Phil Hackemann (24): CO2 macht nicht an Grenzen halt

Der bayerische FDP-Spitzenkandidat für die Europawahl spricht im Interview mit der AZ über Klimapolitik, junge Europäer und Populismus.
| Interview: Julia Sextl
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Phil Hackemann (24) vor einer magentafarbenen Wand – einer der Farben im FDP-Logo.
FDP Phil Hackemann (24) vor einer magentafarbenen Wand – einer der Farben im FDP-Logo.

München - Phil Hackemann im AZ-Interview: Der Münchner ist Spitzenkandidat der Bayern-FDP für die Europawahl – und noch Student. Derzeit macht er seinen Master in Europäischer Politik in London.

AZ: Herr Hackemann, nachträglich noch herzliche Glückwünsche zum Geburtstag! Sie sind kürzlich 24 Jahre alt geworden. Werden Sie oft auf ihr Alter angesprochen?
PHIL HACKEMANN: Dankeschön! Ja, klar werde ich oft angesprochen. Falls ich gewählt werden sollte, wäre ich möglicherweise sogar der jüngste Abgeordnete im Parlament, das ist natürlich ein Thema. Einige sagen vielleicht, der hat ja noch keine Lebenserfahrung. Aber es ist doch toll, wenn wir auch junge Leute im Europaparlament vertreten haben. Weil wir eben einen ganz anderen Blick auf Europa haben. Ich bin deshalb stolz darauf, dass die FDP viele junge Leute auf ihre Liste gewählt hat.

Was wollen Sie für die jüngere Generation in Brüssel erreichen?
Gerade für junge Leute finde ich ein Thema wichtig, das wir in Deutschland relativ wenig auf dem Schirm haben: die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa. Die werden wir allerdings nicht durch eine europäische Arbeitslosenversicherung oder einen europäischen Mindestlohn bekämpfen.

Hackemann: Masterarbeit und Wahlkampf gleichzeitig

Was ist Ihre Idee dazu?
Wir als FDP wollen eine Bildungsfreizügigkeit einführen. Damit es diesen jungen Leuten erleichtert wird, im europäischen Ausland einen Job oder eine Ausbildung anzunehmen. Freizügigkeit besteht zwar formell, gestaltet sich in der Praxis aber häufig schwierig. Wir wollen, dass Sprachbarrieren und Anerkennungshürden von Abschlüssen abgebaut werden, der Austausch erleichtert wird und damit auch die Chance, die bestehende Freizügigkeit wirklich zu nutzen. Das würde gleichzeitig auch Unternehmen helfen, die händeringend nach Fachkräften suchen.

Als Deutscher, der in London gerade seinen Master in Europäischer Politik macht, erleben Sie das ja hautnah mit. Wie lange dauert Ihr Studium noch?
Ich bin im Moment in meiner Prüfungsphase. In zwei Wochen ist die letzte Prüfung, dann bin ich fertig und schreibe nur noch meine Masterarbeit.

Und gleichzeitig machen Sie Wahlkampf – wie schaffen Sie das alles?
Das ist zwar im Moment alles ein bisschen stressig, aber ich krieg das schon hin. Europa ist schon immer ein Herzensprojekt von mir gewesen. Deshalb kämpfe ich dafür.

Woher kommt Ihr großes Interesse?
Europa ist einfach ein großartiges Projekt. Viele aus meiner Generation nehmen es als selbstverständlich hin, weil sie bereits in einem Europa des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands aufgewachsen sind. Aber es ist nicht selbstverständlich. Europa ist in Gefahr: Wir erleben im Moment einen Anstieg des Nationalismus in Europa. Das besorgt mich schon sehr. Und deshalb ist es mir wichtig, nicht nur zu betonen, wie relevant das Projekt Europa als solches ist – sondern auch, dass wir es noch weiter verbessern müssen.

Inwiefern?
Europa hat sich in den letzten Jahren viel um die kleinen Dinge des Alltags gekümmert, ohne aber handlungsfähig in den großen Problemen unserer Zeit zu sein. Etwa in der Einwanderungs- Klima-, Außenpolitik. Das muss sich endlich ändern.

