Interview

Corona-Koordinator Herrmann: "Das Virus richtet sich nicht nach dem Kirchenjahr"

Florian Herrmann, der "Corona-Koordinator" der Staatsregierung, denkt nach dem "Lockdown light" eher an ein "Weihnachten light". Und er spricht über die Situation in Kliniken, Schulen und Gastronomie.
| Clemens Hagen
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Wirbt in der bayerischen Bevölkerung immer wieder um Verständnis für die harten Corona-Maßnahmen der Staatsregierung: Florian Herrmann.
Wirbt in der bayerischen Bevölkerung immer wieder um Verständnis für die harten Corona-Maßnahmen der Staatsregierung: Florian Herrmann. © imago images/ZUMA Wire

München - AZ-Interview mit Florian Herrmann: Der 48-jährige CSU-Politiker ist seit 2018 Leiter der Bayerischen Staatskanzlei und seit August dieses Jahres auch "Corona-Koordinator" der Staatsregierung.

AZ: Herr Herrmann, Sie sind nicht nur Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, sondern seit Anfang August auch "Corona-Koordinator" der Staatsregierung - der undankbarste Job im Freistaat?
FLORIAN HERRMANN: Nein, aber es ist eine Aufgabe, der ich mit großem Respekt begegne, weil sie mit großer Verantwortung verbunden ist.

Sie bekamen diese Zusatzfunktion, als GesundheitsministerinMelanie Huml wegen diverser Testpannen in der Schusslinie stand. Heute ist Bayerns Strategie, die es jedem Bürger erlaubt, sich jederzeit testen zu lassen, erneut in der Kritik, weil die Labors am Anschlag sind. Ist es nicht höchste Zeit, sich auf Menschen mit Symptomen und deren Kontaktpersonen zu konzentrieren?
Unsere Teststrategie ist sehr erfolgreich, sie wird von der Bevölkerung sehr gut angenommen und sie ist sehr differenziert. Es geht in erster Linie um die Personen mit Symptomen und deren Kontaktpersonen. Aber auch um Reihentestungen, wenn es zum Beispiel in einem Seniorenheim zu einem Ausbruchsgeschehen kommt. Die Abrundung des Systems sind dann die Jedermann-Tests, ein, davon bin ich überzeugt, wichtiges Angebot an unsere Bürgerinnen und Bürger. Niemand soll um einen Test betteln müssen. Das würde ich nicht wollen.

Und die angespannte Lage in den Labors?
Fakt ist, wir haben in Bayern eine tägliche Kapazität von 78.000 Tests: 40.000 über die niedergelassenen Ärzte, dazu gibt es eine Kapazität von 38.000 Tests über unsere regionalen Testzentren, die die Kreisverwaltungsbehörden organisiert haben. Tatsächlich durchgeführt wurden in der letzten Woche im Schnitt 47.000 Tests, was einen ziemlichen Höhepunkt darstellt. Normalerweise schwankt der Wert zwischen 35.000 und 45.000 Tests täglich. Das heißt: Rechnerisch haben wir noch Luft nach oben. Wir prüfen, woher die Klagen kommen. Wir wollen nicht, dass Labors überfordert werden, wir nehmen deren Sorgen sehr ernst.

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Florian Herrmann: "Es geht nicht nur um Betten"

Ernst ist auch die Situation in den Krankenhäusern. Die AZ weiß von Fällen, dass auch in Bayern infiziertes Personal auf Covid-Stationen arbeiten muss, weil es nicht genug gesunde Ärzte und Pfleger gibt.
Wir beobachten die Entwicklung bei der Belegung der normalen Betten und der Intensivbetten mit Covid-Patienten mit Sorge. Deshalb wollen wir auch unbedingt runter, mindestens auf einen Inzidenzwert von 50. Das ist die Schlüsselzahl für alle Ableitungen. Eine Ableitung davon ist immer, mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung, die Hospitalisierung, die Intensivpflicht und Beatmungspflicht. Was infiziertes Personal betrifft, das weiterarbeiten muss, davon habe ich bisher keine Kenntnis. Klar ist aber, es geht nicht nur um Betten, also um Hardware, es geht vor allem auch um Manpower, um Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und Pfleger. Das System ist nach oben hin begrenzt, deshalb müssen wir die Zahlen drücken.

Kennen Sie die genaue Zahl der bepflegbaren Intensivbetten in Bayern?
In Bayern befinden sich aktuell 503 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen in Behandlung, 292 davon werden invasiv beatmet. 970 Intensivbetten sind derzeit noch frei.

