Interview

"Das letzte Wort" mit Anke Engelke: Dem Tod ein Lächeln abringen

Aron Lehmann im AZ-Interview: Der Regisseur und Drehbuchautor über die Netflix-Serie "Das letzte Wort" mit Anke Engelke als Trauerrednerin.
| Florian Koch
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Anke Engelke als Trauerrednerin in der Serie "Das letzte Wort".
Anke Engelke als Trauerrednerin in der Serie "Das letzte Wort". © Netflix

Schluss. Aus. Anfang. Mit diesem Slogan wirbt Netflix für seine Comedy-Serie "Das letzte Wort". Ein Marketing-Einfall, der dem Schöpfer, Aron Lehmann, gut gefällt. Weil er doch klar umreißt, worum es hier geht: um die gestresste Karla (Anke Engelke), die ihren (Johannes Zeiler) ausgerechnet am 25. Hochzeitstag aufgrund eines Aneurysmas verliert.

Auf die Trauer folgt Wut, als Karla entdeckt, dass ihr Mann Geheimnisse vor ihr hatte. Den Neuanfang wagt die mit der Familie im Clinch liegende Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs als Trauerrednerin bei einer maroden Bestattungsagentur (als Inhaber: Thorsten Merten).

Aus dieser Ausgangssituation entwickeln Aron Lehmann - der auch drei Folgen inszeniert - und Carlos V. Irmscher mit den Autorinnen Nora Valo und Carolina Zimmermann eine episodenhafte Serie, in deren Tragikomik sich jeder wiederfinden kann.

AZ-Interview mit Regisseur Aron Lehmann

AZ: Herr Lehmann, was haben Sie an skurrilen Vorkommnissen auf Beerdigungen erlebt, die Sie in der Entwicklung der Serie einbringen konnten?
ARON LEHMANN: Ich glaube, jeder kennt so einen Fall. Ich selbst habe im Familienkreis eine Beerdigung erlebt, bei der ich wirklich fassungslos war. Zuerst war da ein Trauerredner, der gleich betonte, nicht pathetisch werden zu wollen, weil es nicht zu dem Verstorbenen passen würde. Nur um dann eine Show ohne Bodenhaftung abzuziehen, als würde hier ein König aus einem Fantasyfilm beerdigt werden. Und dann hatte er noch einen Begleiter, der wie Miss Daisys Chauffeur die Urne in großen Schritten zum Friedhof trug. Obwohl ich dem Verstorbenen sehr nahestand, musste ich mich beim Weinen fast vor Lachen kugeln. Hier war einfach alles fehl am Platz. Solche Geschichten flogen uns bei der Recherche von allen Seiten zu.

War es schwierig, dabei die Balance aus Trauer und Komik zu wahren und nicht ins Albern-Pietätlose abzugleiten?
Die Würde garantieren die Figuren. Und man selber darf nicht bewerten, ob die jeweilige Situation nun komisch oder traurig ist. Wichtig ist es, dabei wahrhaftig, nah an der Realität zu bleiben. Und dann liegt es im Auge des Betrachters, ob er lacht oder berührt wird.

Dennoch: Die Endgültigkeit des Todes und der Umgang damit bleibt diffizil.
Bloß weil jemand verstorben ist, fangen die Menschen nicht an, sich angemessen und würdevoll zu verhalten. Im Gegenteil, der Tod und der Umgang damit ist eine Überforderung. Der Entwicklungsprozess für die Serie war für uns auch in keiner Weise komisch. Es hat uns in dieser eineinhalbjährigen Recherche- und Entwicklungsarbeit richtig viel Kraft gekostet dem Tod ein Lächeln abzuringen und die Schwere zu überwinden. Diesen Kampf, von dieser ganzen Trauer nicht erschlagen zu werden, spiegelt unsere Hauptfigur Karla wider. Unsere Botschaft dabei war: Das Leben geht weiter. Und das ist die gute wie die schlechte Nachricht.

