Interview

Die vergessene Ära von München: Diese Serie zeigt die Stadt, wie sie früher vibrierte

Vom Bauernhof in Ismaning in die pulsierende Münchner Clubszene: "München Beats“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg sucht und den Techno für sich entdeckt. Regisseurin Mimi Kezele verrät, wie viel von ihr selbst in der Hauptfigur Linda steckt und warum München für sie immer ein "Fenster zur Welt“ war.
Peter Gratz |
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Linda Bierwirth (Jule Hermann) bei ihrem ersten großen Auftritt am DJ-Pult.
Marc Reimann/ZDF 5 Linda Bierwirth (Jule Hermann) bei ihrem ersten großen Auftritt am DJ-Pult.
Das ehemalige Werksgelände wird zum Kunstpark Ost umgestaltet.
Holly Fink/ZDF 5 Das ehemalige Werksgelände wird zum Kunstpark Ost umgestaltet.
Linda Bierwirth (Jule Hermann) liefert sich ein Akkordeon-Battle mit ihrem Patenonkel Theo Meinhardt (Tobias Moretti).
Marc Reimann/ZDF 5 Linda Bierwirth (Jule Hermann) liefert sich ein Akkordeon-Battle mit ihrem Patenonkel Theo Meinhardt (Tobias Moretti).
Die Regisseurin Mimi Kezele.
Nils Schwarz 5 Die Regisseurin Mimi Kezele.
Als eingespieltes Team sind Rudi Dreiseitl (Michael A. Grimm, links) und sein Kollege Klaus (Simon Pearce) im Szenehotel "Deutsche Eiche" im Einsatz.
Marc Reimann/ZDF 5 Als eingespieltes Team sind Rudi Dreiseitl (Michael A. Grimm, links) und sein Kollege Klaus (Simon Pearce) im Szenehotel "Deutsche Eiche" im Einsatz.

Eine Bauerntochter, ein Akkordeon und der Traum vom DJ-Leben: "München Beats“ erzählt eine ungewöhnliche Reise vom Landkreis in die Münchner Clubszene. Dabei wird die Stadt der 90er mit ihren legendären Orten und ihrer besonderen Aufbruchsstimmung wieder lebendig. Macherin Mimi Kezele spricht über ihre persönlichen Erinnerungen an München und die Entstehung der Serie.

AZ: Frau Kezele, wie viel von Ihnen steckt in Ihrer Hauptfigur?
MIMI KEZELE: Ich komme aus einer musischen Familie, jeder spielte mindestens ein Instrument. In den 90ern war ich in Lindas Alter, auch ich spielte wie sie Akkordeon, liebte die Musik, hatte große Träume. Ich konnte verstehen, wie dieses Mädchen sich fühlt. Auch, dass man nicht von seinen Wurzeln oder von dem, was man ist, wegrennen muss, sondern es als eine Bereicherung mit ins Leben nehmen kann.

In der Serie liegen zwischen dem Landkreis und der Stadt München Welten. War das absichtlich so stark angelegt?
Es ist sicher ein deutlicher Unterschied, ob man auf dem Bauernhof aufwacht oder frühmorgens aus einem Techno-Club den Weg nach Hause sucht. Für ein junges Mädchen wie Linda ist es ein Riesenschritt, nur mit Reisetasche und Akkordeon das Zuhause zu verlassen mit der Entscheidung: Ich will jetzt meinen eigenen Weg gehen! Dass hat nicht nur mit der geografischen Entfernung zu tun.

"München als Fenster zur Welt"

Wie hat es sich für Sie damals angefühlt, zurück nach München zu kommen?
Ich bin in München geboren, habe meine Kindheit in Dubrovnik verbracht, kam aber im Sommer immer mal wieder nach München. Und jedes Mal, wenn ich die Lichter der Stadt gesehen habe, war das für mich etwas Überwältigendes: Freiheit, viele Möglichkeiten, München als Fenster zur Welt!

