Bier-Zeitreise: In dieser Stadt bei München gab es einst fast 20 Brauereien

Freising war und ist eine Bierstadt. Nicht nur wegen Weihenstephaner, der ältesten Brauerei der Welt (seit 1040). Im frühen 19. Jahrhundert tüftelten in der Domstadt noch 18 private Brauereien an ihrem Gerstenbier. Obwohl der Ort bei München damals nur rund 3000 Einwohner hatte.
Eine besondere Führung im Herzen der Stadt hält die Erinnerung an diese historischen Brauereien am Leben. Furtnerbräu, Heiglbräu, Hagnbräu, Hummelbräu und wie sie alle hießen.
Teils zieren ihre Schriftzüge heute noch Gebäude, teils sind sie in Straßennamen verewigt. Wie die Stieglbräugasse oder die Laubenbräugasse.
"Der Ferl": Ein Weltenbummler als Stadtführer
Die AZ ist mit dem langjährigen Stadtführer Ferdinand Schreyer in Freising verabredet. Er ist Anfang 70 und sein Leben wäre eine eigene Geschichte wert. Die Einheimischen kennen ihn, grüßen ihn, ratschen gern mit ihm. Seit seinen BR-"Lebenslinien" ist er für alle einfach "der Ferl".

41 Jahre lang hat der Sozialpädagoge im Winter mitten in der Stadt Maroni gebraten. In den Sommermonaten hat der Weltenbummler als Studienreiseleiter etwa Tibet erkundet.
Mit einer Reise hat auch seine Stadtführung zu tun. Eine Zeitreise. Zurück in eine Ära, in der es gefühlt an jeder Ecke Freisings eine Brauerei gab. Und genauso viele Bierkeller.
Bis 1803 ist Freising ein Fürstbistum
Warum war das Brauen anno dazumal in der Domstadt so verbreitet? Schreyer ist analog ausgestattet mit zwei Ordnern voller Dokumente und historischer Aufnahmen. Auf einer Bank neben der Figur des Gstanzlsängers Roider Jackl packt er sein Wissen aus wie einen großen Koffer.
Er erklärt: "Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Säkularisation 1803 war Freising ein eigener kleiner Staat, ein Fürstbistum." Das kleine Territorium gehörte also noch nicht zu Bayern, das Gebiet um Weihenstephan dagegen schon.
Warum so viele Brauereien? "Große Feste, große Wallfahrten"
Über das Fürstbistum sagt er: "Es war alles auf den Fürstbischof zugeschnitten. Es gab große Feste und große Wallfahrten." Dazu kam: "Jede Brauerei hatte ein Wirtshaus." Ergo: Der Bedarf an Bier war da. "Ganz wichtig", schiebt er ein, "wir reden vom Gerstenbier, also dunkles Bier".
Von den bürgerlichen Brauereien aus dieser Zeit hat keine überlebt, nur das Hofbrauhaus und Weihenstephan gibt es noch. Er blättert in seinen Dokumenten und zeigt auf eine Liste, welche Brauerei um 1850 wie viel Bier produzierte.

Bei Heiglbräu zum Beispiel waren es 4635 Hektoliter, Hacklbräu schaffte 2940 Hektoliter, Furtner 1692 und Jungbräu geschätzt nur 200 Hektoliter. Zum Vergleich: Allein auf der Wiesn 2025 wurden 65.000 Hektoliter Bier ausgeschenkt.
Freising und das Reinheitsgebot
Entscheidend für die damaligen Kapazitäten: "Jede Brauerei hat einen eigenen Keller benötigt, wo die Bierfässer gelagert wurden. Wenn eine Brauerei nur einen kleinen Keller hatte, hat das ihre Menge auch begrenzt." Mitten in der Stadt gab es keine großen Möglichkeiten, um die Gebäude zu erweitern.

Wie diese früheren Biere made in Freising wohl schmeckten? Das lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Aber Schreyer verweist wieder auf den Sonderstatus des Fürstbistums: Das Reinheitsgebot ab 1516 galt dort streng genommen nicht. "Wir waren ja nicht bayerisch."
Brauordnung und Zunftordnung
Schon im 13. Jahrhundert habe es allerdings eine Brauordnung gegeben, später orientierte man sich auch am Reinheitsgebot. Das hatte auch mit der direkten Konkurrenz zu tun: "Weihenstephan war schon bayerisch. Wenn man das Bier über die Grenze verkaufen wollte und es nicht schmackhaft gewesen wäre, hätten die einfach gesagt: Euer Bier kann man ja nicht saufen!"

