freistaat" und "Volksstaat". Eine Mehrheit aus CSU, FDP und Grünen stimmte gegen den Textvorschlag der SPD, weshalb auf der Platte heute von der "Republik Bayern" die Rede ist.

Bis heute ist die Debatte nicht abgeflaut, ob diese Platte dem Ermordeten würdig gedenkt. Im Mathäser, wo 1918 der Arbeiter- und Soldatenrat tagte, befindet sich eine Stele. 2011 wurde ein gläsernes Eisner-Denkmal am Oberanger errichtet – nahe der Zentrale der SPD, die den Revolutionär gerne für sich reklamiert, obwohl der überzeugte Pazifist die Partei 1917 aus Protest gegen die mit den Militaristen kuschelnde "Burgfriedenspolitik" während des Ersten Weltkriegs verließ.

Streetart zu Eisners Ehren verzögert sich

Beim Festakt "100 Jahre Freistaat Bayern" schaffte es Ministerpräsident Markus Söder, in seiner Rede Eisner zu unterschlagen. Die Stadt ist allerdings auch nicht viel besser: Auf das vom Kulturreferat wortreich für den vergangenen November versprochene Kurt-Eisner-Mural muss weiter gewartet werden.

Im Herbst malte der Künstler erst einmal den Fluxus-Künstler Robin Page auf die Mauer des Umspannswerks in der Zehentbauernstraße am Giesinger Berg. Die Vollendung verzögert sich wegen der schwierigen Finanzierung, Genehmigungsfragen, einem Trauerfall, dem überraschend eingetretenen Winter und 1.000 anderen Problemchen.

Im März will Markus Müller alias Won ABC fertig sein. Es ist eben nach wie vor nicht einfach, in München an einen Republikaners, Pazifisten und Revolutionär zu erinnern.


Am Donnerstag (21. Februar 2019) um 19 Uhr veranstaltet der Verein "Das andere Bayern" im Alten Rathaus eine Gedenkfeier mit Konstantin Wecker, Max Uthoff und vielen anderen.

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