Kritik zum Wien-"Tatort: Unten": Ein bisserl viel, aber nicht zu viel

Wenn Sprachlosigkeit den Wiener Schmäh verdrängt und zu viel von fast allem auf ein überzeichnetes Finale zusteuert. Der "Tatort: Unten" in der AZ-Kritik.
| Stephan Kabosch
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So viele Spekalationen, so viele Verdächtige: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in einer Szene aus "Tatort: Unten".
So viele Spekalationen, so viele Verdächtige: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in einer Szene aus "Tatort: Unten". © (ARD Degeto/ORF/Superfilm)

Achtung, Spoiler! Diese TV-Kritik gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung und das Ende des "Tatort: Unten" aus Wien . Wenn Sie nichts verraten bekommen wollen, warten Sie mit der Lektüre des Textes, bis Sie den Film gesehen haben (Das Erste, 20.12.2020, 20.15 - 21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek).


Was zeichnet ihn für gewöhnlich nicht alles aus, was macht den "Wien"-Tatort nicht alles zum Kult-Krimi? Es sind der Schmäh und die Lässigkeit, manchmal auch das sympathisch Unvollkommene und das charmant Morbide, es ist die Abfolge aus Frotzelei und Empathie zwischen dem Ermittlerpaar. Und diesmal? Blitzte das alles seltener als sonst auf in der Folge "Unten". Es gibt "zu viele Menschen an zu vielen Orten zu zu vielen Zeiten", sagt Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) bei der Mördersuche leicht resignierend. Wie wahr.

Wiener "Tatort: Unten": Starke Szenen, viele Ansatzpunkte

Diese Mördersuche beginnt nach einer Gewalttat im Obdachlosenmilieu. Eisner und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) fangen in einer Industrieruine zu ermitteln an. Und hier hat dieser "Tatort" (Regie-Premiere Daniel Prochaska) seine ersten starken Szenen, als Fellner nahezu sprachlos feststellt, den Toten gekannt zu haben. Bibi kämpft innerlich damit, dass Gregor Aigner (Jonathan Fetka), ein aus der Bahn geworfener Enthüllungsjournalist, eine Woche vor seinem Tod ihr noch etwas mitteilen wollte und sie ihn abblitzen ließ. Aigner ging nämlich auch als Obdachloser seiner früheren Profession nach, war an einer großen Story dran. Das schafft natürlich Raum für alle möglichen Spekulationen und Verdächtigungen zwischen einem Mord im "Sandler"-Milieu, einer Tat aus Eifersucht, einer Racheaktion für eine zerstörte Künstlerhand, einem Krieg rivalisierender Drogenbanden, Pharma-Kriminalität und Gesundheitsindustrie.

"Tatort" aus Wien: Ein überfrachtetes Finale

Ein bisserl viel. Aber eben auch nicht zu viel, um diesem mit starken Bildern stringent und umsichtig inszenierten Krimi  jederzeit folgen zu können. Bis zum Showdown in einer weiteren Industrieruine, die als Operationssaal für die internationale Transplantationsmafia herhält, in dem entführten Obdachlosen Organe herausoperiert werden. Menschen, die unten sind und die niemand vermisst. Dieses große Finale gerät dann doch ein bisschen zu gigantisch, zu theatralisch, zu überzeichnet, als ein martialisches Sondereinsatzkommando dem Treiben ein Ende setzt.

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Nach dem Abspann stimmt es bei aller Liebe für das Duo Neuhauser/Krassnitzer fast schon etwas traurig, dass der stets loyale und meist schusselige Assistent "Fredo" aufhören wird. "Unten" war der letzte "Tatort" für Thomas Stipsits. Hier hatte er noch einmal einen typischen Auftritt: "Fredo" ist bereits am Mord-Schauplatz, als die eintreffenden Chefs von ihm wissen wollen: "Also, was gibt’s?" Und der Assistent, der kurz zuvor beim Einkaufen war, antwortet trocken: "Beuschelsuppe". Köstlich. "Beuschel" ist solide Hausmannskost. So ließe sich auch dieser "Tatort" umschreiben. Es kann nicht immer feinster Tafelspitz sein.

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