Schule war ein Thema bei der Ministerpräsidentenkonferenz am Montag. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagt: "Wir kommen in eine Situation hinein, wo der Schulbetrieb für Kinder, Lehrer, Eltern und Großeltern zu einem hohen Risiko wird." Wie sehen Sie die Lage in Bayern?
Für uns genießt es höchste Priorität, diesen Bereich offenzuhalten und Schulschließungen zu verhindern. Das gelingt momentan gut, nur knapp zwei Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Bayern können isolationsbedingt nicht am Präsenzunterricht teilnehmen.

In München tobt ein Glaubenskrieg zwischen OB Dieter Reiter, der dagegen ist, dass auch Grundschüler im Unterricht Maske tragen müssen, und der Staatsregierung, die das Masketragen für die Kleinen letztlich durchgesetzt hat. Sind infizierte Grundschüler wirklich so eine Gefahr für alle?
Es geht darum, nicht dem Präventionsparadox zu erliegen. Heißt: Das Nichtvorhandensein von neuen Fällen ist kein Beleg dafür, dass die Maßnahme überflüssig war, sondern, dass die Prävention erfolgreich war. Die Maske ist ein kleines Mittel mit großer Wirkung. Sie reduziert die Infektionsgefahr und die Viruslast als solche.

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"Möglichst wenige Infizierte sollen unerkannt rumlaufen"

Die Gaststätten mussten vor dem Lockdown Gästelisten führen - und sie werden es danach auch wieder tun müssen. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) erfährt von den Gesundheitsämtern allerdings gar nicht, ob sich jemand im Wirtshaus angesteckt hat oder sonst wo. Mithin lassen sich auch gar keine Aussagen über die Zahl der Ansteckungen in der Gastronomie treffen. Warum ist das so?
Eine unserer Kernstrategien ist das Containment (Eindämmung, d. Red.), zumindest, so lange es noch keinen Impfstoff gibt. Das beinhaltet Maske, Abstand und Nachverfolgung von Infektionsketten. Um Kontakte zu ermitteln, muss ich wissen, neben wem saß ein Infizierter in der Gaststätte oder wer saß am Nachbartisch. Diese Personen müssen informiert werden, damit sie einen Test machen lassen. Das Ziel ist doch, dass möglichst wenige Infizierte unerkannt auf der Straße rumlaufen. Die andere Frage ist: Können wir momentan überhaupt zuordnen, wer sich wo infiziert hat? Das Robert-Koch-Institut sagt, dass 75 Prozent nicht wissen, wo sie sich angesteckt haben. Deshalb jetzt der Lockdown. Wenn das wieder nachverfolgbar sein sollte und die Gaststätten irgendwann wieder öffnen, dann kann das Contact Tracing (Nachverfolgung, d. Red.) wieder seine Wirkung entfalten. Erprobtes Handwerkszeug bei der Seuchenbekämpfung.

Wie sieht es denn in Bayerns Gesundheitsämtern aus? Gibt es genügend Kapazitäten für die Nachverfolgung?
Wir haben aufgestockt, wir haben für die Contact-Tracing-Teams Mitarbeiter aus allen Verwaltungsbereichen dazu genommen, wir haben neue Stellen in den Gesundheitsämtern geschaffen und wir haben Polizei und Bundeswehr im Einsatz. Einfach, um die Manpower zu schaffen. Die Nachverfolgung ist aufwändig: Vor dem Lockdown hatte jeder Infizierte im Schnitt über 20 Kontakte, die informiert werden müssen. Im Lockdown im Frühjahr waren es circa drei.

Florian Herrmann: "Ich kann verstehen, wenn Leute besorgt sind"

Nur, um sich ein Bild zu machen: Wie stark wurden die Gesundheitsämter denn personell verstärkt?
Aktuell sind bayernweit 3.675 Personen in 735 Contact-Tracing-Teams bei den staatlichen und kommunalen Gesundheitsämtern im Einsatz. Mehrere Hundert Ad-hoc-Unterstützungskräfte aus Verwaltung und Polizei stehen bei Bedarf zur Verfügung. Weitere 2.550 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bereits als "Reservisten" benannt.

Am Wochenende gab es wieder Querdenker-Demonstrationen, unter anderem auch in Aichach und Regensburg gingen Gegner der Corona-Maßnahmen auf die Straße. Verstehen Sie diese Menschen?
Ich kann verstehen, wenn Leute besorgt sind, sei es in Gastronomie, sei es in Kunst und Kultur. Wenn diese Menschen ihr Anliegen im Rahmen einer Demonstration kundtun wollen, so ist das ihr gutes Recht. Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut in unserer Demokratie. Nur: Jeder muss sich selber hinterfragen, mit wem er da demonstriert und mit wem er da möglicherweise gemeinsame Sache macht. Bei diesen Querdenkern sind schon einschlägig bekannte Leute dabei. Wenn man die so hört, dann läuft es am Ende immer auf Antisemitismus, auf Rechtsextremismus, auf diese krude Qanon-Verschwörungstheorie heraus. Das ist ein Sammelsurium, das unseren Sicherheitsbehörden Sorgen machen muss.