Was verbinden Sie mit dem Kunstpark Ost?
Meine Jugend, die ersten Nächte, in denen man lange rausgehen durfte, die Menschen, die man dort traf - Bekannte und Unbekannte - die Musik, jede Art von Musik. Du weißt immer, wo du jemanden triffst, den du kennst, und lernst auch ständig neue Leute kennen. Du kommst so bunt und bereichert wieder nach Hause. Es war wie eine Stadt in der Stadt. Als dann gesagt wurde, dass der Kunstpark geschlossen wird, habe ich mir gedacht: Das geht eigentlich gar nicht, München ohne den Kunstpark Ost …

Das ehemalige Werksgelände wird zum Kunstpark Ost umgestaltet.
Das ehemalige Werksgelände wird zum Kunstpark Ost umgestaltet. © Holly Fink/ZDF

Welche Details waren Ihnen als Zeitzeugin in der Serie besonders wichtig?
Zum Beispiel, dass der Eingang des Kunstpark Ost dem Original ähnlich sieht. Jeder damals kannte ihn, die meisten haben sich ja dort getroffen.

Auch Christian Ude spielt mit 

Ist die Geschichte von wahren Begebenheiten inspiriert?
Die Figuren und Handlungen sind frei erfunden, aber natürlich inspiriert von wahren Begebenheiten. Manche Rahmenbedingungen, vor allem bezogen auf die Entstehung des Kunstpark Ost, stimmen durchaus. Einige Figuren sind an echte Menschen angelehnt. Und echte Menschen aus der Zeit hatten wir ja auch in Gastrollen dabei, unter anderem Christian Ude oder DJ Hell.

Wie war der Entscheidungsprozess beim Casting?
Bei vielen der Rollen war schon bei der Entstehung der Drehbücher klar, wer es spielen könnte, wir mussten sie nur noch überzeugen. Für die Rolle der Linda mussten wir uns gründlich auf die Suche machen. Als Jule Hermann zum Casting kam, habe ich sie gebeten, nicht für die Rolle vorzusprechen, sondern bereits in der Rolle reinzukommen, also als das Mädchen vom Lande, das DJ werden will in einem Club in München. Sie kam rein, erzählte von Ismaning und den zehn Kühen, die sie haben. Als ich sie nach den Namen der Kühe fragte, hat sie mir in einem Atemzug zehn lustige Namen genannt. Sie hatte diese umwerfende Frische und Spontanität, die wir gesucht haben.

Linda Bierwirth (Jule Hermann) liefert sich ein Akkordeon-Battle mit ihrem Patenonkel Theo Meinhardt (Tobias Moretti).
Linda Bierwirth (Jule Hermann) liefert sich ein Akkordeon-Battle mit ihrem Patenonkel Theo Meinhardt (Tobias Moretti). © Marc Reimann/ZDF

Viele Schauspieler kommen aus Bayern oder Österreich. Wie wichtig war Ihnen das?
Der Großteil der Schauspieler ist aus Bayern. Beim Pfanni- Chef war uns aber schnell klar, dass es Tobias Moretti sein muss. Jule Hermann ist aus Berlin, aber ihre Eltern kommen aus Bayern. Und dann kam die Idee mit Klaus Steinbacher als Sohn. Ich habe mir die zwei Fotos nebeneinander gedacht und mich gewundert, wieso mir nie aufgefallen ist, dass die zwei sich so ähnlich sehen.

Außerhalb der Haupthandlung wird Dialekt gesprochen, zwischen den Hauptfiguren aber nicht. Wieso?
Da gab es keine strengen Vorgaben, jeder hat es einfach so gemacht, wie er es gefühlt hat. München ist auch so. Ein Bayer, wie jemand aus Ismaning, redet in München mehr hochdeutsch und wenn er wieder zuhause auf dem Land ist, dann redet er bairisch.

