"Sie wird eigene Spuren hinterlassen": Monika Hohlmeier über Aigners Potenzial als Bundespräsidentin
Alle reden gerade über sie, aber wie tickt Ilse Aigner (61) wirklich? Die Landtagspräsidentin und CSU-Chefin des Bezirks Oberbayern ist die große Favoritin als kommende Bundespräsidentin.
Monika Hohlmeier (64), Tochter von Franz Josef Strauß und frühere bayerische Kultusministerin, ist eine der besten Freundinnen von Ilse Aigner. Seit 2009 ist sie Abgeordnete im EU-Parlament.
AZ: Frau Hohlmeier, trauen Sie Ilse Aigner das höchste Staatsamt zu?
MONIKA HOHLMEIER: Absolut, ich kenne Ilse seit 30 Jahren, sie ist integer, bodenständig und hochprofessionell, hat politische Erfahrung auf unterschiedlichen Ebenen als Ministerin im Bund und in Bayern. Ilse wird parteiübergreifend geschätzt, nicht nur in der CSU, sie ist auch eine hervorragende Landtagspräsidentin, die mit der im Parlament oft pöbelnden AfD klar umgeht. Ilse wird nicht in Fußstapfen anderer treten, sie wird eigene Spuren hinterlassen. Nicht nur, weil sie eine Frau ist.

“Näher am Menschen“ ist der Parteislogan der CSU, Ilse Aigner scheint das zu leben. Sie hat offenbar keine Feinde.
Weil sie in ihrer Karriere nie über Leichen gegangen ist, nie bösartig und fies war. Sie ist eine Brückenbauerin, sie mag Menschen und das spüren die. Viele einfache Leute haben eine Scheu, auf Politiker zuzugehen, bei Ilse nicht. Keiner sagt "Frau Aigner" zu ihr, sie ist die Ilse. Dahinter steckt nicht Kumpelei, sondern Vertrauen. Sie kann Menschen verbinden und hat keine Allüren, obwohl sie viele hohe Ämter schon innehatte. Da kenne ich andere, die sich mit ihrem Ego negativ entwickelt haben. Sie nicht. Ilse ist fachlich und menschlich an ihren Aufgaben gewachsen, will immer dazulernen, erweckt nie den Eindruck, dass sie schon alles weiß.
Ilse ist die Wahl-Patin meiner beiden Kinder, das haben sie sich gewünscht. Bei uns wird sie "Tante Ilse" genannt
Wie ist Ihr persönliches Verhältnis?
Ilse ist die Wahl-Patin meiner beiden Kinder, das haben sie sich gewünscht. Bei uns wird sie "Tante Ilse" genannt. Sie hat selbst keine Kinder, aber kann mit Kindern prima umgehen. Sie hat vier Nichten und drei Neffen – und die haben elf Kinder. Ihre drei Schwestern leben ganz in ihrer Nähe. Also, einsam ist sie wirklich nicht. Ilse lebt in einem Dreigenerationenhaus in ihrer Heimatgemeinde Feldkirchen-Westerham. In einer bescheidenen Dreizimmer-Wohnung. Typisch für Ilse, mehr Platz braucht sie nicht, sie glaubt, dass sie nicht mehr beanspruchen muss, obwohl sie sich ein Haus leisten könnte. Schloss Bellevue würde nach der Renovierung etwas größer sein (lacht).

In den Augen von manchen Kritikern hat Ilse Aigner einige Handicaps. Erstens: Sie ist keine Akademikerin, sondern hat die Mittlere Reife und danach Technikerin gelernt.
Na und? Ilse hat das Fachabitur, weil sie nach ihrer beruflichen Ausbildung zur staatlich geprüften Radio- und Fernsehtechnikerin eine sehr hochwertige zweijährige Aufstiegsfortbildung an der Fachschule für Technik sehr erfolgreich absolviert hat. Nicht studiert zu haben, trifft auf über die Hälfte der Bevölkerung zu. Ilse Aigner war an der Technikerschule die Beste – unter über 100 Männern hat sie sich durchgesetzt. Sie entwickelte unter anderem elektronische Bordsysteme von Hubschraubern! Welcher Politiker kann das? Zu Recht leidet sie nicht an mangelndem Selbstbewusstsein oder einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber studierten Doktoren. Sie hat neben dem hohen IQ auch einen hohen EQ! Im Übrigen: Joschka Fischer hatte nicht mal einen Schulabschluss und war als ehemaliger Taxifahrer ein respektabler Außenminister. Komisch, dass Bildungsdünkel immer gegen Frauen vorgebracht wird.

