Nach Löwen-Sieg: Der Fröhling-Faktor

Unter dem neuen Trainer gelingt dem TSV 1860 gegen St. Pauli ein Sieg und der Sprung von den Abstiegsrängen. „Ich werde wohl erst am freien Tag realisieren, was letzte Woche passiert ist“, sagt er.
| Marc Merten
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Zum Niederknien: 1860-Trainer Torsten Fröhling und Assistent Collin Benjamin. 	Foto: dpa
dpa Zum Niederknien: 1860-Trainer Torsten Fröhling und Assistent Collin Benjamin. Foto: dpa

München - Er drehte sich wütend um und beförderte den Schaumstoff-Werbebanner am Rande der Coaching-Zone mit einem Tritt aus dem Weg. „Dafür habe ich gleich einen Anpfiff vom Vierten Offiziellen bekommen“, berichtete Torsten Fröhling am Tag nach dem 2:1 des TSV 1860 gegen den FC St. Pauli. Keine Szene war so charakteristisch für das Trainer-Debüt des 48-Jährigen, als jene Reaktion auf einen missglückten Angriff seiner Löwen.

Einfach wollte Fröhling spielen lassen. Dann lupfte Daniel Adlung einen Ball aus 25 Metern in den Lauf von Rubin Okotie. Doch statt eine Torchance zu kreieren, landete das Leder in den Armen des Hamburger Keepers. Chance vertan. Wieder einmal.

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„Solche Bälle reinzulupfen – das schafft Lionel Messi vielleicht in fünf von 100 Fällen“, erklärte Fröhling seinen Ausbruch. Fröhling stand die kompletten 90 Minuten am Samstag unter Strom. Hin, her, hin, her – er pflügte eine Furche in den Rasen, als wollte er ständig auf Ballhöhe sein. Er sprang in die Luft, raufte sich die Haare, rief, dirigierte, gestikulierte, lobte, klatschte, schimpfte, zitierte Spieler zu sich und besprach sich ständig mit Co-Trainer Collin Benjamin.

„Ich brauche Leute, die mir helfen. Ich bin ja nicht allwissend“, sagte er knapp auf die Frage, wie wichtig ihm das Verhältnis zu Benjamin sei. „Es geht nicht besser. Er kennt meine Emotionen und weiß, wie ich ticke.“

Am Samstag gelang längst nicht alles – eher im Gegenteil. Spielerisch war der Auftritt der Löwen erneut derart mau, dass bizarrerweise 1860 zur Halbzeit durch ein Eigentor Sören Gonthers führte, ohne einen einzigen Torschuss abgegeben zu haben. Der erste richtige Torschuss bedeutete das 2:0 durch Marius Wolf. Danach folgten nur zwei weitere Versuche, weshalb es an Paulis Inkonsequenz vor dem von Vitus Eicher gehüteten Löwen-Tor lag, dass Christopher Nöthe nur den Anschluss erzielen konnte. Dennoch hatte man als Zuschauer das Gefühl, dass Fröhling den Spielern eintrichtern wollte, dass der schiere Wille ausreiche, um zu siegen. Tatsächlich langte es am Ende zum ersten Heim-Dreier seit Ende September. Interessanterweise seit dem ersten Spiel des mittlerweile entlassenen Markus von Ahlen. Und es langte auch zum ersten Sieg nach drei Monaten. Die Löwen sprangen auf Rang 15. Abstiegsränge verlassen, erstes Zwischenziel nach dem Trainerwechsel erreicht.

Grund genug für Fröhling, seinen Spielern – und sich selbst – den Montag frei zu geben. „Ich werde wohl erst am freien Tag realisieren, was letzte Woche passiert ist.“ Auch und besonders die Aufmerksamkeit, die dem in der DDR geborenen Blondschopf zuteil wird. Fröhling war bislang eine hitzige Atmosphäre im Stadion nicht fremd, zum Beispiel beim Amateur-Derby zwischen 1860 und dem FC Bayern im Grünwalder Stadion. Der Medienrummel um seine Person nach Abpfiff erwischte ihn aber trotzdem auf dem falschen Fuß.

„Ich habe einen Medienmarathon absolviert und später kein Essen mehr bekommen“, sagte er und bedauerte, „dass ich die Mannschaft nach dem Sieg nicht mehr groß sprechen konnte, weil es so lange gedauert hat.“ Fast 90 Minuten hatte Fröhling zwischen Kamerateams und Pressekonferenz hin- und herpendeln müssen, ehe es ruhiger wurde. Dass dies so schnell nicht nachlassen wird, ist ihm spätestens jetzt bewusst.

Davon unbeeindruckt will er 1860 ab Dienstag dahin führen, wo er das Team sportlich sehen will. „Wir dürfen uns in den nächsten Wochen aber nicht mehr auf das Glück verlassen, sondern müssen fußballerische Lösungen finden. Machen wir uns nichts vor: Das war kein Traumfußball.“ Aber: „Es war Leben in der Bude.“ Auf und neben dem Spielfeld.

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