"Mir platzt gerade der Kragen": Pflegedebatte bei "Hart aber fair" wird emotional

Es ist ein Thema, das viele Millionen Deutsche betrifft, das aber nur selten Thema ist: Bei "Hart aber fair" wurde am Montagabend teils emotional über die Reform der Pflege diskutiert. Im Zentrum standen pflegende Angehörige und ihre teils bewegenden Schicksale.
von  Sven Hauberg
Emotionale Debatte bei "Hart aber fair", von links: Moderator Louis Klamroth, Yvonne Lissel, Caren Miosga und  Dilek Erusta.
Emotionale Debatte bei "Hart aber fair", von links: Moderator Louis Klamroth, Yvonne Lissel, Caren Miosga und Dilek Erusta. © WDR / Molina

Yvonne Lissel ist eine von zehn Millionen: So viele Menschen pflegen Schätzungen zufolge in Deutschland einen oder mehrere Angehörige zu Hause. Bei Lissel ist es der demenzkranke Ehemann, der Pflege benötigt - rund um die Uhr, und das seit sieben Jahren, wie Lissel am Montagabend bei "Hart aber fair" berichtete. Um an der Livesendung teilnehmen zu können, hatte sie eigens ihre beiden Töchter als Vertretung organisiert. Dann aber hatte ihr Mann am Morgen vor der Sendung einen epileptischen Anfall und musste ins Krankenhaus, wo er sich, so erzählte es Lissel, am Abend noch befand.

Lissel gab in der Sendung von Moderator Louis Klamroth einen schonungslosen Einblick in das Leben als pflegende Angehörige. Um sich um ihren Mann zu kümmern, habe sie ihre Berufstätigkeit aufgeben müssen. Einen Heimplatz könne sie sich finanziell nicht leisten, obwohl ihr Mann als ehemaliger SEK-Polizist eine relativ hohe Pension bekomme. Auch in Tages- oder Kurzzeitpflege gebe sie ihn nur ungern. Einmal habe er dort in kürzester Zeit zehn Kilo abgenommen, und als sie ihn wieder abgeholt habe, sei er "in desolatem Zustand" gewesen.

Also pflegt Lissel ihren Mann weiter daheim. Das alles gehe an ihr nicht spurlos vorbei, erzählte sie: "Man ist als pflegender Angehöriger wirklich sehr isoliert", so Lissel, "Freunde ziehen sich zurück". Von der Politik fühle sie sich nicht gesehen und im Stich gelassen.

Pflegende Angehörige haben in Deutschland "keine Lobby"

Auch die Autorin und Journalistin Katarina Schickling berichtete bei "Hart aber fair" über ihre Erfahrungen als pflegende Angehörige. Sie hatte ihre Mutter gepflegt und über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Pflegende Angehörige hätten in Deutschland "keine Lobby", beklagte Schickling, es sei sehr schwer gewesen, Hilfsangebote zu finden. "Wir haben keine Struktur, die dafür geeignet ist, Angehörige dabei zu unterstützen, das gut hinzubekommen", kritisierte die Journalistin.

Ebenfalls im Studio war die ARD-Journalistin Caren Miosga. Sie hatte für eine Dokumentation, die unmittelbar vor "Hart aber fair" ausgestrahlt worden war, intensiv zum Thema recherchiert. Und: Auch sie ist persönlich betroffen. Ihre Eltern seien beide 85 Jahre alt, die Mutter habe einen Bandscheibenvorfall und einen Herzinfarkt gehabt und Probleme beim Laufen. Zwar handele es sich nicht um einen "drastischen Pflegefall", so Miosga. Aber: Das Thema Pflege "kommt näher, auch bei mir".

Ein Satz, der auf viele Menschen in Deutschland zutrifft. Rund 6,4 Millionen Pflegebedürftige gibt es in der Bundesrepublik, der Großteil davon - etwa 5,5 Millionen - wird daheim versorgt. Von Pflegekräften, aber eben auch von oftmals völlig überforderten Angehörigen. Ohne diese Menschen, gestand bei "Hart aber fair" die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) ein, würde das System zusammenbrechen. Besonders betroffen sei Ostdeutschland, wo der demografische Wandel doppelt so schnell zuschlage wie im Westen der Republik.