Würden Sie eine verstärkte Verfolgung dieser Personen befürworten?
Bei manchen der Wortführer gewinnt man den Eindruck, dass diese Menschen ein anderes System wollen. Wenn jemand tatsächlich der These anhängt, die Regierung oder die Politik würde absichtlich zum Schaden der eigenen Bevölkerung handeln, dann ist der nächste Schritt, dass er dagegen womöglich gewaltsamen Widerstand leistet. Da sehe ich Radikalisierungstendenzen, die man sehr genau im Blick behalten muss. Man darf diese Dinge, nur, weil sie einem völlig absurd vorkommen, nicht unterschätzen. Siehe Reichsbürger - am Anfang standen wirre Thesen, doch dann wurde ein Polizist ermordet (bei einem Einsatz 2016 in Georgensgmünd, d. Red.).

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Corona ist nicht nur eine Gefahr für die Gesundheit aller, sondern es erzeugt auch Risse in der Bevölkerung: Alt gegen Jung, Arm gegen Reich, Vorsichtig gegen Unvorsichtig. Da die Bekämpfung des Virus' kein Sprint, sondern ein Marathonlauf ist - wie lange werden die Menschen der Politik, auch Ihnen, noch folgen?
Natürlich entstehen Risse, aber ich finde, Corona fördert auch Solidarität in unserer Gesellschaft zutage. Die Mehrheit der Bevölkerung versteht den Kern des Problems, nämlich dem Virus nicht das Futter zu geben, das es gerne hätte: menschliche Kontakte. Das belegen auch Umfragen, nach denen eine Mehrheit gegen Lockerungen ist und 25 Prozent der Meinung sind, die Maßnahmen könnten sogar einschneidender sein.

Sie sind kein Prophet, aber was glauben Sie, was glaubt die Staatsregierung in Bezug auf Weihnachten?
Das Ziel ist, Leben und Gesundheit der Menschen in Bayern zu schützen. Natürlich geht der Blick Richtung Weihnachten, aber das Virus richtet sich nach keinem persönlichen Kalender, nicht nach dem Kirchenjahr oder politischen Beschlüssen. Es richtet sich nur nach seiner eigenen Biologie, es nimmt den Raum ein, den man ihm gibt. Und diesen Raum wollen wir möglichst klein halten.

"Nur nicht in die Zwangssituation der Triagierung kommen"

Welcher Politiker will schon zu Weihnachten grausam sein. Aber können Sie nach dem "Lockdown light" wenigstens Hoffnung auf ein "Weihnachten light" machen?
Gerade Weihnachten erfordert Vorsicht und Umsicht, weil da die Gefahr groß ist, dass sich ganze Familien treffen und alles wieder von vorne losgeht. Am Ende können Menschen dann wieder schwer erkranken oder sogar sterben. Unser Erfolgsrezept im Frühjahr war, dass wir nicht wieder sofort radikal gelockert haben, so wie das in Israel der Fall war oder in England oder in Texas. Da die richtige Balance zu finden, das wird die Aufgabe Ende November und im Dezember sein.

Große Hoffnungen hegen die Menschen, was Impfstoffe betrifft. Realistisch betrachtet: Wie schnell könnte ein Bundesland wie Bayern mit 13 Millionen Einwohnern durchgeimpft werden?
Das ist natürlich auch spekulativ. Es gibt jetzt drei Impfstoffe, die derzeit eine Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelbehörde beantragt haben. Wir haben schon eine Impfstrategie, die auf den Empfehlungen der Leopoldina, des Deutschen Ethikrats und der Ständigen Impfkommission beruht. Es geht um zwei Fragen: Was ist medizinisch sinnvoll? Und wie verteile ich ein knappes Gut gerecht? Das Limitierende ist die Zahl der Impfdosen, die zur Verfügung steht. Wir müssen klar priorisieren für den Bereich der vulnerablen Gruppen.

Sie sind ein gläubiger Mensch. Wie sehr hilft Ihnen der Glauben in der Krise? Finden Sie Kraft und möglicherweise auch Trost?
Da sind zwei Dinge: zuerst der klare Kompass an Wertvorstellungen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ausgerichtet am Wohl unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Nicht riskante Manöver machen, nicht in die Zwangssituation der Triagierung kommen, sondern die Würde jedes Einzelnen achten. Das andere ist die persönliche Verankerung in Glaube und Gebet, was einem eine Stütze gibt.

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