Bayerns Juso-Chef über Wahlniederlagen: "Es schmerzt mich enorm"

Bayerns Juso-Chef Benedict Lang spricht im AZ-Interview über die Wahlniederlagen der SPD, unglaubwürdige Doppelrollen und Personaldebatten.
Natalie Kettinger
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Der Münchner Benedict Lang (*1995) ist Berater für strategische Verwaltungsmodernisierung und seit 2024 Vorsitzender der SPD-Nachwuchsorganisation Jusos in Bayern.
Der Münchner Benedict Lang (*1995) ist Berater für strategische Verwaltungsmodernisierung und seit 2024 Vorsitzender der SPD-Nachwuchsorganisation Jusos in Bayern. © Fionn Große

Es steht nicht gut um die alte Dame SPD: In München haben die Genossen das Rathaus an die Grünen verloren, in Mainz die Staatskanzlei an die CDU und in Stuttgart wären sie um ein Haar ganz aus dem Landtag geflogen. Die AZ hat mit Bayerns Juso-Vorsitzendem Benedict Lang über das rote Jammertal gesprochen.

AZ: Herr Lang, Sie sind Münchner. Wie sehr schmerzt Sie der Verlust des Oberbürgermeister-Amtes an die Grünen? Und wie beurteilen Sie das Verhalten von Dieter Reiter?
BENEDICT LANG: Es schmerzt mich selbstverständlich enorm, aber ich gratuliere Dominik Krause zu seiner guten Kampagne. Dieter Reiter hat Fehler gemacht, aber auch die SPD hat zu wenig gezeigt, dass sie München gerechter machen kann. Die SPD muss jetzt schnell umschalten. Die Grünen haben gesagt, es geht mehr – die SPD muss deutlich machen, für wen mehr gehen muss: Diejenigen, die München am Laufen halten, müssen sich das Leben in der Stadt wieder besser leisten können.

"Ich gratuliere Dominik Krause zu seiner guten Kampagne", sagt Lang über Münchens neuen grünen Oberbürgermeister.
"Ich gratuliere Dominik Krause zu seiner guten Kampagne", sagt Lang über Münchens neuen grünen Oberbürgermeister. © Sven Hoppe/dpa

"Wir müssen mehr zuspitzen und auch mal anecken, damit wir wahrgenommen werden"

Die Kommunalwahlen sind für Ihre Partei generell durchwachsen verlaufen. Was muss sich bis zu den Landtagswahlen 2028 ändern, will die SPD im Freistaat überhaupt noch eine Rolle spielen?
Es ist weniger schlecht gelaufen als befürchtet, und es gibt Positivbeispiele wie Rosenheim. Insofern entspricht es vielleicht der Erwartung, aber nicht meinem Anspruch. Die SPD muss checken, dass sich Öffentlichkeit und politische Debatten verändert haben. Wir müssen mit unserer Erzählung und den konkreten Forderungen dazu mutiger und klarer sein, mehr zuspitzen und auch mal anecken, damit wir wahrgenommen werden. Und dafür braucht es glaubwürdiges Personal, das dieses Zuspitzen und Anecken auch fühlt und mit Leben füllt. Die Bayern-SPD muss das ab morgen aufbauen.

Wird die alte Dame noch gebraucht? "Bei der aktuellen SPD scheint die Frage berechtigt"

An wen denken Sie konkret?
Der richtige Ort für diese Debatte ist in den Gremien der SPD.

Bei den letzten beiden Landtagswahlen sah es nicht gerade rosig aus: Erst schaffte es die SPD in Baden-Württemberg nur mit Ach und Krach über die Fünf-Prozent-Hürde, dann verlor sie die Staatskanzlei in Rheinland-Pfalz an die CDU. Wird die alte Dame womöglich nicht mehr gebraucht?
Bei der aktuellen SPD scheint die Frage berechtigt. Aber: In Deutschland haben zwei Familien mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Die Preise an den Tankstellen und im Supermarkt werden immer höher, immer mehr Leute haben ernste finanzielle Sorgen. Selbstverständlich braucht es also die SPD, weil sie die einzige politische Kraft ist, die das ändern kann. Aber es braucht eine mutige und kämpferische SPD.

Die SPD-Bundeschefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil sind auch Teil der Bundesregierung – das schade der Partei, sagt Bayerns Juso-Landeschef.
Die SPD-Bundeschefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil sind auch Teil der Bundesregierung – das schade der Partei, sagt Bayerns Juso-Landeschef. © Kay Nietfeld/dpa

Lang: "Die Doppelrolle bringt ein Glaubwürdigkeitsproblem mit sich"

Es gibt Rufe nach einem Rücktritt der Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil. Stimmen Sie ein? Beide sind auch Minister. Sie haben ein Ende der Ämterhäufung angemahnt. Was versprechen Sie sich davon?
Es ist für alle offensichtlich, dass die Doppelrolle mit gleichzeitiger Verantwortung für Partei und Regierung ein Glaubwürdigkeitsproblem mit sich bringt. Ich kann mich nicht morgens hinstellen und sagen, ich hole mehr raus für die Arbeitnehmenden, und abends verkaufe ich es als Erfolg, dass ich im Koalitionsausschuss mit Friedrich Merz und Markus Söder das Schlimmste verhindert habe. Eine Trennung der Ämter ermöglicht, den Willen der SPD über die Koalition hinaus darzustellen.


Doris Schröder-Köpf hat vorgeschlagen, den prominenten SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius anstelle von Lars Klingbeil zum Vizekanzler zu machen und so das Image der Partei aufzupolieren. Was halten Sie davon?
Ich bin erst mal offen für jede Person, die sich dafür stark macht, dass wir die Erbschaftssteuer reformieren, das Mietrecht deutlich verschärfen, mehr Wohnungen bauen und mehr Gerechtigkeit schaffen. Bislang habe ich wenig Grund zur Annahme, dass Boris Pistorius das machen würde. Davon unabhängig hat er ja bereits abgewunken.

"Wir beharren nicht auf linken Positionen, weil sie links sind", sagt Bayerns Juso-Chef

Rente, Krankenkassen, Pflege, Schuldenbremse: Die Bundesregierung hat große Reform-Pläne, allerdings haben SPD und Union meist unterschiedliche Vorstellungen. Ein Beharren auf linken Positionen dürfte wenig zielführend sein und würde wohl das Bündnis gefährden. Wie soll es weitergehen?
Wir beharren nicht auf linken Positionen, weil sie links sind, sondern weil 95 Prozent der Menschen davon profitieren, zum Beispiel vom Steuerkonzept der SPD aus dem Bundestagswahlkampf. Die SPD, wie ich sie mir vorstelle, hat den Anspruch, Debatten wieder zu prägen und etwas an den Mehrheiten in der Bevölkerung zu ändern, statt immer nur der aktuellen Stimmung hinterherzuregieren. Wir müssen und können die Menschen überzeugen: Es ist doch nur fair, wenn ganz normale Leute nicht ständig die Lasten tragen müssen, während einige wenige von den Krisen der letzten Jahre auch noch profitieren.

 

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