Corona-Testchaos: Bayerns Labore sind am Limit

Ohne die Hilfe aus anderen Bundesländern geht es nicht, schildert ein Arzt. Der Druck, die Teststrategie zu ändern, wird größer.
| Ruth Schormann
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Geld für die vielen "Jedermann-Tests" in Bayern haben die Labore bisher vom Freistaat, der die Kosten dafür übernimmt, noch nicht bekommen, mahnt die FDP-Fraktion im Landtag. "Wir gehen davon aus, dass sich eine gute Lösung findet", sagt der Laborarzt Bernhard Wiegel.
Geld für die vielen "Jedermann-Tests" in Bayern haben die Labore bisher vom Freistaat, der die Kosten dafür übernimmt, noch nicht bekommen, mahnt die FDP-Fraktion im Landtag. "Wir gehen davon aus, dass sich eine gute Lösung findet", sagt der Laborarzt Bernhard Wiegel. © Hendrik Schmidt/dpa

München - Der stellvertretende Vorsitzende des Verbands der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM), Jan Kramer, setzt große Hoffnungen auf die neuen Test-Empfehlungen des Robert Koch-Instituts , um die überforderten Labore in Deutschland wieder zu entlasten. "Was wir nicht schaffen können in den medizinischen Laboren, ist, wenn jegliche Erkältungssymptomatik abgeklärt wird", sagt der Internist und Laborarzt.

Bayerische Testlabore am Limit

In Bayern ächzen die Labore besonders. Im Freistaat gilt bislang, dass jeder, der einen Corona-Test möchte, einen machen lassen kann. Nun hat etwa die Landesärztekammer die von der Staatsregierung bezahlten Corona-Tests für Bürger ohne Symptome kritisiert, weil die Labore dadurch überlastet würden.

Kritik kommt auch von der SPD: Deren gesundheitspolitische Sprecherin Ruth Waldmann teilt mit: "Aus meiner Sicht ist es höchste Zeit, die immer wieder angekündigte Priorisierung strikt umzusetzen. Zuerst müssen besonders gefährdete und vulnerable Gruppen getestet werden, die Ergebnisse gebündelt ausgewertet und effizienter nachverfolgt werden."

Bernhard Wiegel, Laborarzt und Obmann der bayerischen Landesgruppe des Berufsverbands Deutscher Laborärzte, sagt der AZ: "Wir hier in Passau, aber auch in allen bayerischen Laboren, sind äußerst gut ausgelastet und schieben Überhänge vor uns her." Überstunden stünden ohnehin auf der Tagesordnung, auch, weil gutes Personal rar und die finanziellen Ressourcen knapp seien.

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Bayern kann auch Labore in anderen Bundesländern beauftragen

Was ihm und seinen Kollegen helfe, seien Partnerlabore außerhalb Bayerns. "Gott sei Dank hat uns die Staatsregierung erlaubt, auch außerbayerische Labore zu beauftragen und das tun wir seit mehreren Wochen. Diese Partner außerhalb helfen uns - idealerweise sind es welche aus Bundesländern, wo Corona nicht ganz so stark auftritt", sagt Wiegel.

Er findet aber, Bayerns Teststrategie sei "unberechtigterweise in der Kritik". Denn sie habe niedrigschwellig jedem für alle Eventualitäten eine Testmöglichkeit eröffnet, sei es vor einer OP oder einem Besuch im Krankenhaus. Bei der hohen Auslastung momentan spielten das Krankheitsgeschehen und die Versorgung von Mitarbeitern in der Pflege eine größere Rolle als die Tests für jedermann. Ähnlich äußerte sich das Gesundheitsministerium kürzlich.

Wiegel meint, "der bayerische Bürger bekommt ja mit, dass derzeit viel los ist, und überlegt sich zusammen mit dem Hausarzt gut, ob er das Testangebot in Anspruch nimmt oder nicht".

Testkapazität bundesweit erstmals zu 100 Prozent ausgereizt

Der Verband ALM hatte in dieser Woche auf Basis von Daten aus 162 Laboren berichtet, die Testkapazität sei bundesweit erstmalig zu 100 Prozent ausgereizt. Bei Fortsetzung einer solchen Überflutung mit Proben, einem möglichen Geräte- oder Personalausfall drohe ein Zusammenbruch der Versorgung.

Kramer sagt, eine tragbare Auslastung läge etwa bei 65 bis 85 Prozent: "Wenn man darüber kommt, dann laufen die Lager für Reagenzien und Verbrauchsmaterialien, die wir für diese Teste benötigen, leer."

Die wegen der Pandemie international gefragten Materialien würden rationiert an Labore abgegeben. Wiegel sagt: "Mal fehlt dem einen was, mal dem anderen. Und die Nachfrage ist eben weltweit überall da. Die Industrie kann nicht hexen."

Wann soll jetzt getestet werden?

Gemäß einer neuen RKI-Empfehlung sei ein Test auf Corona nur angezeigt bei schweren Symptomen der Atemwege - bei akuter Bronchitis, Lungenentzündung, Atemnot und Fieber -, bei Störungen von Geruchs- und Geschmackssinn, bei Symptomen nach direktem Kontakt mit einem bestätigten Covid-19-Fall oder bei akuter Verschlechterung des Krankheitsbildes.

Mit einem Test abgeklärt werden sollten demnach auch akute Atemwegsprobleme bei Risikogruppen und bei Menschen, diein medizinischen Einrichtungen und in der Pflege arbeiten.

Das RKI schreibt in seinen "Anpassungen für die Herbst- und Wintersaison" der Testkriterien, es sei "nicht vorgesehen und nicht möglich", im Herbst und Winter alle Personen mit Schnupfen oder Halsschmerzen auf eine SarsCoV-2-Infektion zu testen.

Dennoch: RKI-Vizechef Lars Schaade sagte kürzlich, dass Menschen, die nun trotz Symptomen nicht getestet werden könnten, weitere Ansteckungen verhindern sollten: "Sie sollten sich bitte fünf Tage isolieren und ihre Isolation danach erst beenden, wenn sie weitere 48 Stunden ohne Symptome waren." Im Fall einer Verschlechterung der Krankheitsanzeichen solle man sich testen lassen.

 

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