Söder als neuer Kanzler? "Da muss die Not wirklich groß sein"

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die CDU ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren. Viele sehen darin auch eine hohe Unzufriedenheit mit Kanzler Friedrich Merz. Sollte er einen Nachfolger brauchen, könnte dieser Markus Söder heißen? Wie Experten die Chancen des CSU-Chefs einschätzen.
von  Ralf Müller
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beim Gillamoos in Abensberg.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beim Gillamoos in Abensberg. © IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON

Ursula Münch, Direktorin der Politischen Akademie in Tutzing, sagt es "zum Spaß": "Noch nie waren die Chancen von Markus Söder größer auf das Amt des Bundeskanzlers als jetzt." Sollte Kanzler Friedrich Merz (CDU) demnächst oder nach weiteren CDU-Niederlagen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern das Handtuch werfen, könnte der CSU-Chef doch noch eine Chance haben, denn "allzu viele Kandidaten aus der Union drängen sich als Nachfolger nicht auf".

Münchs Vorgänger, der Passauer Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter, glaubt auch in diesem Fall kaum an eine späte Chance für den 59-jährigen bayerischen Regierungschef: "Da muss die Not bei der Schwester wirklich groß sein." Immerhin werde der am meisten als Nachfolger genannte nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) dringend gebraucht, damit die Landtagswahl in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland nicht auch noch für die Union schiefgeht, schränkt Oberreuter ein.

Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.
Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. © Sven Hoppe/dpa

"Diesmal müsste die CDU schon niederknien"

"Diesmal müsste die CDU schon vor der Bayerischen Staatskanzlei niederknien", sagte der mittelfränkische CSU-Landtagsabgeordnete Volker Bauer den "Nürnberger Nachrichten". Was tut ein erfahrener Politiker in einer solchen Situation? Er hält den Ball flach. Anders als vor zwei Jahren, als er auf dem Abensberger Volksfest noch mit einer möglichen Kanzlerschaft kokettierte, nahm er am vergangenen Montag eine Anleihe aus der bayerischen Geschichte.

Die Wittelsbacher, sagte er, waren nie Kaiser oder Kanzler – "wir auch nicht". Sollte heißen: Ruhm und Ehre kann man auch außerhalb des Kanzleramts anhäufen – wahrscheinlich sogar besser (bezüglich der Kaiserwürde liegt Söder übrigens falsch: Sowohl Ludwig IV. als auch Karl VII. gehörten dem Haus Wittelsbach an, d. Red.).

Erwartungsgemäß enthielt sich Söder jeder Kritik oder gar Häme gegenüber dem Kanzler. Jedes auch nur ansatzweise als Kritik zu verstehende Wort hätte die Spekulationen um Ambitionen des CSU-Chefs neu aufleben lassen.

Er wird für die schlechten Wahlergebnisse verantwortlich gemacht: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Er wird für die schlechten Wahlergebnisse verantwortlich gemacht: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). © Kay Nietfeld/dpa

Noch im Juli erklärte Söder zu diesen Spekulationen: "Dieses Kapitel ist abgeschlossen." Gleichzeitig bekräftigte er, bei der Landtagswahl 2028 in Bayern wieder als Spitzenkandidat und damit Ministerpräsidenten-Bewerber antreten zu wollen. Ob er das kann, ist freilich nicht hundertprozentig sicher. Die nicht im Bayerischen Landtag vertretene Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) will durch Änderung der Landesverfassung erreichen, dass die Amtszeit eines Ministerpräsidenten zwingend nach zehn Jahren endet. Noch im September will die ÖDP die für ein Volksbegehren erforderlichen 25.000 Erstunterstützer-Unterschriften einreichen.

Die Sympathiewerte Söders glichen einer Achterbahnfahrt

Könnte denn Söder als Kanzler der Union deutschlandweit überhaupt zu einer Trendwende verhelfen? Der Kurs der für den bayerischen Regierungschef gemessenen Sympathiewerte glich in den vergangenen zehn Jahren einer Achterbahnfahrt. 2018 verlieh ihm das "Handelsblatt" den wenig schmeichelhaften Titel des "unbeliebtesten" aller Ministerpräsidenten. Die Corona-Pandemie der Jahre 2020/2021 trug Söder nach oben. Vor allem wegen seines strikten Krisenmanagements im Vergleich zu den Zögerlichkeiten und Unklarheiten auf Bundesebene befürworteten in dieser Zeit im "ARD-Deutschlandtrend" 53 Prozent der Befragten eine Kanzlerkandidatur des Nürnbergers. Monatelang dominierte Söder die Sympathie-Rankings im "ZDF-Politikbarometer".

Doch mit der Corona-Pandemie endete auch der Höhenflug der Sympathiewerte. Im "ZDF-Politbarometer" fiel Söders Imagewert im August dieses Jahres auf minus 0,6. Vor ihm landeten Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne), Außenminister Johann Wadephul (CDU) und Dobrindt (minus 0,4), kurz nach ihm folgte die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek. Dass Söder weit vor Kanzler Merz (minus 1,9) rangiert, dürfte kein großer Trost sein.

Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter.
Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter. © imago stock&people

Akademie-Direktorin Münch bleibt dabei: "Mit Blick auf die Landtagswahlen in Ostdeutschland, insbesondere in Sachsen-Anhalt, und auf das knappe Personalreservoir der Union gibt es durchaus eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass man Söder braucht", sagte sie in einem Interview mit der AZ.

Diskussion nur in Bayern

Ein CSU-Insider spricht indessen aus, was in Berlin gängige Meinung ist: Die Diskussion um einen "Doch-noch-Kanzler" Söder findet nur in Bayern statt. Die Vorbehalte in der CDU gegenüber Söder seien nach wie vor groß, auch wenn er Wert auf seine Rolle als "freundlichster CSU-Chef aller Zeiten" lege.

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