"Die Apple-Story": Ein Konzern "wurde zum Monster"

Zum anstehenden 50. Jubiläum der Gründung von Apple veröffentlicht der SWR die dreiteilige Dokuserie "Die Apple-Story - Eine Vision verführt die Welt". Es ist eine Doku voller Anekdoten, die unter anderem ein ambivalentes Bild des Geschäftsmannes Steve Jobs zeichnet.
von  (wue/spot)
Steve Jobs bei der Vorstellung des ersten iPhone.
Steve Jobs bei der Vorstellung des ersten iPhone. © imago/ZUMA Press

Es geht um den den Apple I, den Macintosh, den ersten iPod und das iPhone. Gleichzeitig geht es aber auch um Seiten von Steve Jobs (1955-2011), die das Apple-Mastermind vermutlich nicht gerne der Öffentlichkeit gezeigt hätte. Und es geht um Kritik an einem Konzern, der die Welt in Sachen Technik in den vergangenen Jahrzehnten so sehr beeinflusst hat, wie wohl kaum ein anderer. Im Rahmen des Jubiläums der Gründung von Apple vor 50 Jahren erscheint die dreiteilige SWR-Dokuserie "Die Apple-Story - Eine Vision verführt die Welt".

"Da hat sich die Menschheit fundamental verändert"

Der erste Teil der Reihe steigt mit dem ein, mit dem Apple den Alltag im Heute zuletzt am meisten verändert hat - mit einem "iPod mit Telefonfunktion", wie in einem Bericht im Hintergrund zu hören ist. Die Rede ist natürlich vom ersten iPhone, das 2007 von Jobs vorgestellt wurde. Smartphones hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits gegeben, aber erst die Popularität des iPhone machte das Smartphone zu dem, was es mittlerweile ist - ein mächtiger Helfer aus der Hosentasche, auf den fast niemand verzichten möchte und den viele kaum noch aus der Hand legen können. "Da hat sich die Menschheit fundamental verändert", stellt Zukunftsforscher Tristan Horx bezüglich der Vorstellung des iPhones fest. Es habe irgendwie "Lust auf eine digitale Zukunft" gemacht. Und die war damals "noch gut".

Aufgelockert wird die Dokuserie unter anderem mit zahlreichen Anekdoten und eingeflochtenen, charmanten TV-Momenten aus längst vergangenen Zeiten. So ist an einer Stelle etwa ein junger Thomas Gottschalk (75), der sich mit Telespielen herumschlägt, in einem Einspieler aus dem Jahr 1977 zu sehen. Und wenn ein nicht mehr ganz junger Bürger im Jahr 1983 in einer Straßenumfrage aus Bonn erklärt, dass er für "solche Spielereien" wie Computer keine Zeit habe, wirkt das rückblickend doch recht amüsant. Dabei waren "Heimcomputer" doch in jenem Jahr "der Renner im Weihnachtsgeschäft".

Steve Jobs schlägt eine "Delle ins Universum"

Zu Wort kommen in der Doku auch langjährige Wegbegleiter Jobs', die ein Bild von dem Mann vermitteln, der später im schwarzen Rolli wie ein Guru gefeiert werden sollte. Da ist etwa Daniel Kottke, ein Studienfreund und früher Apple-Mitarbeiter. Er stieß seinen Angaben nach einst ausgerechnet auf ein Buch über Gurus, an dem Jobs auf dem Campus damals großes Interesse gezeigt haben soll. Der Beginn der Freundschaft.

Kottke erinnert sich etwa auch an den "Homebrew Computer Club" und die "echten Nerds", zu denen in den 1970ern Steve Wozniak (75) gehörte. Der Produktdesigner Hartmut Esslinger (81) beschreibt Jobs als einen Typen, der gerne abhing: "Steve war mehr so ein Hangout-Typ damals, Woz war Ingenieur." Kottke erklärt zum Apple I, später dem ersten Produkt des Unternehmens: "Steve Jobs hatte kaum Anteil daran. Steve Wozniak entwarf den Computer komplett alleine und schrieb das Basic-Programm."

Esslinger verdeutlicht, welch große Ambitionen der Techstar stets gehabt haben muss. Jobs habe "eine Delle ins Universum" machen wollen. Einer Geschichte zufolge, auf die sich Kottke beruft, habe der Techunternehmer zu dieser Zeit gegenüber Kobun Otogawa davon gesprochen, "erleuchtet" zu sein. Er habe dem Zen-Meister zufolge zum Beleg den Apple I vorgezeigt, den er überhaupt nicht entwickelt hatte. Schon bald war es mit der "Erleuchtung" offenbar nicht mehr weit her, Jobs habe die Firma gründen wollen und nur noch Dollarzeichen gesehen.