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In einer Montage stellen Sie den manchmal fast fröhlichen Umgang mit dem Tod in anderen Ländern heraus. Ist die Schwere bei Trauerfeiern typisch deutsch?
Das Schwierige ist, wenn so etwas eine Etikette verpasst bekommt. Jeder Mensch ist anders. Dem sollte man dem auch bei Beerdigungen Rechnungen tragen können. In der Bestatterszene ändert sich hierzulande gerade etwas. Das Bedürfnis nach individuellen Beerdigungen wird größer. Ein Beispiel dafür wäre unter anderem die Arbeit von Eric Wrede, den sogenannten "Hipster-Bestatter" aus Berlin, dem dieser individuelle Zugang zum Verstorbenen wichtig ist. Interessant ist auch, dass Bestatter kein verpflichtender Ausbildungsberuf ist, das kann an und für sich jeder machen, der einen Gewerbeschein hat. Deshalb gibt es auch viele Quereinsteiger mit besonderen Ansätzen.

Sind die wie in der Serie gezeigten Bestatter-Familienunternehmen ähnlich wie in der Landwirtschaft in der Krise, gerade wenn der Nachwuchs etwas anderes machen will?
Das ist leider so. Im Vorfeld haben wir auch mit Bestattern geredet, die solche über Generationen geführte Unternehmen nicht weiterführen wollten und erst später gemerkt haben, wie besonders der Beruf ist und dann wieder in die Branche zurückkehren. Der Beruf hat etwas Sinnstiftendes, man begegnet Menschen, deren Gefühle offenliegen. Und wenn man jemandem mit einem klaren Ablauf in so einer existenziellen Situation Halt geben kann, gibt einem das über das Wirtschaftliche hinaus etwas.

Sie deuten in der Serie an, dass es in diesem Berufszweig schwarze Schafe gibt, die sich fast nur auf das Geschäftliche konzentrieren. Stimmt das auch in der Praxis?
Ja, denn auch dieser Markt wird immer mehr ökonomisiert. Da gibt es sogar Discounterbestattungen. Neulich habe ich ein Foto mit einem Kleinwagen gesehen, auf dem stand: "Billigbestattungen. Kleines Auto, kleiner Preis!" Das ist schon makaber, aber das Bedürfnis sich nicht mit diesem Thema auseinanderzusetzen gibt es eben auch. Auch das ist natürlich legitim.

Anke Engelke war von Anfang an dabei

Anke Engelke als Karla ist gerade zu Beginn keine Sympathiefigur. Inwieweit hat sich die Komikerin in diese Figurenzeichnung eingebracht?
Es ist tatsächlich so, dass Anke von Anfang an mit an Bord war. Wir haben diese Karla mit ihr im Kopf geschrieben, mit allen Stärken, die man von ihr kennt und ihrem großartigen Potenzial in die Tiefe zu gehen.

In den Episodenauftritten der Trauernden finden sich viele prominente Schauspieler, darunter auch ihre Frau Rosalie Thomass.
Wenn man die ganze Ehemanngeschichte außen vorlässt, wäre ich als Regisseur ja schön blöd, sie als eine der besten deutschen Schauspielerinnen nicht zu besetzen. Wir sprechen immer über unsere Projekte. Ihre Wandelbarkeit und ihr wunderbarer Humor haben einfach super zur Rolle gepasst.

Sie sorgt mit ihrem verbalen Ausraster auf der Beerdigung dann auch für einen großen Überraschungsmoment. Kommen diese emotionalen Entgleisungen paradoxerweise bei solchen großen, bemüht pietätvollen Abschieden vor?
Durchaus. Auch dieser Fall, wenn einer bei einer Beerdigung plötzlich aufsteht und ruft "Das war ein Arschloch und das müssen wir auch sagen!", ist so passiert. Wir bedienen uns nur von Beispielen, die uns zugetragen worden sind - ohne jetzt immer autobiografisch zu werden. Wir hätten schreiben sollen: Diese Serie beruht auf wahren Begebenheiten.

Die in "Das Letzte Wort" porträtierte, disparate Familie fängt erst wieder an miteinander zu kommunizieren, als Karlas Mann tot ist. Kann so ein Tod, so bitter es klingt, auch eine Chance sein?
Oder frei nach Hesse: "Jedem Ende wohnt auch ein Anfang inne." Und gerade wenn so eine zentrale Figur wie in unserer Serie geht, müssen sich alle anderen in der Familie neu aufstellen und überlegen: Wie wollen wir weitermachen? Dann kann das auch eine Chance sein.


Alle sechs Folgen ab Donnerstag auf Netflix

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