Interview

Werner Weidenfeld über Söder: "Das vergessen die Menschen nicht über Nacht"

Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld sieht nicht nur die CDU durch die Niederlage bei der Bundestagswahl beschädigt – auch das Image von CSU-Chef Söder habe nachhaltig gelitten.
| Ralf Müller
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Werner Weidenfeld auf einem CSU-Parteitag in der kleine Olympiahalle
Werner Weidenfeld auf einem CSU-Parteitag in der kleine Olympiahalle © imago images/Spöttel Picture

München - Werner Weidenfeld (74) ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung (C.A.P.) und Professor für Politikwissenschaft an der Münchner LMU.

AZ: Herr Professor Weidenfeld, was können die Parteien aus Sieg und Niederlage bei der Bundestagswahl lernen?
WERNER WEIDENFELD: Die großen Blöcke der Stammwähler sind abgeschliffen. In Erscheinung getreten ist ein fluides Stimmungsmilieu, das sich schnell verändert. Die SPD war über Jahre tief im Zustimmungskeller, und zwar wegen ihrer permanenten Führungszermürbung, wenn nicht gar Führungszerstörung. In diesem innerparteilichen Wahlkampf hat Olaf Scholz weniger als 15 Prozent der Stimmen bekommen. Zu diesem Zeitpunkt war das Thema Kanzlerkandidat gar keine heiße Frage. Man hat dann gesagt, der stille, vornehme Hanseat Olaf Scholz kann das machen. Von da an artikulierte sich die SPD-Führung gar nicht mehr. Es gab nur diesen behutsam-vornehmen Hanseaten mit einem Hauch von Amtsbonus – und schon gingen die Zustimmungsraten hoch.

Der Grünen-Höhenflug flachte nach Pannen ab

Und die Grünen?
Sie hatten zunächst hohe Zustimmungsraten, weil das Schlüsselthema vor Corona Umweltrettung war. Die Grünen hatten die Sachkompetenz dazu. Dazu kam eine sehr freundliche Kommunikationsart. Die Spitzen der Grünen lächelten Sie ständig an, sagen, dass man das schon packen würde – also Sachkompetenz mit freundlicher Kommunikation ergab den Höhenflug, der wegen Pannen nicht ganz so hoch ausfiel wie erhofft.

Eindruck der Zerstrittenheit ist gravierender Punkt in der Wählerstimmung

Und die Union?
Die Union stand zunächst relativ gut da und hat dann das Modell der SPD kopiert, also die innere Zermürbung, das Niedermachen – und schon sind die Daten der Union runtergegangen. Der Eindruck der Zerstrittenheit ist ein gravierender Punkt in der Wählerstimmung geworden. Die Union hat jetzt 8,9 Prozent der Stimmen verloren, bei der Wahl zuvor 2017 waren es 11,4 Prozent.

Über Söder: "Als strahlender Kandidat kann er nicht mehr auftauchen"

Sie haben die Wahlniederlage der Union vor allem auf deren innere Zerstrittenheit zurückgeführt. Das widerspricht der verbreiteten Ansicht, es lag vor allem an Kandidaten. Lag es tatsächlich nicht an Laschet?
Nein. Im Medienzeitalter macht man das gerne an einer Person fest. Der Unions-Spitzenkandidat, Ministerpräsident des größten Bundeslandes mit freundlichem Kommunikationsstil, hat durch die Inner-Unions-Attacken in seinem Ansehen schwerstens gelitten. Zur Zerstrittenheit gehören immer mehrere. Außerdem wünschten sich die Wähler jenseits der Details einen Politikwechsel. Nur 16 Prozent waren in den Umfragen nicht für einen Politikwechsel. Das hat auch mit der langen Amtszeit der Bundeskanzlerin zu tun. 1998 nach 16 Jahren Kohl war eine ähnliche Stimmung da.

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Der Anteil von CSU-Chef Markus Söder an der Unions-Wahlniederlage ist also nicht unerheblich?
Natürlich. Die Wahlniederlage ist nicht nur bei einer Person abzuladen. Da die Union ein solches merkwürdiges Selbstzermürbungsbild abgeliefert hat, war Laschet nicht die Rettung, sondern Teil der Gewürgelage.

Wird Markus Söder 2025 Kanzlerkandidat?

Viele spekulierten, Söder habe jetzt erstmal Laschet verlieren lassen, um in vier Jahren als strahlender Kandidat anzutreten. Ist das realistisch?
Als strahlender Kandidat kann er nicht mehr auftauchen, weil er mitbeschädigt ist. Das hört man ja auch in der CSU. Alle haben zu einem beschädigten Erscheinungsbild beigetragen. Viele Menschen sind enttäuscht. Das vergessen sie nicht über Nacht. Diese Art von Beschädigungen bleiben historisch hängen und spürbar.

Landtagswahl in Bayern: Darum hat die CSU Probleme

Was bedeutet die Bundestagswahl für die nächste bayerische Landtagswahl? Kann die CSU so tun, als sei das eine ganz andere Baustelle?
Nein. Die Menschen differenzieren da nicht. Der Föderalismus ist sehr verwoben. Von Bayern aus wollte man den anderen ja sagen, wie sie ihre Lage verbessern können, wo es in Berlin langgehen soll. Da wird ja nicht getrennt. Die Frage ist: Schaffen es die CSU und Söder, die Voraussetzungen zu erfüllen, dass man darüber hinweg sieht? Franz Josef Strauß hat 1976 nach dem Kreuther Trennungsbeschluss auch wieder Fuß fassen können. Bis heute ist der Kreuther Trennungsbeschluss aber immer noch ein präsentes Datum.

Werner Weidenfeld über die Trennung von CDU und CSU

Könnte es zur Trennung von CDU und CSU doch einmal kommen?
Wenn die Unionsparteien wachsam bleiben, kommt es nicht dazu, weil beide daraus schwer beschädigt herausgehen würden. Damals haben sie ja bald wieder beigedreht, weil die CDU dann auch in Bayern antreten würde. Das ist ein ganz gewichtiger Punkt. Welche Konflikte zwischen welchen Parteien würden die schärfsten, die problematischsten sein? Die Konflikte zwischen den beiden Unionsparteien. Beide wären dann besonders gekränkt und wollten denselben Wähler gewinnen.

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