Nachruf: Das machte Hubert Aiwanger so einzigartig

Hubert Aiwanger hat seine Partei wie kein Zweiter geprägt. Neben Ministerpräsident Markus Söder (CSU) war er der einzige Politiker, der Bierzelte füllen konnte. Wie Aiwanger seine Partei an die Spitze führte, ohne sich zu verbiegen und dafür – intern – viel anzuecken. 
von  Ralf Müller, Ralf Müller
Hubert Aiwanger (Freie Wähler), stellvertretender Ministerpräsident und bayerischer Wirtschaftsminister, auf dem Volksfest Gillamoos. Er führte die Freien Wähler an die Spitze der bayerischen Politik.
Hubert Aiwanger (Freie Wähler), stellvertretender Ministerpräsident und bayerischer Wirtschaftsminister, auf dem Volksfest Gillamoos. Er führte die Freien Wähler an die Spitze der bayerischen Politik. © Matthias Balk

Manche erinnern sich noch gut, wie Hubert Aiwanger im März 2006 auf einer Delegiertenversammlung der Freien Wähler (FW) Bayern die landespolitische Bühne bestieg. So manchem FW-Delegierten, überwiegend in Ehren ergraute männliche Kommunalpolitiker, war der junge diplomierte Landwirt aus Niederbayern mit seinem forschen Auftreten unheimlich, doch Aiwanger setzte sich in einer Stichwahl mit 340 zu 322 Stimmen als neuer FW-Landesvorsitzender durch.

Zuvor hatten die FW schon mehrfach vergebens Anläufe gestartet, um in den Landtag einzuziehen. Aiwanger war gerade einmal zwei Jahre im Amt, da klappte es tatsächlich und noch dazu mit einem unerwartet hohen Ergebnis von 10,2 Prozent. Zwei Legislaturperioden teilte Aiwanger als FW-Fraktionschef – meistens ohne Manuskript – deftig gegen die regierende CSU aus, bis die FW 2018 mit den Christsozialen die bis heute bestehende "Bayernkoalition" begründeten. Seither war Aiwanger Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident, gleichzeitig FW-Landes- und Bundesvorsitzender.

Flugblatt-Affäre half Aiwanger

An der Spitze der FW war Aiwanger mehr als ein Parteivorsitzender wie viele andere. Er wurde zum "Zugpferd", zur "Galionsfigur" und zum "Aushängeschild" seiner Partei, weil er es verstand, sich von allen anderen Landespolitikern durch klare Kante zu unterscheiden. Dazu gehörte auch der begrenzte Konflikt mit dem größeren Koalitionspartner. Obwohl von den FW abhängig, erwog Regierungschef Markus Söder (CSU) einmal sogar den Rausschmiss seines Stellvertreters und damit das Platzen der Koalition im Zuge der berüchtigten "Flugblattaffäre" im Jahr 2023.

Der Tiefpunkt seiner Karriere: Hubert Aiwanger äußerte sich im Herbst 2023 auf einer Pressekonferenz zur Affäre um ein antisemitisches Flugblatt aus Schulzeiten.
Der Tiefpunkt seiner Karriere: Hubert Aiwanger äußerte sich im Herbst 2023 auf einer Pressekonferenz zur Affäre um ein antisemitisches Flugblatt aus Schulzeiten. © Peter Kneffel/dpa

Die mediale Attacke auf Aiwanger wegen eines in dessen Schulzeit aufgetauchten rechten Hetz-Flugblatts ging bei der Landtagswahl im Oktober 2023 nach hinten los. Aiwanger nahm in seinem niederbayerischen Wahlkreis sogar dem CSU-Bewerber das Direktmandat ab. Reibereien mit der CSU und deren Chef Söder leistete sich Aiwanger immer wieder. Einmal ging es um die Weigerung des Vize-Regierungschefs, sich einer Corona-Impfung zu unterziehen, ein anderes Mal um die Konkurrenz der FW bei der Bundestagswahl, welche die CSU als Schwächung des bürgerlichen Lagers zu ihren Lasten verstand.

Aiwanger: "Wütender Oppositionsführer"

Wäre es nach Aiwanger gegangen, hätte er wohl die bayerischen Ressorts für Wirtschaft und Landwirtschaft in seiner Person vereinigt. Doch da war Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) vor, die über die Agrar-Ambitionen ihres Kabinettskollegen alles andere als begeistert war. In das Wirtschaftsressort des passionierten Jägers Aiwanger wanderten nach der jüngsten Kabinettsbildung immerhin die Zuständigkeiten für Jagd und die bayerischen Staatsforsten, was sachlich nur schwer nachvollziehbar war.

Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Wirtschaftsminister von Bayern, und Michaela Kaniber (CSU), Landwirtschaftsministerin von Bayern, kommen zu einer Kabinettssitzung in der bayerischen Staatskanzlei im Jahr 2018. Er hätte sich gerne auch um die Landwirtschaft gekümmert.
Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Wirtschaftsminister von Bayern, und Michaela Kaniber (CSU), Landwirtschaftsministerin von Bayern, kommen zu einer Kabinettssitzung in der bayerischen Staatskanzlei im Jahr 2018. Er hätte sich gerne auch um die Landwirtschaft gekümmert. © Sven Hoppe/dpa

Ob wohlkalkuliert oder spontan: Gelegentlich ging dem Niederbayern, der zeitweise gerne als Bauernführer hemdsärmelig auf landwirtschaftlichen Anhängern und Traktoren Reden hielt, das Temperament durch. Draußen in den bayerischen Landen führe sich Aiwanger nicht als Mitglied der Staatsregierung, sondern als wütender Oppositionsführer auf, lautete eine anhaltende Kritik aus der CSU.

Aiwangers Aufruf in einer Kundgebung zu Zeiten der Ampel-Koalition, man müsse sich "die Demokratie aus Berlin zurückholen", ließ auch Parteigänger erschauern. Zuweilen bewegte sich der Vize-Ministerpräsident mit seinen Ansichten rechts der CSU, was vielen in seiner Partei nicht geheuer war. Aber die Kritiker hatten keine wirkliche Alternative.

Aiwanger wollte FW zu Partei "des gesunden Menschenverstands" in Berlin machen

Der scheinbar nimmermüde Aiwanger war die Freien Wähler und die Freien Wähler waren Aiwanger. Zeitweise gerieten die FW gar zu einer Art "Bewegung Hubert Aiwanger". Jüngste Erfolge erzielten die FW unter seiner Führung bei der jüngsten Kommunalwahl im Freistaat, bei der sie die Zahl ihrer Landräte auf 28 verdoppeln konnten. Aiwangers Bemühungen, seine Partei als Kraft des "gesunden Menschenverstands" in den Bundestag und womöglich auch in eine konservative Bundesregierung zu bringen, waren allerdings nicht von Erfolg gekrönt.

Der Landesvorsitzende der Freien Wähler (FW) Hubert Aiwanger am Anfang seiner politischen Karriere im Jahr 2008.
Der Landesvorsitzende der Freien Wähler (FW) Hubert Aiwanger am Anfang seiner politischen Karriere im Jahr 2008. © Daniel Karmann/dpa

Auch Politiker und Parteien, die dem Verstorbenen politisch alles andere als nahestanden, zollen der niederbayerischen Ausnahmeerscheinung Respekt und Anerkennung. "Hubert Aiwanger war ein Politiker mit Ecken und Kanten. Er kam aus der Kommunalpolitik und hatte immer im Blick, was die Menschen vor Ort brauchen. Das war sein Antrieb", gaben beispielsweise die bayerischen Grünen an. Aiwanger sei ein "streitbarer, leidenschaftlicher Politiker" gewesen, der sich "mit großer Überzeugung für Bayern eingesetzt hat", würdigte der SPD-Landtagsfraktionschef Holger Grießhammer den Verstorbenen.

Keine glattgebügelten Politiker-Sprechblasen

Die Unverwechselbarkeit Aiwangers in einer Schar von Verwechselbaren hatte auch mit seinem dunklen "A" zu tun. Kabarettisten griffen seinen niederbayerischen Dialekt ebenso gerne auf wie Nockherberg-Fastenredner. Aiwanger bemühte keine Rhetorikexperten oder Schauspiellehrer, um das zugunsten von glattgebügelten Politiker-Sprechblasen in gestelztem Hochdeutsch zu ändern.

Nur er konnte sie wie Söder füllen: Hubert Aiwanger, Bundesvorsitzender der Freien Wähler, beim Mainburger "Gallimarkt" in einem Bierzelt.
Nur er konnte sie wie Söder füllen: Hubert Aiwanger, Bundesvorsitzender der Freien Wähler, beim Mainburger "Gallimarkt" in einem Bierzelt. © Sven Hoppe/dpa

Verbiegen, um den Medien oder den großstädtischen Intellektuellen zu gefallen, war nicht seine Sache. Wer ihn fragte, bekam eine schnörkellose, meistens druckreife Antwort, die einem gefallen konnte oder auch nicht. Flüssig ohne Versprecher und meistens ohne jedes Manuskript bestritt er nicht nur stundenlange Bierzeltauftritte, sondern auch Regierungserklärungen im Landtag. Den Journalisten stand Aiwanger Rede und Antwort, ohne seine Aussagen nachträglich zu autorisieren.

Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Wirtschaftsminister von Bayern, nimmt am Starkbieranstich auf dem Nockherberg teil. Er war ein beliebtes Ziel für die Fastenredner.
Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Wirtschaftsminister von Bayern, nimmt am Starkbieranstich auf dem Nockherberg teil. Er war ein beliebtes Ziel für die Fastenredner. © Sven Hoppe/dpa

Jetzt stehen vor allem die Freien Wähler vor einem Riesenproblem. Außer der CSU mit Markus Söder hat keine andere Partei mehr eine Spitzenfigur, die Bierzelte füllen und noch dazu begeistern könnte. Seine Ämter in der Regierung Söder werden andere übernehmen, die Lücke, die er in seine Partei reißt, wird sich so bald nicht schließen lassen. In der bayerischen Landesgeschichte hinterlässt Hubert Aiwanger sichtbare Spuren.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.