Schwerer Schlag für Bayerns Politik: Aiwanger ist nicht ersetzbar
Wenn ein Politiker aus welchen Gründen auch immer unerwartet aus dem Amt scheidet, heißt es von seiner Partei routinemäßig "Er/sie wird uns fehlen." Den Freien Wählern (FW) wird Hubert Aiwanger im wahrsten Sinne des Wortes fehlen. Für die Partei, die vor allem dank der Anstrengungen des Vorsitzenden seit 2008 im bayerischen Landtag sitzt und seit 2018 an der Staatsregierung beteiligt ist, ist sein unerwarteter Tod ein wahres Desaster – "eine absolute Tragödie", wie Ministerpräsident Markus Söder (CSU) formulierte.
Seit seiner ersten Wahl zum Vorsitzenden des bayerischen FW-Landesverbands ackerte der niederbayerische Landwirt und Diplom-Agraringenieur, um seine Partei "groß" zu machen, nämlich zu einer landespolitischen und irgendwann auch zu einer bundespolitischen Kraft. Aiwanger war keiner, dem der Erfolg in den Schoß fiel.
Hauptsächlich seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zu verdanken, dass die FW zunächst im Landtag und dann in der Staatsregierung landeten – begleitet stets von der Skepsis von Teilen der Partei, die als Schuster bei ihren Leisten, sprich: in der Kommunalpolitik, bleiben wollten.
Aiwangers Tod reißt viele Löcher
Aiwanger war der einzige Politiker im Freistaat, der außer CSU-Chef Söder Bierzelte füllen und begeistern konnte. Über diese Strahlkraft, die durch gelegentliche verbale Ausrutscher eher verstärkt wurde, verfügte kein anderer in seiner Partei. Getrieben wurde Aiwanger dabei von der Überzeugung, dass der Bekanntheitsgrad der Partei oder eines Politikers Grundvoraussetzung für den Erfolg ist. Auch deshalb schrammte er gelegentlich knapp an der Brandmauer nach rechts vorbei.
Aiwangers Tod reißt viele Löcher. Zum großen Teil waren die Freien Wähler in Bayern Aiwanger und Aiwanger war die Freien Wähler. Niemand ist unersetzlich, aber wie das in diesem Fall geschehen soll, ist derzeit völlig offen. Ein neuer Wirtschaftsminister und ein stellvertretender Ministerpräsident werden sich relativ rasch finden lassen, aber mit einem halbwegs charismatischen Parteiführer wird man sich schwertun.
Aiwangers Lebensziel: Bundeswirtschaftsminister unter der Union
Es wird für die FW auch darum gehen, Aiwangers Wählerschaft bei der Stange zu halten: Landwirte, Jäger und die Landbevölkerung ganz allgemein, die in Aiwanger einen der ihrigen sahen. In den Städten hingegen konnte man mit der hemdsärmeligen Art des Mannes aus Niederbayern weniger anfangen.
Eines kann man mit einiger Sicherheit vorhersagen: Die zähen Bemühungen Aiwangers, seine Partei als Kraft des "gesunden Menschenverstands" in den Bundestag zu bringen, werden wohl jetzt erst einmal auf Eis gelegt, wenn nicht gar ganz aufgegeben. Aiwangers Ziel – womöglich Lebensziel – war, Bundeswirtschaftsminister in einer unionsgeführten Bundesregierung zu werden. Es hat etwas Symbolisches, dass er am Mittwoch ein FW-"Hauptstadtbüro" als einen weiteren Schritt auf dem Weg dorthin eröffnen wollte, wozu er nicht mehr kam.
