Der Mann, der für die kleinen Leute sprach

Er sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war, teilte gegen die politische Konkurrenz aus und wusste, was die Menschen auf dem Land bewegte. Hubert Aiwanger machte seine Herkunft zum Markenzeichen – und wurde damit zu einer der schillerndsten Figuren der bayerischen Politik.
AZ/dpa |
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Aiwanger trat in Festzelten wie im Landtag meist ohne Manuskript ans Mikrofon.
Aiwanger trat in Festzelten wie im Landtag meist ohne Manuskript ans Mikrofon. © Uwe Lein/dpa

Er war das Gesicht, die Stimme und der starke Mann der Freien Wähler. Er war streitlustig, streitbar und umstritten. Als Vollblutpolitiker erlangte Hubert Aiwanger auch bundesweit Bekanntheit – nicht zuletzt mit seinem markanten niederbayerischen Dialekt. Nun ist der Bundes- und Landesvorsitzende seiner Partei überraschend im Alter von 55 Jahren gestorben.

Der zweifache Vater wurde am Mittwoch tot in einem Berliner Hotelzimmer entdeckt. Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigte den Fund. Es sei ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet worden, um "die konkrete Todesursache und den Hergang des Todes herauszufinden sowie ein mögliches Fremdverschulden auszuschließen", hieß es in einer Mitteilung.

"Der plötzliche Tod von Hubert Aiwanger ist eine absolute Tragödie"

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder schrieb auf der Plattform X: "Der plötzliche Tod von Hubert Aiwanger ist eine absolute Tragödie. Wir sind alle zutiefst geschockt. Unsere Gedanken sind nun zuerst bei seiner Familie und seinen Kindern. Wir trauern mit ihnen und beten für sie." Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) schrieb auf Instagram: "Sein völlig unerwarteter Tod ist ein schwerer Verlust für den Bayerischen Landtag und für die gesamte Politik in Bayern." Auch die Opposition reagierte geschockt.

Am Nachmittag hätte Aiwanger nach dpa-Informationen bei der Eröffnung eines Hauptstadtbüros der Freien Wähler eine Rede halten sollen. Er hatte sich jedoch aus gesundheitlichen Gründen abgemeldet und vertreten lassen. Später war er nicht mehr erreichbar und wurde schließlich leblos in seinem Zimmer entdeckt. Der Niederbayer aus Rottenburg an der Laaber hatte zwei Kinder und lebte mit der Regensburger Freie-Wähler-Landrätin Tanja Schweiger zusammen.

Seit 2008 im Landtag, seit 2018 Minister

2008 zog Aiwanger mit seinen Freien Wählern erstmals in den bayerischen Landtag ein und wurde Fraktionschef. Zehn Jahre später, 2018, schmiedeten CSU und Freie Wähler eine Koalition. Aiwanger wurde Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident.

Eine Zäsur war der Spätsommer 2023. Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Bayern holte ihn ein antisemitisches Flugblatt aus längst vergangenen Tagen ein, das während seiner Schulzeit bei ihm gefunden worden war. Die Regierungskoalition mit der CSU stand am Rand des Scheiterns, Aiwanger drohte der Rausschmiss. Doch bei der Wahl wenige Wochen später feierten die Freien Wähler mit 15,8 Prozent ein neues Rekordergebnis.

Unter seiner Führung feierten die Freien Wähler zahlreiche Wahlerfolge in Bayern – zuletzt bei den Kommunalwahlen im Frühjahr.
Unter seiner Führung feierten die Freien Wähler zahlreiche Wahlerfolge in Bayern – zuletzt bei den Kommunalwahlen im Frühjahr. © Armin Weigel/dpa

Begnadeter Festzeltredner mit markantem Dialekt

Mit Aiwanger verliert Bayern eine Persönlichkeit, die in der an besonderen Charakteren nicht armen Landespolitik stets herausstach. Das lag nicht nur an seinem markanten Dialekt, der aus einem normalen Glas Apfelsaft schon einmal einen "Opflsoft" machte. Auch seine Fähigkeit, politische Reden auf Parteitagen, in Bierzelten oder im Landtag ohne Manuskript zu halten – dafür aber mit der ein oder anderen Redundanz –, machte ihn besonders.

Was seine politischen Widersacher allerdings ebenfalls anerkannten, war etwas anderes: Aiwangers Gespür für die Themen der "kleinen Leute".

Zeitlebens war es ihm wichtig, sich von jenem Profi-Politikertum zu distanzieren, das er am Ende selbst sieben Tage die Woche lebte. Bei dem 55-Jährigen klang das dann so: "Wir sehen eine Regierungsbeteiligung nur als notwendiges Übel, um die Zukunft des Landes weiter zu gestalten." Die politischen Fehler "von denen da oben" in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten machten es für ihn notwendig, selbst Verantwortung zu übernehmen. "Ansonsten würde ich vielleicht Bäume pflanzen und Schweine füttern."

Vom Schweinezüchter zu Söders Vize

Apropos Schweine: Bevor sich Aiwanger vor der Kommunalwahl 2002 den Freien Wählern anschloss, züchtete er erfolgreich Schweine. Aus seiner bäuerlichen Herkunft machte er nie einen Hehl – im Gegenteil. Insbesondere bei politischen Auseinandersetzungen mit den Grünen stellte er sich gern als Landbewohner dar, der von "elitären Städtern" missverstanden werde.

Überhaupt versuchte Aiwanger in seinen Reden häufig, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Dabei wählte er mitunter eigenwillige Formulierungen: "Wenn wir nicht wären, würden die einschlafen und in ihrem eigenen Saft ersticken", sagte er einmal über seine politische Konkurrenz.

Zu Aiwangers Stärken zählte auch seine Hartnäckigkeit. Bei politischen Themen blieb er stets am Ball – selbst wenn der ganze Landtag lachte oder stöhnte, als er noch in der Opposition war.

Regierungspartner und politische Rivalen: CSU-Chef Markus Söder und Hubert Aiwanger.
Regierungspartner und politische Rivalen: CSU-Chef Markus Söder und Hubert Aiwanger. © dpa/Lukas Barth-Tuttas

Ein großer politischer Traum blieb unerfüllt

Selbst seine Kritiker hielten Aiwanger für politisch begabt – allerdings auch für einen begabten Populisten. Innerhalb der Partei warfen ihm Gegner zeitweilig einen egozentrischen Führungsstil vor. Aiwanger blieb dennoch seit 2006 unangefochtener Landes- und seit 2010 auch Bundesvorsitzender. In wenigen Tagen wollte er sich erneut als Bundeschef bestätigen lassen.

Unter seiner Führung feierten die Freien Wähler zahlreiche Wahlerfolge in Bayern – etwa nach der Flugblatt-Affäre 2023 und zuletzt bei den Kommunalwahlen im Frühjahr. Dabei konnten sie der CSU prestigeträchtige Landratsposten abjagen. Wieder einmal ging Aiwanger gegen den politischen Partner und Rivalen zumindest als gefühlter Sieger vom Feld.

Tatsächlich kann man Aiwanger nicht vorwerfen, dabei nicht bodenständig geblieben zu sein. Heimat des Agraringenieurs und zweifachen Vaters war ein Bauernhof bei Rottenburg an der Laaber in Niederbayern. Das bedeutete allerdings nicht, dass er keine politischen Visionen hatte. Zumindest zu seinen Lebzeiten blieb ein großer Wunsch unerfüllt: der Einzug der Freien Wähler in den Bundestag.

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