Reform der Pflege: "Da sind nur Kürzungen für uns drin"

Um die Probleme in der Pflege anzugehen, plant die Politik eine umfassende Reform der Pflegeversicherung. Bevor diese kommt, soll zunächst allerdings das sogenannte Pflegeneuordnungsgesetz beschlossen werden. Ende September hatte das Bundeskabinett einen entsprechenden Gesetzesentwurf verabschiedet. Ziel des Gesetzes ist es vor allem, die explodierenden Kosten in der Pflegeversicherung in den Griff zu bekommen - im vergangenen Jahr waren die Kosten auf mehr als 70 Milliarden Euro gestiegen.

Für viele pflegende Angehörige steht das Gesetz indes vor allem für massive Einsparungen. "Da sind nur Kürzungen für uns drin", kritisierte etwa Yvonne Lissel. "Mir platzt gerade der Kragen", entfuhr es ihr sichtlich angefasst in der Diskussionsrunde.

Für Hendrik Streeck, CDU-Gesundheitspolitiker und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, ist das geplante Gesetz zwar auch "im größten Teil ein Spargesetz"; er verwies bei "Hart aber fair" jedoch darauf, dass "die richtige Reform" der Pflege noch kommen werde - allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt. Zunächst gehe es tatsächlich vor allem darum, die explodierenden Kosten unter Kontrolle zu bringen. Die Pflegeversicherung sei "über Jahre" ausgebaut worden, ohne für eine entsprechende Gegenfinanzierung zu sorgen, so Streeck. Ohnehin sei diese stets als Teilkostenversicherung geplant gewesen, Aufgabe sei es nie gewesen, die Gesamtkosten der Pflege eines Menschen zu übernehmen.

Streitpunkt Verhinderungspflege: Streeck verspricht Nachbesserungen

Ein wesentlicher Streitpunkt der Reform, über den auch bei "Hart aber fair" ausführlich gesprochen wurde, ist die sogenannte Verhinderungspflege. Dabei handelt es sich um eine Leistung der gesetzlichen Pflegeversicherung für pflegebedürftige Personen ab Pflegegrad 2, wenn die Hauptpflegeperson durch Urlaub, Krankheit oder aus anderen Gründen vorübergehend ausfällt. Diese Leistung soll in ihrer heutigen Form wegfallen und neu geordnet werden, sehr zum Unmut vieler Angehöriger wie Yvonne Lissel: "Am allerallerschlimmsten ist für uns pflegende Angehörige einfach, dass die Verhinderungspflege gekürzt werden soll", sagte sie.

Laut Streeck soll die Reform Bürokratie verringern und Missbrauch verhindern; der Gesundheitspolitiker erklärte aber auch, dass beim Thema Verhinderungspflege noch "nachgesteuert" werden müsse.

Auch die Journalistin Katarina Schickling, die ihre Mutter gepflegt hatte, kam bereits mit der Verhinderungspflege in Berührung. Sie beklagte die Schwierigkeiten, einen geeigneten Platz für pflegebedürftige Angehörige zu finden, weil es dafür kein zentrales Register gebe.

Dilek Erusta, Gemeindepflegerin in Berlin-Neukölln, kritisierte bei der Neuordnung der Verhinderungspflege im Besonderen und bei der Pflege im Allgemeinen die überbordende Bürokratie. Es sei für viele Angehörige schwierig, die richtige Unterstützung zu finden, es brauche deshalb niederschwellige Angebote. Zudem forderte sie mehr Mitspracherecht für pflegende Angehörige in der Pflegekommission, die im Oktober eingesetzt wurde und bis Januar Vorschläge für eine Reform der Pflege erarbeiten soll. Ihre Kritik: "Auf die pflegenden Angehörigen hat keiner den Blick."

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