"Wir entscheiden das Derby"

AZ exklusiv: Bayern-Torhüter Kahn und Löwen-Keeper Hofmann treffen sich in der Grünwalder Bar Italia und diskutieren über legendäre Derbys, Rivalität und vereinbaren einen Trikottausch nach dem Schlusspfiff.
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Wimpeltausch und Shakehands: Oliver Kahn und Michael Hofmann vor ihrem letzten Stadt-Derby. Fotos (2): unitpicture
az Wimpeltausch und Shakehands: Oliver Kahn und Michael Hofmann vor ihrem letzten Stadt-Derby. Fotos (2): unitpicture

AZ exklusiv: Bayern-Torhüter Kahn und Löwen-Keeper Hofmann treffen sich in der Grünwalder Bar Italia und diskutieren über legendäre Derbys, Rivalität und vereinbaren einen Trikottausch nach dem Schlusspfiff.

VON OLIVER GRISS UND

PATRICK STRASSER

AZ: Herr Kahn, gleich zu Beginn unseres Torhüter-Treffens eine Testfrage: Können Sie sich noch an den letzten Derby-Sieg der Bayern über die Löwen erinnern?

OLIVER KAHN: Oh, da muss ich überlegen: Ich habe so viele Derbys gespielt, irgendwann hört man auf, zu zählen.

MICHAEL HOFMANN: Mensch Olli, du hast zu Null gehalten – wie so oft. Im April 2004 war’s: Roque Santa Cruz hat das 1:0-Siegtor gemacht, wir sind Wochen später leider abgestiegen.

AZ: Sie sind seit zwölf Jahren bei 1860, Oliver Kahn seit 14 Jahren beim FC Bayern – also stehen sich hier zwei Münchner Torhüter-Legenden gegenüber. Und beinahe wären Sie einmal Kollegen geworden.

HOFMANN: Stimmt. Ich habe 1995 ein Probetraining bei Bayern gemacht, aber dich, Oliver, damals leider nicht kennen gelernt. Du hattest dir das Kreuzband gerissen, warst in der Reha. Ich habe gemeinsam mit Dariusz Kampa drei Tage zur Probe trainiert – ohne echten Torwarttrainer, der Klaus Augenthaler hat mich eingeschossen.

KAHN (lacht): Ehrlich? Das hab’ ich nicht gewusst.

HOFMANN: Ich war damals 21, für mich war das schon ein Highlight. Noch heute habe ich den Zeitungsartikel aus dem „Nordkurier“ daheim. Die Bayern haben sich dann aber für Michael Probst entschieden. Dass es nicht geklappt hat, bereue ich aber zu keiner Minute. Ein Jahr später war ich bei 1860.

AZ: Sie bestritten im April 1998 Ihr erstes Bundesligaspiel für 1860, im November Ihr erstes Derby.

HOFMANN: Das war das Spiel, bei dem mir der Jens Jeremies im ersten Spiel nach seinem Wechsel von uns zu den Bayern diesen Wahnsinns-Kopfball reinmacht – wir haben ordentlich mitgehalten, aber 1:3 verloren. Im Rückspiel habe ich meinen einzigen Punkt in vier Derbys geholt – da hat unser heutiger Trainer Marco Kurz kurz vor Schluss das 1:1 geköpft.

KAHN: Mensch, du weißt ja noch alles ganz genau.

AZ: Und Sie, Herr Kahn? Welche Ihrer insgesamt 21 Derbys (Freundschaftsspiele miteingerechnet, d.Red.) hat Sie am meisten geprägt?

KAHN: Da waren so viele Highlights dabei, so emotionale Geschichten, dass es mir schwer fällt, sich auf ein Derby festzulegen. Eines werde ich sicher nicht vergessen: Mein erstes, als ich 1994 von Karlsruhe zu Bayern kam. Die Löwen waren gerade aufgestiegen – und wir haben 3:1 gewonnen. Heiß war auch die Geschichte, als Olaf Bodden und ich vom Platz flogen (2. März 1996, 4:2 für Bayern, d. Red.). Oder als sich Torwart Bernd Meier den Ball hinlegt und Carsten Jancker sich hinter ihm anschleicht und den Ball (11. April 1998, 3:1 für Bayern, d. Red.)reinschiebt. Das war legendär (lacht).

HOFMANN: Und mein Glück – danach habe ich gespielt. Leider stand ich bei unseren beiden Derby-Siegen 1999/2000 nicht auf dem Platz. Ich durfte Thomas Riedl, der im ersten Spiel das 1:0 gemacht hat, auf den Schultern durch’s Olympiastadion tragen.

KAHN: Man muss fair sein: Das Spiel haben die Löwen verdient gewonnen. Überhaupt haben uns die Sechziger in der Derby-Historie teilweise hergespielt, aber meistens verloren. Aber man darf nicht vergessen: Für die Sechziger war und ist das Derby das Spiel des Jahres, für uns ging’s oft drei Tage später gegen Real Madrid.