Apropos Qualität. Ab 1500 habe eine Zunftordnung gegolten, "man durfte nur brauen, wenn man Brauer war. Da waren sie sehr streng". Was Schreyer auch weiß: "Die Brauer waren die reichsten und einflussreichsten Bürger – neben den adeligen Domherren."
Dank Freisinger: Neustart für Augustiner
Während des Bier-Spaziergangs erzählt er auch von einer wichtigen Verbindung zwischen Freising und München: Der Brauer Anton Wagner aus Freising übernahm 1829 den Betrieb bei der Augustiner-Klosterbrauerei (ab dann eine bürgerliche Privatbrauerei, wie Augustiner auf der Homepage festhält). Dessen Sohn wiederum errichtete die Braustätte an der Landsberger Straße.
Aber zurück in die Domstadt. Viele der alten Brauereien hatten einen Familiennamen, aber nicht alle. Stieglbräu zum Beispiel kommt von einer Stiege, also einer Treppe, die zur Brauerei hinaufführte.
"Colosseum"-Brauerei und Furtnerbräu
Auf einem historischen Bild ist die Colosseum-Brauerei zu sehen. Wie kam es zu diesem Namen? "Erst hat sie Paulimayrbräu geheißen, abgeleitet von Paul Mayr." Später wurde daraus Urbanbräu und um 1900 folgte der spektakuläre Name Colosseum, erzählt Schreyer. Ein Prestige-Name. "Es war damals der größte Saal in Freising mit legendären Faschingsfesten noch in den 60er-Jahren." Heute findet sich in dem Gebäude Woolworth.
Warum haben sich all diese Brauereien nicht auf Dauer halten können? "Neun Brauereien sind Mitte des 19. Jahrhunderts ins Straucheln gekommen und pleite gegangen. Die Gewerbefreiheit hat sie erwischt. Zudem hat 1875 Linde die Kältemaschine erfunden, die kleinen Brauereien konnten sich das nicht leisten und waren nicht mehr konkurrenzfähig."

Am längsten durchgehalten haben Furtnerbräu in der Oberen Hauptstraße (bis 1967) und Hacklbräu (bis 1962). Gegenüber vom Furtnerbräu sitzt heute die Skulptur von Kult-Schauspieler Karl Obermayr (Kopfeck Manni aus "Monaco Franze") an der geöffneten Moosach.
Schreyer erzählt, dass es einst bei Furtnerbräu im September 1886 schlimm brannte. Ein Schicksal, das viele Brauereien in Freising erwischte. Aber man ließ sich nicht unterkriegen. "Die Brauerei war beschädigt, aber man konnte brauen." Also seien übergangsweise Notschenken eingerichtet worden. Innerhalb von nur drei Monaten habe die Familie Braun das Gebäude wieder aufgebaut. "Am 25. Dezember wurde schon wieder der Weihnachtsbock ausgeschenkt."
Heutzutage ist dort ein offenes Wirtshaus, zum Beispiel mit Kleinkunst-Veranstaltungen. An der Tür kleben zig Plakate, etwa für das Treffen "Bier und Stricken", jeden 1. Dienstag im Monat.
Höhepunkt: Eintauchen in den Lindenkeller
Der Höhepunkt der Stadtführung ist der Lindenkeller (auch "Sporrerkeller" genannt). Eigentlich sind es vier Kellerbereiche im Hang, hier lagerten vier Brauereien ihr Bier. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Räume zu Bunkern umgewandelt und mit Querverbindungen versehen.

Schreyer steckt den Schlüssel in die Holztür, kalte Luft kommt heraus. Das ganze Jahr über herrschen hier rund acht Grad. Das war früher wichtig, damit das in der Stadt gebraute und hier gelagerte Bier nicht sauer wurde. Zusätzlich nutzte man hierfür aus Gewässern gehauenes Eis.
Die Rundbögen des Kellers wirken wie ein kleines Labyrinth, es hallt beim Durchmarschieren. Mit ein bisserl Fantasie kann man sich die riesigen Bierfässer von damals vorstellen, wie sie im Bauch des Hangs nachgärten.
Warum gab es einen "Elefantenwirt"?
Die Stadt hat den Lindenkeller 1990 erworben, nur bei Führungen kann man hineinschauen. Im Unterhaus des Lindenkellers findet sich heute auch eine Kleinkunstbühne.

Schreyer hat noch viele Anekdoten parat, zum Beispiel die vom Freisinger "Elefantenwirt": "Zu Kirchweih kam eine Zirkustruppe vorbei. Sie haben den Wirt gefragt, ob sie den Elefanten über den Winter hier lassen können." Jeder Freisinger sei daraufhin vorbeigekommen, "um den Elefanten zu sehen". Und klar, so war der neue Spitzname des Wirts geboren.
Die Zirkustruppe kam tatsächlich nach dem Winter zurück und holte das Tier wieder ab. Schreyer zeigt als Beleg auf ein Schild mit der Aufschrift "Georg Kappelsberger, Elefantenwirt in Freising, 1818."

Oane geht no, also eine Anekdote, und zwar die vom Weißbräu Huber (heute ein uriges Wirtshaus). Auf deren Bierfuizln war früher ein Braunbär zu sehen. Bis man befand: Weißbier und Braunbär? Passt irgendwie nicht. Das neue Motiv ab 1937 fand man im Tiergarten Hellabrunn: eine schneeweiße Eisbärin.
Info zu Führungen in Freising
Wie die Freisinger Tourist-Info der AZ mitteilt, wird die Führung rund um historische Braustätten zweimal pro Jahr organisiert. Einmal wie jetzt rund um den Tag des Bieres (24. April, 15 Uhr) und dann wieder im Herbst zum Volksfest. Eine Anmeldung für den 10. September ist schon möglich, die aktuelle Führung ist bereits ausgebucht. Mehr Infos: https://tourismus.freising.de/fuehrungen-touren/stadtfuehrungen-fuer-einzelgaeste
Zum Tag des Bieres am Donnerstag, 23. April, veranstaltet die Stadt zudem ein Fest als Erinnerung an den Erlass des Reinheitsgebotes 1516. Ort: Marienplatz Freising, ab 15 Uhr.