Krebs-Patient kämpft gegen Diesel-Abgase

Olaf Pint (65) ist der Kehlkopf entfernt worden. Seither atmet der Passauer durch ein Loch im Hals. Dessen Filter zeigen, wie dreckig die Luft ist. Die Behörden müssen etwas dagegen tun, findet er.
| Hubert Denk
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Krebspatient Olaf Pint aus Passau mit dem Filter im Hals.
Mediendenk Krebspatient Olaf Pint aus Passau mit dem Filter im Hals.

Passau - Olaf Pint (65) fotografiert den Bus- und Schwerlastverkehr, der in der Passauer Innenstadt an seinem Balkon vorbeizieht. „28 Busse an einem Sonntag in zwei Stunden“, erzählt der Rentner und Hobbyfotograf von seiner letzten Fotoausbeute. Manchmal sind es auch fünf Busse in Kolonne. Er braucht sich nur auf seinen Balkon zu setzen, dann sieht er sie auf der Wiener Straße vorbeirauschen.

Er hat seine Bilder auch ans Passauer Rathaus geschickt und ein Schreiben angehängt: „Nun frage ich Sie, wo die Fürsorgepflicht der Stadt gegenüber der Bevölkerung bleibt? Diesel-Abgase sind nachweislich krebserregend – und die Stadt tut nichts gegen die gesundheitlichen Belastungen.“

Olaf Pint ist selbst jahrzehntelang Fernfahrer gewesen

Der Empfänger der Nachricht, der Abteilungsleiter für Straßenverkehr, hat ihm nach zwei Wochen immer noch nicht geantwortet. Er kennt wohl die Hintergründe nicht, warum dieser Bürger sich dafür einsetzen will, dass Dieselfahrzeuge aus dem Stadtverkehr verdrängt werden.

Olaf Pint war selbst Fernfahrer und Busfahrer. Die ersten 20 Jahre war der gebürtige Stuttgarter mit Sattelzügen von Wien bis Hamburg unterwegs; ab 1993 als Busfahrer bei „Regionalbus Ostbayern“ (RBO).

„Mit Diesel und Öl hatte ich immer Kontakt“, sagt er. Sie haben die Fahrzeuge betankt und damals noch selbst abgeschmiert. Sie haben Dämpfe und Abgase eingeatmet. Haben sich nie etwas dabei gedacht.

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Diesel sei der sauberste Kraftstoff überhaupt und absolut ungefährlich, habe man ihnen damals weisgemacht. Heute weiß man es besser: „Bis 2050 könnten 6,6 Millionen Menschen an der Belastung der Luft mit Schadstoffen sterben“, schreibt etwa die Max-Planck-Gesellschaft im Internet.

Erst war es ein Kitzeln im Hals, dann Heiserkeit und Druckgefühl. RBO-Busfahrer Olaf Pint konsultierte daraufhin im Januar 2010 einen Arzt. Die Diagnose: Kehlkopfkrebs.

Zwei Monate später wurde er in Straubing operiert. Es folgte eine Reha in Bad Reichenhall. Dass der Krebs mit seinem Beruf zu tun haben könnte, mit Dieseldämpfen und Abgasen, wollten die Ärzte nicht von der Hand weisen. Aber ein Nachweis ließ sich nicht erbringen. Mit dem Rauchen hatte er 15 Jahre zuvor aufgehört.

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Es gibt mehrere Faktoren, die Kehlkopfkrebs auslösen können. Die Berufsgenossenschaft lehnte die Anerkennung einer Berufskrankheit ab. Heute stünden bei seinen Kollegen die Chancen vielleicht besser, glaubt der 65-Jährige.

Mit der Entfernung des Kehlkopfes verlor Olaf Pint nicht nur seine Stimme, sondern auch die Verbindung zwischen Nase und Lunge. Die Sprache gaben sie ihm mit einer Stimmprothese zurück.

Als Ersatz für die Nasenatmung, einen wichtigen Filter bei der menschlichen Atmung, setzten ihm die Ärzte einen künstlichen Filter in den Hals. „Ich atme durch ein Loch im Hals“, erklärt Pint. Die Luftfilter für dieses Loch, weiße runde Schwämmchen, muss er normalerweise alle 24 Stunden wechseln.

Olaf Pint hat der AZ eine Aufnahme geschickt, die seine künstlichen Luftfilter zeigt. Einen neuen und einen gebrauchten nach einem Spaziergang von der Innenstadt in die Altstadt und zurück. Letzterer zeigt den Dreck, den er im Stadtverkehr eingeatmet hat und den „Nasenatmer“ sonst nicht zu Gesicht bekommen.

Mit Verspätung kommt dann doch noch eine Antwort von der Stadt Passau. Sie ist allerdings wenig befriedigend: Was den Bus-und Schwerlastverkehr durch Pints Stadtteil anbelange, seien der Kommune die Hände gebunden. Die Route durch Gassen und Wohngebiete sei als Staatsstraße ausgewiesen, verbindet Bayern mit dem österreichischen Donautal.


Stickstoffdioxid - Grenzwert in München deutlich überschritten:

Eine hohe Belastung der Luft mit Stickstoffdioxid bleibt ein Problem in bayerischen Städten. An der Landshuter Allee in München lag die Belastung im Jahr 2016 im Jahresmittelwert bei 80 Mikrogramm pro Kubikmeter und überschritt damit den Grenzwert von 40 Mikrogramm um das Doppelte. Auch am Stachus (56 Mikrogramm) wurde der Grenzwert überschritten.

Schuld sind nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) vor allem Diesel-Autos. Überall in Deutschland atmen Stadtbewohner laut UBA weiter zu viel gefährliches Stickstoffdioxid ein. An 57 Prozent der Messstationen an stark befahrenen Straßen überschritten die Werte 2016 im Jahresmittel den Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter.

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Besser sah es im vergangenen Jahr in Bayern und ganz Deutschland in Sachen Feinstaubbelastung aus. An 15 Tagen lag der Wert an der Landshuter Allee über 50 Mikrogramm pro Kubikmeter. Erlaubt sind bis zu 35 Tage. Grund zur Entwarnung gebe es aber auch da nicht, betonte eine Sprecherin des Umweltbundesamtes (UBA) weiter. Hohe Konzentrationen von Feinstaub und Stickstoffdioxiden können zu Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen führen.

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