Wildmoser-Serie: Heinz, der Durchboxer

Wie Wildmoser in die schillernde Welt der Münchner Gastronome aufsteigt, eine kleine Revolution veranstaltet – und auf der Wiesn dann doch einen Tiefschlag kassiert.
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Petra Schramek Illustration

Wie Wildmoser in die schillernde Welt der Münchner Gastronome aufsteigt, eine kleine Revolution veranstaltet – und auf der Wiesn dann doch einen Tiefschlag kassiert.

Grad lustig war's. Die Schifferlfahrt auf dem Starnberger See, letztes Jahr zu den fünf runden Geburtstagen, mit dem Ex-Wiesn-Stadtrat Memmel, den Wirtskollegen Steinberg und Haberl und natürlich mit dem Wiggerl Hagn, seinem guten Freund. Sie alle feierten 2010 ihren 70. – ein Alter, an denen vielen die Endlichkeit bewusst wird.

„Aber dass es den Heinz als ersten von uns erwischt“, sagt Hagn, der Wirt vom Haidhauser Unions-Bräu, „das hätt' ich mir nie gedacht.“

Der Heinz, den er so lange kannte. Fast 50 Jahre.

Im „Ledigenheim“ im Westend, Wildmosers erster Wirtschaft, sahen sie sich das erste Mal. Hagn war damals beim Unterstützungsverein der Gastwirtsmetzger, aber bald war ihm klar, dass einer wie der Wildmoser gar keine Unterstützung braucht. „Da hast gleich g'sehn, des is einer, der sich durchboxt im Leb'n. Wenn er ein Ziel g'habt hat, dann hat er's meistens auch geschafft.“

Wenn auch nicht immer, wie sich später zeigen sollte.

Erst einmal aber lief es mit dem Geschäft bei Wildmoser immer besser. Es war die Zeit des Aufschwungs, auch 1972, als Wildmoser den Hacker-Keller auf der Theresienhöhe bekam. Die Menschen mochten üppige und fette Küche, man achtete nicht auf eine schlanke Figur, sondern auf eine reichlich gefüllte Schlachtschüssel. Wildmoser, dem gelernten Metzger kam das gerade recht, es wurde gespachtelt bis zum Abwinken.

Alles ging gut, Widerstand hatte er bis in die späten Achtziger Jahre kaum. Auch in der Familie nicht. Der Heinzi, der Sohn, war dem Papa hörig, wie Hagn sagt: „Wenn der Vater sich einen Kaffee eingeschenkt hat, hat's der Bua auch g'macht. Und wenn sich der Papa a Zigaretten angesteckt hat, dann hat sich der Heinzi aa oane ozündt.“

Das Reserl, die brave Ehefrau, stand meist in der Küche, immer aber im Schatten des Gemahls, der sich mehr und mehr in der schillernden Welt der Münchner Gastronome sonnte. Und so war es ein großer Schatten, das Selbstbewusstsein Wildmosers wuchs analog zum Körperumfang.

Wenn sich Wildmoser, wie Hagn meinte, alles erboxte, dann gab es einmal doch einen mächtigen Tiefschlag. 1989 wurde Wildmoser nämlich angezählt. Wegen der Wiesn.

1985 hatte er den Donisl am Marienplatz übernommen, und Wildmoser krempelte alles um. „Was der Heinz da g'macht hat“, sagt Hagn, „des war a Revolution.“ Wildmoser senkte nämlich die Preise radikal. Der Schweinsbraten für einen Apfel und ein Ei, kaum irgendwo in der Stadt aß man billiger als im Donisl, höchstens noch beim Wienerwald. Überschaubar war freilich nicht nur die Speisekarte, sondern auch der Charme mancher Bedienung. Schnell wurde dem Gast damals klar, dass nicht Gemütlichkeit und Herzlichkeit zählten, sondern Abfüllung und Sättigung. Fast Food auf Münchnerisch, McDonisl. „Da war der Heinz ein Vorreiter“, sagt Hagn. Aber beim alten Schörghuber vergaloppierte sich Wildmoser damit.

Denn genau diese Philosophie passte dem Hacker-Imperator gar nicht. Josef Schörghuber wollte den Donisl nicht als billige Massenabfütterungsstation, lieber als gehobenes bayerisches Lokal mit anspruchsvoller Küche und vor allem stattlichen Preisen, wie drüben gegenüber der Oper das Spaten-Haus. Die Quittung bekam Wildmoser 1989.

Acht Jahre zuvor war er auf die Wiesn gekommen, als Wirt der kleinen Entenbraterei, doch einer wie Wildmoser strebte nach mehr. Also bewarb er sich um das Hacker-Zelt, eine der großen Brauerei-Festhallen. Doch den Zuschlag durch Schörghuber bekam Toni Roiderer, der Wirt vom Wildpark Straßlach, eine umso größere Watschn, als dass bis dahin fast nur Innenstadt-Wirte auf der Wiesn Einzug halten durften.

So blieb Wildmoser bis zum Schluss eben nur seine kleine Entenbraterei. Die brachte freilich auch viel Gewinn, als Stärkung des eigenen Egos taugte sie freilich nur noch bedingt.

Fürs Ego brauchte Wildmoser nach der Wiesn-Schmach nun etwas anderes. Und das fand er auch ganz schnell, 1989 noch im gleichen Jahr. Als er nämlich Vizepräsident wurde. Beim TSV 1860.

Florian Kinast, Angela Böhm

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