An anderer Stelle der Doku berichtet Kottke, dass Jobs in den 80ern deutlich erfahrenere Ingenieure herumkommandiert habe, er habe Menschen beleidigt und sei "ziemlich arrogant" gewesen - ein Mann, der laut des Journalisten Patrick McGee zwischen Genie und Wahnsinn schwankte, zwischen Legende und Albtraum. Gleichzeitig fallen in der Doku Worte, die zeigen, wie wichtig ihm Apple wohl war. Nachdem er zwischenzeitlich das Unternehmen verlassen hatte, sei es laut Macintosh-Mitentwickler Andy Hertzfeld (72) für Jobs gewesen, "als würde einem jemand das Baby aus den Armen reißen".

IBM als "perfekter Feind"

Angesprochen wird in der Doku beispielsweise auch die damalige Rivalität von Apple und IBM. Jobs habe stets "einen Feind" gebraucht und IBM war laut Hertzfeld "der perfekte Gegenspieler", ein bürokratisches und einfallsloses Monstrum sowie ein Symbol für Verfehlungen der Branche.

Ganz anders war die Stimmung bei den jungen Wilden. Bob Belleville, der bei Xerox arbeitete, wurde von Jobs abgeworben für die neue Macintosh-Abteilung. "Es war wie in einer Studentenbude", erinnert der Computeringenieur sich an seinen ersten Besuch bei Apple zurück. "Alle hingen rum und arbeiteten an irgendwas. Es war nicht wie in einer Firma. So etwas hatte ich noch nie gesehen." Man schwamm begeistert gegen den Strom. Mit wehender Piratenflagge auf dem Gebäude wollte das Mac-Team zusammen mit dem leidenschaftlichen aber auch direkten Jobs die Welt verändern.

Eine düstere, heute legendäre Werbevision, umgesetzt von "Alien"-Regisseur Ridley Scott (88), stand symbolisch für die Veränderung, die man bewirken wollte und den Kampf gegen IBM. Ein einziges Mal gegen Bezahlung ausgestrahlt, beim damaligen Super Bowl, zeigte der "1984"-Werbespot - angelehnt an George Orwells (1903-1950) Klassiker über einen dystopischen Überwachungsstaat - eine junge Frau mit einem Vorschlaghammer in ihrem Kampf gegen den Big Brother. Sie versucht eine gleichförmige Masse an IBM-Nutzern aus deren Starre zu reißen, bevor ein Versprechen ertönt: "Am 24. Januar wird Apple Computer den Macintosh vorstellen. Und du wirst sehen, warum 1984 nicht wie '1984' sein wird."

"Desto mehr kontrollieren sie dich"

Doch aus der visionären Revolution sollte laut Belleville später fast schon ironischerweise genau das werden, was in der damaligen Werbung bekämpft wurde. "Manchmal denke ich an den Werbespot", erzählt er. "1984 sollte nicht wie Orwells '1984' sein. Aber genau das ist eingetreten. Apple will deine Welt kontrollieren. Je mehr du dich in ihre Infrastruktur einkaufst, desto mehr kontrollieren sie dich. Apple wurde zum Monster." Auch Zukunftsforscher Horx malt an anderer Stelle ein düsteres Bild. Mit Hinblick auf das Apple-Logo könne man darin doch "biblische Züge" erkennen, den Biss in die verbotene Frucht. Er habe derzeit das Gefühl, es sei "eine Form von Prophezeiung, die gerade wahr wird".

In den insgesamt drei Teilen von "Die Apple-Story - Eine Vision verführt die Welt" werden viele weitere Themen aufgegriffen - darunter etwa Jobs' Zeit mit NeXT und Pixar, wie Apple ohne seinen Guru gen Abgrund rauschte und wie er mit seiner Rückkehr eine neue Ära für das Unternehmen einläutete. Auch wie der Künstler Andy Warhol (1928-1987) und Rolling-Stones-Frontmann Mick Jagger (82) in die Geschichte des Macintosh passen, gibt es kurz zu sehen. Es geht bis in die Gegenwart, in dem Apple unter Tim Cook (65) zur "einzig unverzichtbaren Luxusmarke" geworden ist, wie die ehemalige Apple-Marketingexpertin Andy Cunningham feststellt. Auf die Hermès-Tasche könne man verzichten, beim Statussymbol iPhone sehe dies schon anders aus.

Die Reihe von Annette Baumeister, eine Koproduktion von SWR, NDR, HR und "Spiegel TV", ist ab sofort in der ARD-Mediathek abrufbar. Am 30. März läuft die erste Episode ab 23:30 Uhr im Ersten.

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