Seehofers Empfehlung, Söders Schweigen: Neue Spekulationen um Ilse Aigner
"Lago di Bonzo" ist der Spitzname für den Tegernsee im Landkreis Miesbach. Franz Josef Strauß hatte hier lange Jahre seinen Wohnsitz. Viele Größen aus Wirtschaft, Politik und Sport erwarben hier sündteure Villen, etwa DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski und Fußball-Manager Uli Hoeneß.
Der Tegernsee sei praktisch die "Keimzelle einer neuen Regierung", schwärmte im April des vergangenen Jahres außerdem die Medienunternehmerin Christiane Goetz-Weimer über den von ihr organisierten "Ludwig-Erhard-Gipfel", der 2022 schon einmal Besuch von Friedrich Merz – damals "lediglich" CDU-Vorsitzender – hatte.
Diese Veranstaltung erhielt inzwischen ein "Geschmäckle" wegen der Verquickung von Geschäft und Amt von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, was aber den CSU-Kreisverband Miesbach nicht davon abhält, am "Gipfel"-Veranstaltungsort Gut Kaltenbrunn am kommenden Sonntag ihren Neujahrsempfang abzuhalten. Als Stargast am Westufer des Tegernsees wird Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet. Auch er ist mit dem "Lago di Bonzo" vertraut: In Gmund am Tegernsee besitzt er ein Haus – keine Villa, sondern ein "Häuserl", wie die Landtagspräsidentin und örtliche CSU-Stimmkreisabgeordnete Ilse Aigner erzählt.
Aigner über Merz: "Wir haben schon mal gemeinsam Zwiebeln geschnitten"
Ob es unter Spitzenpolitikern echte Freundschaften gibt, weiß man nicht so genau, aber ein gutes Verhältnis verbindet Tegernsee-Anrainer Merz und Aigner auf jeden Fall. "Wir haben auch schon mal auf der Hütte gemeinsam Zwiebeln für ein Gröstl geschnitten", ließ Aigner einmal wissen. Das deutet auf eine tiefe Bergkameradschaft hin. Dass Merz beim CSU-Neujahrsempfang seine Aufwartung macht, ist jedenfalls keine Überraschung. Eine lange Anfahrt hat er auch nicht.
Doch vielleicht wird der Tegernsee nun die Keimzelle einer neuen Bundespräsidentschaft. Schließlich sagte Merz beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung: "Ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass wir 2027 eine Frau zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zur Bundespräsidentin wählen. Das wäre gut."
Und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (ebenfalls CDU) findet: "Auf der Liste der Bundespräsidenten stehen seit 1949 zwölf Männer, keine Frau. Das ist das Gegenteil von Gleichberechtigung."

Deutlicher wurde der ehemalige bayerische Ministerpräsident und Ex-CSU-Chef Horst Seehofer: Ilse Aigner wäre eine gute Wahl, empfahl er vor ein paar Monaten. Seehofer sagt solche Dinge nicht einfach so dahin. Nicht selten verbirgt sich dahinter eine Spitze gegen seinen Nachfolger und Intimfeind Markus Söder. Auch diesmal?
Konstruieren ließe sich so etwas durchaus. Dass Söder selbst Ambitionen auf das höchste Amt im Staate hat, schließt er glaubhaft aus. Der Macher Söder würde sich in Schloss Bellevue wohl eher eingesperrt fühlen. Auch eine neue Kanzlerkandidatur dementiert Söder stets energisch. Das wiederum halten Beobachter für keineswegs so überzeugend.
Bundespräsidentin? Kein Dementi von Aigner
Wenn aber schon die Spitze des Staates erstmals von einer CSU-Politikerin besetzt ist, wäre kein Platz mehr für einen CSU-Kanzler. Deutschland würde sich nicht von zwei christsozialen Bayern regieren lassen. Söder sehe daher die sich häufenden Empfehlungen für Aigner mit Missfallen, heißt es. Natürlich ist dafür von ihm selbst keine Bestätigung zu haben, ein öffentliches Hinloben von Ilse Aigner nach Bellevue – wie von Seehofer – war von Söder aber bisher auch nicht zu vernehmen. Von Aigner wiederum war bisher kein energisches Dementi zu hören.
Für den Passauer Politikwissenschaftler und CSU-Kenner Heinrich Oberreuter, ehemals Direktor der Politischen Akademie Tutzing, ist das alles nichts Neues: Schon Helmut Kohl (CDU) habe den bayerischen Kultusminister Hans Maier (CSU) als Bundespräsidenten favorisiert, CSU-Chef Strauß sei aber mit seinen Kanzleroptionen im Wege gestanden. "Auf ewige Zeiten wird bei dieser Frage kein Staatsminister und keine Landtagspräsidentin am Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten vorbeiziehen können – es sei denn, dieser billigt es selbst", so der Politikprofessor, "Solange Söder eine Kanzleroption besitzt, wird Aigner keine Kandidatin für die Bundespräsidentschaft."
Schwarz-Rot könnte schon 2026 scheitern
Diese Option werde Söder "angesichts der deutlichen Instabilität der Koalition in Berlin" nicht aufgeben. Oberreuter schließt das Scheitern der schwarz-roten Koalition schon in diesem Jahr nicht aus. Das wäre dann auch das Ende von Merz als Kanzler und der Beginn des Wettbewerbs zwischen Söder und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) um dieses Amt, sagt Oberreuter voraus: "Und das Ende der Aussichten von Aigner zugleich."
Dem Umstand, dass der zur Zeit an Krücken wandelnde Söder zum Empfang der Miesbach-CSU mit Merz nicht erwartet wird, misst der Politologe keine besondere Bedeutung zu: "Wahrscheinlich würden sie in Mittelfranken aufjaulen, wenn Söder zu dieser Zeit in Oberbayern fremdginge."
