Ausstellung über die 1920er Jahre: Raserei im Wartesaal

Mit der Ausstellung "Tempo, Tempo" beleuchtet das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg das Leben in Bayern in den 1920er Jahren.
| Christian Muggenthaler
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Mehr Tempo! Zum Beispiel auf dem Motorrad Victoria "KR1".
Mehr Tempo! Zum Beispiel auf dem Motorrad Victoria "KR1". © Museum Industriekultur - Museen der Stadt Nürnberg

Regensburg - Zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise, zwischen Marschmusik und Charleston, zwischen Grippeepidemie und Massenarbeitslosigkeit: Die 1920er Jahre waren in Deutschland eine in vielerlei Hinsicht bewegte Zeit. Der erste deutsche Versuch der Demokratie, die kurze Zeit zwischen zwei Weltkriegen, zwischen Kaiserreich und Nazi-Diktatur, eine Blüte der Kultur, eine rasende Moderne. Zugleich eine Phase steter politischer Verunsicherung mit Putschversuchen und einem hohen Maß an Gewalt als Mittel der Innenpolitik. 

Ein Teil des Landes raste in Richtung Fortschritt, ein anderer wollte rasend gerne zurück zu einem vermeintlichen Kuscheldeutschland, das es nie gab. Und in all dieser Raserei in zwei entgegengesetzte Richtungen zerriss es letztendlich die Republik.

Mit "Tempo, Tempo" ist die neue Ausstellung zum Thema Bayern in den 1920ern im Regensburger Haus der Bayerischen Geschichte, zu sehen ab diesem Samstag, deshalb recht passend und knackig betitelt - einmal ganz abgesehen davon, dass, wie in der Schau zu sehen, das "Tempo" als Papiertaschentuch eine in den Vereinigten Papierwerken in Nürnberg in diesen Jahren erfundene Schneuz-Novität war.

Parallelen zur Gegenwart

Modernisierung, Mode und Mobilität: goldene Jahre also. Und dennoch hatte diese Zeit auch die Anmutung eines "Wartesaals", wie ein zur Ausstellung gehörender, raffiniert produzierter Film von und mit "quer"-Moderator Christoph Süß heißt: Eine zutiefst verunsicherte Gesellschaft wartete auf irgend etwas - und sei es irgend ein Erlöser, ein Übermensch, ein Führer. Und so kam es dann auch.

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Man kann, wenn man will, in Film und Ausstellung durchaus Parallelen zur Gegenwart finden. Das beginnt ganz banal in der plötzlichen Omnipräsenz des Bilderschießens, damals mit den völlig neuen Kameras für jedermann (schöne Stücke werden da gezeigt), heute mit den Mobiltelefonen. Und das endet mit der Falle eines bissig dahergeplärrten Versprechens einer heilen völkischen Zukunft, die glatterdings ins Verderben führte.

Das war vor 100 Jahren keine zwingende historische Notwendigkeit und ist es heute genau deswegen umso weniger. Der Film zeigt eine Gesellschaft im Wartesaal des Lebens, erinnert aber auch an die damals schon kraftvolle Frauenbewegung zu jener Zeit: Die Erinnerung daran war wie so vieles im Wesen der Weimarer Republik auch nach dem Krieg wie weggewischt.

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Bedeutende Frauen der 1920er Jahre

In Regensburg wird dankenswerterweise unterstrichen: Da ist viel Luft nach oben in der Erinnerungsarbeit an historisch bedeutende Frauen wie beispielsweise Anita Augspurg und Ellen Ammann, einer Landtagsabgeordneten der Bayerischen Volkspartei, die mit zum Scheitern des Hitlerputsches beigetragen hat.

Auf der ganz anderen Hälfte der inneren Zeit-Landkarte wiederum ist Josephine Baker, jene Tänzerin, die die Lebenslust der Dekade verkörperte und deren Auftritt 1929 im Deutschen Theater in München untersagt wurde. Man sah in dem geplanten Auftritt der "Negernackttänzerin" eine Verletzung des öffentlichen Anstandes. Die Kirche begrüßte das Verbot.

Literatur, Mobilität und Technik

Mit 100 Exponaten auf 400 Quadratmetern in sechs Abteilungen gibt "Tempo, Tempo" einen guten Einblick in das damalige Leben und in die Stimmungslage. Die große Bandbreite beweisen etwa Hörproben der lesenden Schriftsteller Oskar Maria Graf, Bertolt Brecht und Ödön von Horváth neben solchen mit exquisiten Schlagern wie "Was macht der Maier am Himalaya?" und "Benjamin, ich hab nichts anzuziehn".

Tempo heißt auch Mobilität, und so gehört ein K 3 der fränkischen FAUN-Automobilwerke zu den Glanzstücken der Schau - neben einem zeitgenössischen Motorrad und einem blutrünstigen Warnschild vor den Gefahren des Verkehrs.

Erfindungen - Föhn, Staubsauger, Kaffeemaschine, Zapfsäule, Schreibmaschine - prägten die Zeit und prägen demzufolge die Ausstellung. Es geht also sehr um den ganz normalen Alltag in jenen Jahren, an deren Anfang und Ende Krisen stehen.

Auch das ist im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg gut dokumentiert: bis hin zur Schießscheibe, auf der der so verhasste Friedensvertrag von Versailles zu treffen war.


"Tempo, Tempo. Bayern in den 1920ern", bis 7. Februar 2021 im Haus der Bayerischen Geschichte, Donaumarkt 1, Regensburg (Dienstag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr)

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