Sie haben von London aus ja ohnehin eine ganz spezielle Perspektive auf die EU. Wie sind Ihre Beobachtungen?
Es ist sehr ernüchternd zu sehen, zu was Populismus, der ja auch in Großbritannien bereits seit Jahren herrscht, führt. Insbesondere der Brexit hat gezeigt, dass die Populisten zwar immer ganz laut sagen, was sie alles nicht wollen – ohne aber Alternativlösungen anzubieten. Dieses Chaos erlebe ich persönlich gerade in London. Und das ist hochgefährlich, denn wir haben in der Vergangenheit ja gesehen: Nationalismus führt letztendlich immer zu neuen Konflikten. Aber am Brexit sind nicht nur die Populisten schuld.

Wer oder was noch?
Sehr häufig wird für alle möglichen Probleme Brüssel verantwortlich gemacht und der Europäischen Union der Schwarze Peter zugeschoben. Und alles, was gut läuft, schreibt man sich selbst auf die Fahnen. Das ist auch in Deutschland so. Dabei gehen viele bürokratische Regelungen, die Brüssel angehängt werden und als Regierungswut der EU dargestellt werden, auch auf deutsche Initiativen zurück. Wenn man so etwas über Jahre hinweg betreibt und nie die Vorteile von Europa erklärt, dann führt das eben zu so etwas wie dem Brexit.

Großbritannien plant den Ausstieg, die Türkei will rein – was halten Sie davon, dem Land weiterhin die Tür für eine EU-Mitgliedschaft offenzuhalten?
Gar nichts. Die Türkei ist im Moment immer noch in den Beitrittsgesprächen. Und man muss ganz ehrlich sagen: unter Erdogan macht das so einfach keinen Sinn mehr. Es gibt dort grundsätzliche Probleme in der Rechtsstaatlichkeit, was mit unseren europäischen Werten nicht vereinbar ist. Und die Beitrittsverhandlungen sind ja eigentlich auch nur Scheinverhandlungen, da geht seit Jahren nichts voran. Deshalb bin ich auch dafür, die Vorbeitrittszahlungen, die wir jährlich an die Türkei leisten, einzustellen und die Partnerschaft stattdessen auf andere Füße zu stellen.

Nochmal zurück zur Wahl am Sonntag: Wofür setzen Sie sich konkret ein – und was hat Bayern davon, sollten Sie ins Parlament gewählt werden?
Unser Wohlstand geht zu großen Teilen darauf zurück, dass wir in Europa frei handeln können. Wir dürfen nicht dem Irrglauben unterliegen, dass Bayern der Zahlmeister Europas wäre – das Gegenteil ist der Fall: Wir profitieren massiv von der europäischen Einigung. Deshalb müssen wir sie auch weiterhin stärken. Das heißt, wir müssen den Binnenmarkt stärken und in Zukunftstechnologien investieren, damit wir Vorreiter bleiben und uns nicht von den Chinesen und Amerikanern überholen lassen. Die digitalen Champions sollten hier in Bayern entstehen.

Hackemann: Viele Menschen unterschätzen die Europawahl

Sie nannten vorhin auch noch Einwanderungs-, Klima- und Außenpolitik ...
Das sind Themen, die in den letzten Jahren leider immer aufgeschoben worden sind. In der Außenpolitik müssen wir endlich mit einer Stimme sprechen. Wir stehen riesigen geopolitischen Herausforderungen gegenüber, und noch immer leistet sich Europa 28 verschiedene Außen- und Verteidigungspolitiken. Und in der Einwanderungspolitik müssen wir endlich ein gemeinsames, geordnetes und humanes System inklusive Verteilungsschlüssel für Asylbewerber implementieren. Auch in der Klimapolitik müssen wir europäische Instrumente stärken. CO2 macht ja nicht einfach an Grenzen halt. Hier müssen wir insbesondere den Zertifikathandel stärken, damit Europa auch in 50 Jahren noch ein lebenswerter Kontinent ist.

Wie sehr sehen Sie diesen in Gefahr?
Wenn Europa jetzt weiter im Stillstand versackt oder gar rückabgewickelt wird, wie es die Nationalisten fordern, wird meine Enkelgeneration diese Freiheit, den Frieden und Wohlstand so nicht mehr erleben können. Viele Menschen unterschätzen leider, dass die Europawahl tatsächlich sehr relevant ist: In den letzten Jahren hat das EU-Parlament immer mehr Macht bekommen und ist inzwischen gleichberechtigter Gesetzgeber. Das bedeutet, bei dieser Wahl entscheidet sich tatsächlich, in welcher Form wir die Politik in Europa künftig gestalten.

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