Kinderholungsheime in Bayern: Verschickt und verängstigt

Was hat sich in Bayerns Kindererholungsheimen abgespielt? Die SPD will, dass die Vorfälle von 1950 bis 1980 untersucht werden.
| sd, rom
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Betroffene berichten davon, zum Beispiel in Berchtesgaden gewesen zu sein - nachts zur Toilette und Heimweh waren nicht erlaubt.
Betroffene berichten davon, zum Beispiel in Berchtesgaden gewesen zu sein - nachts zur Toilette und Heimweh waren nicht erlaubt. © picture alliance/dpa

Bayern - Statt erholsamen Ferien an einem See oder in den Bergen soll es oftmals ein Albtraum zwischen Schlägen und erzwungenem Erbrochenem gewesen sein: Die oppositionelle SPD will jetzt untersuchen lassen, was sich zwischen 1950 und 1980 wirklich in sogenannten Kinderholungsheimen in Bayern abgespielt hat.

Ein entsprechender Antrag soll an diesem Donnerstag im Sozialausschuss des Landtags behandelt werden, sagte die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und Ausschussvorsitzende, Doris Rauscher, gestern in München.

Misshandlungen in Kindererholungsheimen

"Die Kuren sollten der Erholung und der Gesundheit der Kinder zwischen zwei und 14 Jahren dienen. Sie waren vollkommen von ihren Eltern getrennt. Bei den Aufenthalten ist es immer wieder zu Misshandlungen gekommen", so Rauscher in einer Mitteilung der SPD. Manche litten bis heute unter diesen Erfahrungen in ihrer Kindheit.

Berichten zufolge wurden Kinder teils zum Essen gezwungen, mussten manchmal sogar Erbrochenes wieder zu sich nehmen; sie wurden teils geschlagen oder gedemütigt. Es soll sogar Todesfälle gegeben haben. Manche Kinder seien erst zwei Jahre alt gewesen.

Obwohl sich in Bayern ein Viertel der Kurheime in Deutschland befunden habe, sei wenig darüber bekannt, wie viele Kinder dort waren und wer für mögliche Misshandlungen verantwortlich war, sagte Rauscher. Die Staatsregierung solle deshalb eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung beauftragen. Das Leid von damals müsse anerkannt werden.

"Verschickung": Angst statt Urlaub

Die sogenannte "Verschickung" sei als eine Art Urlaub gepriesen worden, doch die Realität sei teils eine andere gewesen, berichten Betroffene. "Wir waren immer in einer Atmosphäre der Angst", sagte etwa Hilde Haushofer, die als Elfjährige ins Berchtesgadener Land geschickt wurde. Man habe nachts nicht zur Toilette gehen dürfen. Briefe an die Eltern seien zensiert worden. "Es war verboten, das Wort Heimweh zu benutzen."

Ingrid Runde, Mitglied der Initiative Verschickungskinder Bayern, die im Jahr 1960 als Zehnjährige für sechs Wochen von Hamburg in den Freistaat kam, weil sie angeblich zu dünn war und deshalb essen musste, berichtete, am Ende der Kur sei sie krank geworden und habe nur noch erbrochen.

Die Kuren wurden von Ärzten verschrieben und von der Kranken- oder Rentenversicherung finanziert. Einer Erhebung zufolge waren im Jahr 1964 in Bayern rund 13.500 Kinder in etwa 215 Heimen untergebracht, bundesweit waren etwa 71.500 Kinder in 850 Heimen. Nach Schätzungen waren insgesamt wohl drei bis zwölf Millionen Kinder bundesweit betroffen.

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Bayerns Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) sagte gestern dazu, aufgrund der bundesweiten Geschehnisse hätten sich die Länder bereits auf eine gemeinsame Vorgehensweise geeinigt und den Bund um die Erteilung eines entsprechenden Forschungsauftrages gebeten. Dabei sollten die Zahl der Betroffenen ebenso wie die institutionellen und strukturellen Rahmenbedingungen umfassend aufgeklärt werden.

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