HOFMANN: Da hast du recht. Für uns Löwen ist das Derby das Nonplusultra. Und wir beide, Oliver, haben es in den Händen. Vielleicht kommt’s ja zum Elfmeterschießen – ich bin mir sicher: Olli, wir entscheiden das Derby.

AZ: Kennen sich die beiden Münchner Torhüter eigentlich auch privat?

KAHN: Nein, eigentlich nicht. Jeder hat seinen eigenen Job. Als Profi mit meist zwei Spielen pro Woche bist du froh, wenn du zur Abwechslung mal auf den Golfplatz kannst. Außer bei den Spielen gibt’s keinen Kontakt.

HOFMANN: Ab und zu haben wir uns an der Tankstelle getroffen oder haben uns an der Grünwalder Straße aus den Autos heraus gegrüßt. Olli, ich mache dir einen Vorschlag: Du hast so viele Pokale gewonnen, auf diesen DFB-Pokal kannst du doch verzichten. Wir kommen weiter, ihr gewinnt den Uefa-Cup.

KAHN: Auf gar keinen Fall. Ich bin hochmotiviert. Wenn man wie ich aufhört, will man alle Titel gewinnen. Deswegen nehme ich dieses Derby extrem ernst, danach ist’s nur noch ein Sieg bis Berlin.

AZ: Wenn Bayern weiterkommt, fahren Sie dann zum Finale nach Berlin, Herr Hofmann? Schließlich waren Sie auch 2001 als Fan beim Champions-League-Finale der Bayern gegen Valencia in Mailand.

HOFMANN: Oliver ist ein Riesen-Vorbild für mich. Ich war nach meinem Wechsel nach München oft beim Bayern-Training, habe ihn mir angeschaut. Ich habe seine Karriere intensiv verfolgt. Das war ein tolles Erlebnis für mich. Das Finale, das Flair, die Stimmung – und dann hält Oliver zwei Schüsse im Elfmeterschießen. Es war wohl Ollis bestes Spiel, das schaue ich mir heute noch gerne bei Premiere an. Ich war danach sogar bei der Feier hautnah dabei.

AZ: Wie das denn?

HOFMANN: Sepp Maiers Tochter ist mit meiner Frau (Gisela, d. Red.) sehr gut befreundet. Vom Sepp habe ich diese Reise gebucht bekommen – ein Traum.

AZ: Herr Kahn, haben Sie die Entwicklung von Michael Hofmann bei 1860 verfolgt?

KAHN: Ja, natürlich. Der Michel musste sich in den letzten zehn Jahren immer wieder neu durchsetzen: Egal ob gegen Bernd Meier, Daniel Hoffmann oder Simon Jentzsch. Was ich bei 1860 immer ein bisschen vermisst habe, war die Kontinuität. Da wurde zu oft und zu schnell der Torwart gewechselt. Du hast oft genug gezeigt, dass du sehr konstant gehalten hast.

AZ: Herr Kahn, was glauben Sie: Steigt 1860 auf?

KAHN: Es wird zwar eng, aber ich würde es den Löwen gönnen. Eine Stadt mit zwei Bundesliga-Vereinen ist einfach was Großartiges – siehe Mailand oder Madrid. Mir gefällt der Weg der Löwen mit jungen Spielern aus der Region etwas aufzubauen. Ich denke da immer gerne an ein Beispiel, das ich selbst erlebt habe: Wir hatten damals Anfang der 90er Jahre in Karlsruhe Mehmet Scholl, Michael Sternkopf, Jens Nowotny – ganz junge Leute. Wenn die Jungen bei 1860 zusammenbleiben und die Mannschaft wächst, werden sie viel Spaß haben.

AZ: Herr Hofmann, holen Sie sich – egal wie das 204. Derby ausgeht – Kahns Trikot?

HOFMANN: Ich würde es gerne haben, weil er eben am Saisonende seine Karriere beendet. Bekomme ich dein Trikot, Olli?

KAHN: Natürlich, ist ja mein ultimativ letztes Derby. Es ist schon witzig, wie viele Spieler nach den letzten Spielen mein Trikot wollen und mir dann auf dem Platz viel Glück fürs weitere Leben wünschen: Das ist schon ein komisches Gefühl. Die 14 Jahre bei Bayern, das war schon ein Schlauch. Ich bin froh, wenn’s jetzt dem Ende entgegen geht.

AZ: Wie weit sind Sie mit Ihrem Buch?

KAHN: Ich denke, dass wir es bis Mai, bis zum Saisonende, fertig haben. Momentan arbeite ich an den Manuskripten, ich schreibe selbst. In diesem Buch geht es darum, gewisse Prinzipien, Automatismen, die mir den Erfolg gebracht haben, kritisch zu hinterfragen. Das ist ein Buch über Erfolg – gleichzeitig aber auch über Misserfolg. Michael, dieses Buch musst du dir kaufen, das musst du mir versprechen. Dann geht’s mit dir auch noch mal voran (lacht).

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