Der nächste Einwand gegen Aigner: Sie ist keine Juristin wie viele Vorgänger.
Na und? Joachim Gauck war auch kein Jurist, sondern Theologe. Mein eigener Vater hat gesagt: Jurist ist man nicht, Juristen hält man sich. Es gibt über 100 im Bundespräsidialamt. Ilse Aigner wird juristisch perfekt gerüstet sein. Sie weiß in puncto Gesetzgebung aus ihrer Ministerinnenzeit viel mehr als die meisten Juristen. Und sie würde, wenn sie gewählt würde, besonnen und konsequent agieren.
Einwand 3: Sie gilt nicht als große Rednerin.
Das sehe ich anders. Ja, sie redet nicht wie Gauck, aber sie kommt aus einer anderen Erfahrungswelt. Und das ist gut so. Wer sie hört, weiß, dass sie nicht abstrakt und abgehoben spricht. Weil sie eine gute Mischung aus Esprit, Fachwissen und Verständlichkeit hat. Ilse findet am Stammtisch und im Festsaal die richtigen Worte. Gerade jetzt am Montag hat sie in Berlin bei einem Charity-Dinner des "Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas" eine glasklare Rede zur Verteidigung der Demokratie gehalten. Und gegen den grassierenden Antisemitismus. Ilse hat die richtigen Werte. Und die richtigen Worte, die phrasenfrei daherkommen. Sie redet nicht verschwurbelt, sondern verständlich. Und immer wieder klingt ihre Menschlichkeit durch, ihr christliches Menschenbild. Das ist wichtiger als eine verkopfte wissenschaftliche Rhetorik. Ilse hebt nie ab, sie ist alles andere als elitär. Auch deshalb ist sie die beste Antwort gegen die Spaltung der Gesellschaft, dieses Land driftet ja immer mehr auseinander.
Ilse lebt ein selbstbestimmtes Leben, sie ruht in sich, hat viele Freunde und eine tolle Familie
Einwand 4: Ilse Aigner ist Single, hat keinen Mann an ihrer Seite. Das gab es noch nie. Die Gattinnen haben immer eigene Repräsentationsaufgaben übernommen.
Gegenfrage an ihre Gegner: Sind wir in einem aufgeklärten Zeitalter? Ich bin auch Single, mir begegnen solche Fragen immer wieder. Wir sind doch nicht nur etwas wert, wenn wir einen Mann an unserer Seite haben. Ich lebe wunderbar ohne Mann, Ilse auch. Ilse lebt ein selbstbestimmtes Leben, sie ruht in sich, hat viele Freunde und eine tolle Familie und leidet nicht an Männerphobie oder Phobie gegen wen oder was auch immer. Und Schirmherrschaften, die früher die Frauen der Präsidenten übernommen haben, die wird Ilse selbst betreuen. Oder andere fähige Leute ihres Vertrauens anfragen.
Lesbische Liebe? Klare Ansage von Monika Hohlmeier
Zeitweise wurde Ilse Aigner von den ach so lieben Parteifreunden der CSU sogar ein Liebesverhältnis mit Ihnen nachgesagt.
Politik kann manchmal bösartig sein: Wenn man keinen Mann hat, wird man plötzlich in eine Schublade gesteckt, die einem hoffentlich schadet. Was für ein Schmarrn, einfach degoutant. Ilse und ich sind von Herzen befreundet, aber sind beide auf Männer gepolt, ist nicht zu ändern. Wenn wir lesbisch wären, würden wir es offen zeigen, das ist ja heute kein Problem mehr, wir leben ja nicht im Gazastreifen. Auch in der CSU gibt es homosexuelle Kolleginnen und Kollegen, und manch einer hat das bewusst öffentlich gemacht, andere sehen das als ihre private Angelegenheit. Jeder soll das so entscheiden, wie er will. In Bayern gilt "Leben und leben lassen!" Aber wieso wird heute eigentlich alles sexualisiert? Die Wahrheit ist banaler: Starke Frauen wie Ilse und ich haben es nicht ganz leicht, einen richtigen Partner zu finden, weil wir so viel unterwegs sind, an sieben Tagen pro Woche politisch beansprucht werden und stark mit allen positiven und negativen Auswirkungen in der Öffentlichkeit exponiert sind. Viele Männer kommen damit nicht so gut zurecht, im Hintergrund zu sein. Das braucht eine starke Persönlichkeit und viel Resilienz. Viele wollen das einfach nicht. Ilse und ich wissen, dass wir uns felsenfest aufeinander verlassen können. In meinen schlimmsten politischen Krisen war sie an meiner Seite. Sie ist nicht nur eine Schönwetterfreundin.

Ist es heute noch ein Nachteil, Frau in der Politik zu sein – oder aktuell sogar ein Vorteil? Männer haben ja diesmal keine Chance, Bundespräsident zu werden.
Weder noch. Es ist schon mal ein deutlicher Fortschritt, dass wir in unserer Gesellschaft endlich bereit sind, eine Bundespräsidentin haben zu wollen. Dass es so spät ist, ist schade. Ich hoffe, dass Ilse Aigner Geschichte schreiben kann. Gerade weil sie kein typischer Machtmensch ist.