Die "Deutsche Eiche" spielt in Untergiesing 

Wie viele Schauplätze sind Original und wie viel nachgebaut?
Lassen Sie es mich an einem Beispiel erklären. In Untergiesing haben wir eine Straße, in der wir die "Deutsche Eiche“ erzählt haben. Die schaut wirklich super aus, da ist auch ein etwas altmodischer Friseursalon. Natürlich mussten wir alle Autos austauschen, weil die sich in den Jahrzehnten so sehr verändert haben. Um das zu verdecken, stellt man dann zum Beispiel eine Litfaßsäule auf.

Die Regisseurin Mimi Kezele.
Die Regisseurin Mimi Kezele. © Nils Schwarz

Wieso war es wichtig, die „Deutsche Eiche“ als realen Ort zu behalten, obwohl man nicht im Original drehen konnte?
Man dreht oft nicht am realen Ort, unter anderem aus logistischen Gründen. Die „Deutsche Eiche“ war ein fester Bestandteil von München, der unbedingt erzählt werden wollte. Für Linda ist es ein Zufluchtsort, für ihren Bruder Andi, der dort zum ersten Mal hinkommt, ist es eine unbekannte Welt, die ihn verändert.

Wie ist es mit dem Pfanni-Gelände? Haben Sie auch an Originalschauplätzen gedreht oder ist das nachgebaut?
Den Kunstpark Ost haben wir in einem ehemaligen Pharma-Gelände in Wolfratshausen gedreht, teilweise aber auch im heutigen Werksviertel.

Unterstützung von Pfanni 

Hat die Produktion auch mit der Firma Pfanni zusammengearbeitet?
Sie haben uns unterstützt, die Zuschauer werden auch original Pfanni-Autos, Uniformen und vieles andere in der Serie entdecken.

Ist Frederik Linkemann als Bauer Schorsch Bierwirth den Traktor selbst gefahren?
Ja, Ben Münchow auch! Ich auch - wann immer man mich gelassen hat.

Als eingespieltes Team sind Rudi Dreiseitl (Michael A. Grimm, links) und sein Kollege Klaus (Simon Pearce) im Szenehotel "Deutsche Eiche" im Einsatz.
Als eingespieltes Team sind Rudi Dreiseitl (Michael A. Grimm, links) und sein Kollege Klaus (Simon Pearce) im Szenehotel "Deutsche Eiche" im Einsatz. © Marc Reimann/ZDF

Christian Ude spielt sich selbst. Warum wollten Sie hier eine echte Person haben?
Bei einer Leseprobe sind wir auf die Stadtrat-Szene gekommen. Michael Grimm oder Simon Pearce hat gesagt: „Wieso nehmt ihr denn nicht den Christian Ude?“ Die Produktion hat ihn gleich angerufen und er hat sofort zugesagt.

Parallel zur Haupthandlung läuft eine Geschichte, die von der schwulen, queeren Szene in München erzählt. Hängt das für Sie immer zusammen?
Für mich hängen erstmal die Familien zusammen. Und obwohl wir die Entwicklung von Linda begleiten, sind ja auch die anderen Familienmitglieder Teil der Geschichte. Damals war, wie heute, die Welt im Umbruch. Alles Mögliche hat sich eröffnet, da kam so ein komisches Internet, neue Geschäftszweige eröffneten sich. Das ist sehr ähnlich wie heute mit KI. Und die ganzen Umbrüche wollten wir neben der Hauptgeschichte erzählen.

In der Club- und Techno-Szene kommen dann alle zusammen. Macht das Techno aus?
Wenn man das als Außenstehender betrachtet, ist es schwierig, Techno zu verstehen. Man kann es nur verstehen, wenn man Teil der Menschen wird, die tanzen, Teil der Musik. Techno funktioniert nur, wenn es viele sind. Es entsteht durch die Energie, die die Menschen verbindet, sie werden eins.

„München Beats“ ist ab dem 7. August in der ZDF-Mediathek zu sehen. Im ZDF läuft die Serie am 26. und 27. August 2026,  jeweils um 20.15 Uhr

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